Noch vor dem ersten sichtbaren Kamerabild hört man Naturgeräusche. Augenblicklich denkt man an einen tropischen Regenwald. Dann die erste Aufnahme: Ein offener Holzverschlag inmitten von wild wuchernder Natur, ein Dutzend schlafende Menschen, Schnellfeuergewehre in den Händen. Die jungen Männer liegen quer übereinander. Die Kamera geht näher heran und über die Körper hinweg. Plötzlich setzt ein Summen ein, der besänftigende Klang einer Frauenstimme.
Kurze Zeit später wechselt der Schauplatz: vom tropischen Regenwald an die Grenze zwischen Belarus und Polen. In einem vollgestopften Bus sitzen grölende Fussballfans; Grenzbeamte beginnen ihre Papiere zu kontrollieren. Mit Nachdruck wird erwähnt, dass das ausgestellte Visum für das EU-Einreiseland Polen lediglich drei Tage gültig ist. Zwei junge Männer geraten mehr und mehr in den Fokus der Geschichte: Aleksei und Mikhail.
Erst als sich die beiden von der Gruppe absetzen und zu zweit weiterreisen, wird deutlich, dass sie auf der Flucht sind. In den nächsten zwanzig Minuten folgt man dem riskanten Fluchtweg beider bis zum finalen Tod Mikhails an der deutschen Grenze.
Aleksei (gespielt von Franz Rogowski) reist allein weiter, will ankommen, einen Neuanfang wagen. Nach acht Tagen erreicht er den Zielort Paris. Staunend geht er über eine Brücke, betrachtet die neue Welt um sich herum, sitzt nachdenklich in einem Zug. Sein Blick scheint nichts festhalten zu können.
Ein Filmschnitt später befindet man sich mit Aleksei in einem sterilen Rekrutierungsbüro der Fremdenlegion. Aleksei wird interviewt und es entspinnt sich folgender Dialog:
Interviewer: «Keine Dokumente?»
Aleksei schweigt.
Interviewer: «Sind Sie auf der Flucht? Sind Sie illegal eingereist?»
Interviewer: «Das ist kein Problem.»
Pause.
Interviewer: «Haben Sie Verwandte? Eine Notfallkontaktperson?»
Aleksei: «Nein.»
Interviewer: «Sind Sie bereit Risiken einzugehen?»
Aleksei: «Wer Angst hat, bleibt zu Hause.»
Schliesslich kommt es zu einem diabolischen Handschlag zwischen den zwei höchst ungleichen Parteien: dem machtvollen französischen Staat auf der einen und dem Staatenlosen Aleksei auf der anderen Seite. Denn so lange dieser für die Fremdenlegion arbeite und den politischen Interessen Frankreichs nachkomme, dürfe er selbstverständlich im Land bleiben. Und wenn er dieser Aufgabe fünf Jahre lang gerecht werde, winke ihm als Gegenleistung sogar der französische Pass.
Disco Boy ist ein durch und durch beklemmender Film. Künstlerisch überzeugt er im Wesentlichen durch seine hypnotische Kraft. Die fulminante Kameraführung der Französin Hélène Louvart und das grandiose Spiel des Darstellers Franz Rogowski machen ihn zu einem erstklassigen Filmereignis. Wundersam spielt die Kamera mit Licht und Schatten, schafft Übergänge von Unschärfe zu Schärfe und ästhetisiert das Gezeigte auf originelle Art und Weise.
Erst ab der Hälfte des Films führt der Regisseur beide Haupterzählstränge, den Kampf einer bewaffneten Befreiungsbewegung gegen ausländische Ölkonzerne im Niger-Delta, und die Geschichte des in die Fremdenlegion aufgenommenen und dort sich in der Kampfausbildung befindlichen Aleksei, zusammen: Die Befreiungsbewegung unter der Führung von Jomo (gespielt von Morr N`Diaye) entführt französische Staatsangehörige und operiert damit gegen die Interessen Frankreichs. Das hat zur Folge, dass eine Truppe von Fremdenlegionären, darunter Aleksei, umgehend beauftragt wird, die im Niger-Delta festgehaltenen Geiseln zu befreien.
Parallel zum Einsatz der Fremdenlegion brennen nigerianische Soldaten das Dorf der Widerstandsgruppe nieder. Dabei wird der Truppe um Aleksei der zu Irritationen führende Befehl erteilt, auf keinen Fall einzugreifen, obwohl Frauen und Kinder sichtlich in Gefahr sind.
Bei dem darauf folgenden unvermeidbaren nächtlichen Zweikampf zwischen Aleksei und Jomo überlebt nur Aleksei. Die Szene des unvermeidlichen und tödlichen Zweikampfs zwischen Aleksei und Jomo hat ihre ganz eigene Ästhetik, weil es dem Regisseur durch den klugen Einsatz einer Wärmebildkamera gelingt, dieses nervenaufreibende Geschehen besonders nah- und fühlbar zu machen.
Auch der Techno-Soundtrack des französischen Musikers Pascal Arbez-Nicolas (Pseudonym: Vitalic) weiss klanglich zu überzeugen: Das wummernde und pulsierende Tongeflecht legt sich geradlinig über die Flut der Bilder und verleiht dem Film eine dichte, fast klaustrophobische Atmosphäre.
Nachdem Aleksei am nächsten Morgen mit einem Hubschrauber aus der Gefahrenzone gebracht wird, wechselt die Geschichte erneut den Ort und begleitet Aleksei und seine Freunde beim nächtlichen Feiern in einer Pariser Diskothek; dabei fängt die Kamera die innere Zerrissenheit der Hauptfigur bestens ein; man spürt förmlich seine Verlorenheit in der Welt.
Jomos Schwester Udoka, eine leidenschaftliche Tänzerin, wollte schon früh ihr Dorf im Niger-Delta verlassen; jetzt, wo ihr Heimatdorf dem Erdboden gleich gemacht wurde, und ihr Bruder tot ist, flieht sie nach Paris und tanzt ausgerechnet in der Diskothek wo Aleksei zugegen ist. Wie eine religiöse Erscheinung tritt sie tanzend ins Rampenlicht und zieht den niedergeschlagenen Aleksei in ihren Bann.
Wenn Disco Boy Schwächen aufweist, dann doch am ehesten in dramaturgischer Hinsicht. Hin und wieder wirkt das Erzählte sehr konstruiert. Lediglich die ersten durchgehenden 25 Minuten beeindrucken durch eine ganz eigene Intensität und Drastik, die im Laufe des Films nur ab und an wieder aufflammt. So greifbar und visuell interessant die Lebensgeschichte von Aleksei auch erzählt wird, so beiläufig kommt der zweite Erzählstrang im ausgebeuteten Niger-Delta zum Tragen. Allein die Unterhaltung zwischen den Geschwistern Jomo und Udoka wirkt doch sehr hölzern und schauspielerisch wenig überzeugend.
Folgerichtig bleibt Aleksei die prägende Figur des Films: Bei einer militärischen Übung im Gelände wird er aufgrund einer Unterlassung (er möchte das Lied Non, je ne regrete rien nicht mitsingen) erniedrigt und vom Ausbilder ermahnt, seinen bisherigen Bleibestatus zu verlieren, falls er nicht tut, was man ihm sagt – denn:
«Ausserhalb von hier, ohne Papiere, bist du nichts.»
Eine der letzten Szenen zeigt Aleksei in der Kaserne vor seinem Spind und wie er dort seinen Pass ins Fach legt, dieser, ohne Zutun, Feuer fängt und wunderlich in Flammen aufgeht. Ein Zeichen der Befreiung? Aber kann es die geben?
In der Schlussszene tanzen Udoka und Aleksei unter bunten Diskolichtern; es ist eine Kommunikation ohne Worte. Die drängende Technomusik umfängt sie, umschliesst sie. Das Pulsierende bleibt.
Disco Boy erzählt über rund 90 Minuten recht eindringlich von einer schmerzlichen Identitätssuche, von Macht und Ohnmacht in herrschenden Verhältnissen und von einer möglichen kurzen aber notwendigen Befreiung im Tanz. In Nordfrankreich, den Karpaten und auf der Insel Réunion gedreht, ist dieser Erstling bis auf wenige Einschränkungen ein rauschendes und vielschichtiges Filmereignis das einen gebannt und beeindruckt zurücklässt.
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