Was soll werden, wenn nichts mehr wird? Fritz, der alte Fischer, ist an diesem Punkt – Schlaganfall, Knieprobleme, Schwerhörigkeit, Sturzneigung, eingeschränkte Nierenfunktion, Artikulationsprobleme, Sehstörung, die Liste seiner Gebresten hört nicht auf, kurz: ein Wrack. Sagt er selber. Höchste Zeit fürs Pflegeheim, sagt sein Sohn Franz.
Aber Fritz will nicht ins Heim, sondern heim – an den Fluss, an dem er lebenslänglich gewohnt und gefischt hat. So wird eine «Polin» engagiert, Pjotra, die Fischer Fritz rund um die Uhr betreut. Ein Glücksfall, denn Pjotra kann Fischgerichte kochen wie keine zweite. Und hält Fritz mit polnischen Zungenbrechern auf Trab.
Alles dreht
Die Sprachspiele sind das eine, was im Stück der jungen bayrischen Autorin Raphaela Bardutzky trotz trostloser Perspektive Leben in die Bude bringt. Von «Fischers Fritz» bis «Zwischen zwei Zwetschgenbäumen» liefern die drei scharfzüngigen Spieler Ingo Ospelt, Nancy Mensah-Offei und Vera Bommer einen Crashkurs in Phonetik, buchstabieren labiodentale, alveolare und palatale Konsonanten durch, wirbeln virtuos Polnisch, Bayrisch und Deutsch durcheinander.
Dazu ist auch die Bühne in Dauerbewegung. Gespielt wird auf einer Drehscheibe und um sie herum, in der Mitte thront ein Multifunktionsmedizinalstuhl, das Publikum ist auf drei Seiten verteilt. Das Trio wechselt Rollen und Sprachen und Sprechrichtungen, Videoprojektionen (von Andreas Bächli) holen die Gesichter mal ganz nah oder lassen den Fluss vorbeiziehen. Das Tempo ist hoch, gelegentlich wird einem fast so schwindlig wie dem alten Fritz.
Regisseur Manuel Bürgin, Ausstatter Beni Küng und das Ensemble haben sich eine anforderungsreiche Spielsituation ausgedacht, die uns aus der gemütlichen Zuschauerperspektive herausreisst und zu Leidensgenoss:innen der drei Figuren und ihrer beklemmenden Lebenslage macht. Fritz dämmert dem Tod entgegen, Franz strampelt sich ab auf der Suche nach einem eigenen Leben, Pjotra schlägt die Zeit tot wie Fliegen und ist so «krass einsam», wie es sich auf Deutsch gar nicht ausdrücken lässt.
Da müssen zwischendrin ein paar Regie-Belustigungen her, die dem prall gefüllten Stück jedoch eher Luft rauslassen – Franz und seine Paris-Erinnerungen, der Auftritt einer stotternden Ergotherapeutin oder eine Kochshow-Einlage. Das lockert auf und lenkt zugleich weg vom ernsten Thema: Was tun mit den Alten, wenn sie hilflos, aber eigensinnig ihr schwindendes Leben weiterleben wollen?
Alter und Klima
Clever verknüpft das Stück, eine Koproduktion des Theaters St.Gallen mit dem Aargauer Theater Marie, das Private mit dem Politischen. Fischer Fritz, so gebrechlich er ist, sieht zugleich mit aller Klarsicht, wie die Klimaerwärmung den Pegel seiner Flüsse sinken lässt und den Fischen den Sauerstoff entzieht. Am Ende kostet ihn die Sorge um sein Lebenselixier das Leben. Franz kann aufatmen. Und Pjotra steigt in den Kleinbus zurück, in eine hoffentlich weniger einsame Zukunft.
Fischer Fritz Nächste Vorstellungen: 22. und 30. April sowie 3. und 5. Mai, jeweils 20 Uhr, Lokremise St.Gallen Talk im Studio über «Golden Age»: 2. Mai, 19 Uhr
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Fischer Fritz, 2022 uraufgeführt, ist nicht ohne Grund ein Theatererfolg: Autorin Raphaela Bardutzky greift darin eines der Megathemen unserer alternden Gesellschaft auf, und dies mit Humor und ohne moralischen Zeigefinger. Alle drei Figuren haben ihre Würde und ihre Tragik, alle drei würde man zwischendrin am liebsten in den Arm nehmen.
Am Ende nimmt man ein paar starke Eindrücke mit: das Drehen auf der Bühne und im Kopf, die polnischen Zisch- und bayrischen Urlaute, allem voran aber den Fluss und seine gefährlichen «Altwasserarme», die dem Fischer Fritz nachts Alpträume bescheren und die als Wort und als Bild nachklingen.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
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