Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wenn der Pegel sinkt  

Das Theater St.Gallen bringt in der Lokremise Fischer Fritz zur Schweizer Erstaufführung. Das Dreipersonenstück der Münchner Autorin Raphaela Bardutzky fischt in den Abgründen einer Gesellschaft, die nicht weiss, was sie mit den Alten machen soll.
Von  Peter Surber , 
Wohin mit dem alten Fritz? Ingo Ospelt (Mitte), Vera Bommer und Nancy Mensah-Offei in «Fischer Fritz». (Bild: T+T Fotografie)

Was soll werden, wenn nichts mehr wird? Fritz, der alte Fischer, ist an diesem Punkt – Schlaganfall, Knieprobleme, Schwerhörigkeit, Sturzneigung, eingeschränkte Nierenfunktion, Artikulationsprobleme, Sehstörung, die Liste seiner Gebresten hört nicht auf, kurz: ein Wrack. Sagt er selber. Höchste Zeit fürs Pflegeheim, sagt sein Sohn Franz.

Aber Fritz will nicht ins Heim, sondern heim – an den Fluss, an dem er lebenslänglich gewohnt und gefischt hat. So wird eine «Polin» engagiert, Pjotra, die Fischer Fritz rund um die Uhr betreut. Ein Glücksfall, denn Pjotra kann Fischgerichte kochen wie keine zweite. Und hält Fritz mit polnischen Zungenbrechern auf Trab.

Alles dreht

Die Sprachspiele sind das eine, was im Stück der jungen bayrischen Autorin Raphaela Bardutzky trotz trostloser Perspektive Leben in die Bude bringt. Von «Fischers Fritz» bis «Zwischen zwei Zwetschgenbäumen» liefern die drei scharfzüngigen Spieler Ingo Ospelt, Nancy Mensah-Offei und Vera Bommer einen Crashkurs in Phonetik, buchstabieren labiodentale, alveolare und palatale Konsonanten durch, wirbeln virtuos Polnisch, Bayrisch und Deutsch durcheinander.

Dazu ist auch die Bühne in Dauerbewegung. Gespielt wird auf einer Drehscheibe und um sie herum, in der Mitte thront ein Multifunktionsmedizinalstuhl, das Publikum ist auf drei Seiten verteilt. Das Trio wechselt Rollen und Sprachen und Sprechrichtungen, Videoprojektionen (von Andreas Bächli) holen die Gesichter mal ganz nah oder lassen den Fluss vorbeiziehen. Das Tempo ist hoch, gelegentlich wird einem fast so schwindlig wie dem alten Fritz.

Regisseur Manuel Bürgin, Ausstatter Beni Küng und das Ensemble haben sich eine anforderungsreiche Spielsituation ausgedacht, die uns aus der gemütlichen Zuschauerperspektive herausreisst und zu Leidensgenoss:innen der drei Figuren und ihrer beklemmenden Lebenslage macht. Fritz dämmert dem Tod entgegen, Franz strampelt sich ab auf der Suche nach einem eigenen Leben, Pjotra schlägt die Zeit tot wie Fliegen und ist so «krass einsam», wie es sich auf Deutsch gar nicht ausdrücken lässt.

Da müssen zwischendrin ein paar Regie-Belustigungen her, die dem prall gefüllten Stück jedoch eher Luft rauslassen –  Franz und seine Paris-Erinnerungen, der Auftritt einer stotternden Ergotherapeutin oder eine Kochshow-Einlage. Das lockert auf und lenkt zugleich weg vom ernsten Thema: Was tun mit den Alten, wenn sie hilflos, aber eigensinnig ihr schwindendes Leben weiterleben wollen?

Alter und Klima

Clever verknüpft das Stück, eine Koproduktion des Theaters St.Gallen mit dem Aargauer Theater Marie, das Private mit dem Politischen. Fischer Fritz, so gebrechlich er ist, sieht zugleich mit aller Klarsicht, wie die Klimaerwärmung den Pegel seiner Flüsse sinken lässt und den Fischen den Sauerstoff entzieht. Am Ende kostet ihn die Sorge um sein Lebenselixier das Leben. Franz kann aufatmen. Und Pjotra steigt in den Kleinbus zurück, in eine hoffentlich weniger einsame Zukunft.

Fischer Fritz
Nächste Vorstellungen:
22. und 30. April sowie 3. und 5. Mai, jeweils 20 Uhr, Lokremise St.Gallen
Talk im Studio über «Golden Age»:
2. Mai, 19 Uhr

konzertundtheater.ch

Fischer Fritz, 2022 uraufgeführt, ist nicht ohne Grund ein Theatererfolg: Autorin Raphaela Bardutzky greift darin eines der Megathemen unserer alternden Gesellschaft auf, und dies mit Humor und ohne moralischen Zeigefinger. Alle drei Figuren haben ihre Würde und ihre Tragik, alle drei würde man zwischendrin am liebsten in den Arm nehmen.

Am Ende nimmt man ein paar starke Eindrücke mit: das Drehen auf der Bühne und im Kopf, die polnischen Zisch- und bayrischen Urlaute, allem voran aber den Fluss und seine gefährlichen «Altwasserarme», die dem Fischer Fritz nachts Alpträume bescheren und die als Wort und als Bild nachklingen.

 

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez