Saiten: Am 12. April habt Ihr den Namen Eures Magazins – «Republik» – in Bern vorgestellt, etwa 140 Interessierte sind gekommen. Beim Eröffnungsapero im Januar in Zürich waren es fast 600. Zeugt dieses Interesse bereits von einer journalistischen Marktlücke?
Christof Moser: Soweit würde ich nicht gehen. Wir sehen solche Anlässe durchaus als kleine Tests. Das Interesse ist erfreulich, der wirkliche Markttest läuft aber erst jetzt und noch bis zum 31. Mai: das Crowdfunding.
Stört es, wenn Du und Constantin Seibt in den Medien als «Starjournalisten» bezeichnet werden oder ist das in Eurem Sinn?
Diese Zuschreibungen kommen ja von anderen, nicht von uns selbst. Wir sehen uns beide als Handwerker. Unser Ziel ist es, uns eher zurückzunehmen, damit auch andere aus dem Team zur Geltung kommen. Zum Beispiel Clara Vuillemin, die als Verantwortliche für das IT-Team Teil der Redaktion sein wird. Insgesamt sind wir im AufbauTeam zehn Personen, und alle dürfen überall mitreden, ob nun bei der IT, der Typografie oder dem publizistischen Leitbild. Das dauert zwar manchmal etwas länger, weil wir eine Extrarunde drehen, dafür tragen alle am Schluss alle Entscheide mit. Nicht ausser Acht lassen darf man: Wir entwickeln nicht nur ein Magazin, wir bauen mit der Project R Genossenschaft auch gemeinnützige Strukturen.
Ihr wollt «nicht den ersten Text schreiben, sondern den definitiven», sagt Ihr. Das wollen auch wir bei Saiten, und bei anderen Medien gibt es mit Sicherheit auch Journalistinnen und Journalisten, die diesen Anspruch haben. Wie will sich die «Republik» publizistisch abheben?
Keinesfalls wollen wir behaupten, dass andere Medien keinen guten Journalismus betreiben, geschweige denn, dass alle Journalistinnen und Journalisten schlechte Arbeit machen. Wir kritisieren das Mediensystem, das gute Arbeit immer schwieriger macht. Zudem planen wir für die Zukunft. Wir sehen ja, dass die Verlage je länger je mehr aus dem Journalismus aussteigen. In den nächsten Jahren wird es grosse Umwälzungen geben. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Publikationen von politischen Kräften übernommen werden. Das Resultat wäre eine Berlusconisierung des Schweizer Mediensystems. Wir wollen nicht erst dann antreten, wenn es soweit gekommen ist. Dann ist es zu spät.
Das beantwortet nicht die Frage: Was will die «Republik» publizistisch?
Wir wollen uns auf die grossen Fragen und Debatten konzentrieren. Und liefern, was an Fakten, Informationen und Haltungen zu einem Thema nötig ist, damit Bürgerinnen und Bürger gute Entscheide treffen können. Und zwar so, dass es auch noch ein Vergnügen ist, die «Republik» zu lesen. Praktisch heisst das: nicht kurzlebigen News-Journalismus betreiben, sondern Entwicklungen und Zusammen hänge aufzeigen und unsere Kräfte bei den wichtigen Geschichten bündeln. Das publizistische Detailkonzept arbeiten wir in der zweiten Jahreshälfte aus, falls wir das Crowdfunding schaffen. Dann kommen weitere Journalistinnen und Journalisten an Bord. Sie sollen die publizistische Entwicklung mitprägen können.
Wieso der Exodus? Wäre es nicht auch denkbar, beim «Tagi» oder der «Schweiz am Sonntag» etwas zu verändern beziehungsweise für seine journalistische Haltung einzustehen?
Wenn der Dampfer einen Kurs einschlägt, eine Richtung, die du nicht für richtig hältst, kannst du zwar vielleicht auf dem Sonnendeck die Reise geniessen – aber du wirst auf jeden Fall das Ziel verfehlen. Bei den traditionellen Verlagen fliessen Geld, Ideen und Leidenschaft nicht mehr in den Journalismus. Also stellt man sich irgendwann die Frage: Bleibe ich, geniesse meine Privilegien in einer guten Position, unterhalte aber damit ein System, das vor allem für den Werbemarkt funktionieren muss und nur noch sehr wenig mit der Rolle zu tun hat, die Journalismus in einer Demokratie haben sollte? Wenn ich meine Funktion als Journalist ernst nehme – die Funktion, nicht mich – kann die Antwort auf diese Frage nur ein Nein sein.
Die «Republik» lädt zum Tag der offenen Tür in St.Gallen und ist zu Gast bei Saiten im Konsulat an der Frongartenstrasse 9: am 24. Mai, von 10 bis 19 Uhr. Apero mit dem ganzen Team: ab 17 Uhr. Special Guest 18 Uhr: Renato Kaiser.
Übertreibt Ihr nicht mit der Problemanalyse?
Ein paar Beispiele aus der Praxis: Journalismus unterscheidet sich vom Gerücht durch zwei voneinander unabhängige Quellen. An diese einfache, aber wichtige Regel hält sich nicht nur die meistgelesene Zeitung im Land nicht mehr. Sie funktioniert wie andere auch nach der Logik der Online Portale, die unablässig kleine Empörungsgeschichten produzieren. Sie sind leicht zu verstehen, schnell zu produzieren, lange fortzusetzen. Und wenn die Konkurrenz aufspringt, wird daraus eine Medienwalze. Egal, ob rauchende Nationalrätin im Rauchverbot oder Nationalrat mit asylsuchender Schwarzarbeiterin: die kleine Empörungsgeschichte ist nicht nur Zeitverschwendung, sondern produziert auch mehr Angst und Abwehr. Und im Fall der teuren Therapie für den gewalttätigen Jugendlichen «Carlos» sogar mehr Bürokratie, weil rückwirkend alle Fälle in der Jugendarbeit auf fünf Jahre hinaus zurückbegründet werden mussten. Ist das nicht genau das Gegenteil von dem, was Journalismus erreichen sollte? Wir reden hier über systematische Probleme im Mediensystem.
Gibt es schon Geschichten oder Recherchen, auf die man sich freuen kann, sofern es denn klappt mit dem Crowdfunding? Bis jetzt las man ja vor allem grosse Worte…
Ziel unseres Projekts ist nicht, eine weitere Publikation unter vielen zu machen. Wir wollen ein zukunftsfähiges, nachhaltiges Modell bauen für unabhängigen Journalismus. Deshalb gehen wir gestaffelt vor – und legen auch etwas Pathos rein: Letztes Jahr haben wir Konzepte entwickelt, Leute ein gebunden, Diskussionen geführt. Anfang Jahr haben wir Rechtsform und Strukturen definiert und jetzt soeben das Crowdfunding gestartet. Im Moment machen wir also vor allem Propaganda für das Projekt – ein völlig neues Gebiet für mich, auch wenn wir das journalistisch angehen. Im Juni, wenn das Magazin wirklich zustande kommt, geht es dann darum, die Redaktion zusammenzustellen und das publizistische Konzept zu verfeinern.
Was können denn die Leserinnen und Leser erwarten?
Das Magazin wird nach aktueller Konzeption quasi zwei «Herzkammern» haben: Die eine ist das digitale Magazin, wo wir täglich zwei bis drei Beiträge mit aktuellem Hintergrund liefern wollen – entweder das Konzentrat oder das Panorama. Die andere Kammer sind am Anfang vier und später bis zu acht grosse Geschichten pro Jahr. Hier wollen wir in der Umsetzung neue Wege zu gehen, also zum Beispiel mit Gamedesignern zusammenarbeiten. Nicht, um zu zeigen, was alles für Spielereien möglich sind, sondern um auf möglichst gute Antworten zu kommen auf die Frage: Wie erreichen wir mit relevanten Inhalten bestmöglich das Publikum?
Geht das noch konkreter?
Nehmen wir das Stadt-Land-Thema: Ich könnte mir vorstellen, als Projekt zwei oder drei Journalisten für einige Wochen in die Agglo zu schicken, um dort eine temporäre Redaktion zu eröffnen. Daraus könnte alles Mögliche entstehen, zum Beispiel eine Podcast-Serie, eine Fortsetzungsgeschichte oder eine grosse Recherche. Wir schicken Expeditionsteams in die Wirklichkeit. Gerade in unserem Job ist man ja auch immer wieder mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert. Schwarz und weiss gibt es nicht, wir versinken alle bis über beide Ohren in Widersprüchen. Das soll und darf in der «Republik» ruhig spürbar werden.
Wie schafft man es, wieder mehr Leute dazu zu bringen, einen Text zu lesen, der mehr als 3000 Zeichen hat?
Mein Vorschlag: indem man ihn schreibt. Wir machen gewisse Sachen ganz bewusst nach Lehrbuch falsch. Unsere Newsletter sind zum Beispiel ellenlang, trotzdem werden sie offenbar gerne gelesen. Es ist falsch, dass Leserinnen und Leser nicht mehr lesen wollen. Das zeigen auch Auswertungen des Online-Leseverhaltens. Und auch im Print stimmt es nicht: Das «Reportagen» zum Beispiel, das lange Texte publiziert, hat einen sehr beachtlichen Anteil von unter 35-Jährigen in der Leserschaft. Newsangebote gibt es genug. Seltener sind die gut erzählten Hintergründe – mit Betonung auf gut erzählt. Und die werden sehr wohl gelesen.
Ist die «Republik» ein intellektuelles, elitäres Projekt?
Das werden wir oft gefragt – und wir sagen aus ganzem Herzen: «Ja!» Aber wir meinen das anders, als die meisten meinen: Die Schweiz ist ein Land der Eliten. Es gibt hier unglaublich viele gute Fachleute. Jeder Handwerker gehört dazu, wenn er seinen Job gut macht. Gerade in der halbdirektdemokratischen Schweiz, wo viele – leider noch nicht alle, die dürfen müssten – mitbestimmen können, gehören fast alle automatisch zur Elite. Wir werden Fachleute so früh wie möglich in Recherchen miteinbeziehen – und nicht erst am Schluss, wenn man noch zwei Zitate braucht, um eine vermeintliche These zu untermauern. Es gibt so viel grossartiges Wissen da draussen, praktisches Wissen. «Republik» wird nicht mit dem Lehrbuch reden, sondern mit Praktikerinnen und Praktikern. Constantin sagt immer: Wir wollen, dass uns nicht nur der Maurer im Bundesrat liest, sondern auch der Maurer im Aargau.
Gespräch zur Medienkrise: 9. Mai, 19:30 Uhr, Zeughaus Teufen. Mit Christof Moser, Nadja Schnetzler, Ex-«Tagblatt»-Chefredaktor Gottlieb F. Höpli und Ex-«Bund»-Chefredaktor Hanspeter Spörri.
Zur Zielgruppe gehören demnach so ziemlich alle…
Viele. Wir ziehen das Projekt nicht anhand einer gewissen Zielgruppe auf, sondern wollen als Bewegung funktionieren. «Republik» steht für die republikanischen Grundwerte: die Gewaltenteilung, Rechtsgleichheit und natürlich für die Pressefreiheit. Diese Werte – die Werte der Aufklärung – sind für uns keine Frage von links oder rechts, sondern elementare Grundwerte, die längst nicht mehr einfach selbst verständlich sind. Sie müssen verteidigt werden. Dass wir unser publizistisches Angebot auf dieser Grundlage auch im Dialog mit dem Publikum entwickeln werden, versteht sich bei einem digitalen Projekt von selbst.
Wo verortet sich «Republik» politisch?
Erinnern wir uns an die Durchsetzungsinitiative: Die Abstimmung hat gezeigt, dass man den Angriff auf den Grund wert des Rechtstaats im Verhältnis 40 zu 60 Prozent abwehren kann, wenn sich das linke und das liberale Lager, also der Freisinn ursprünglicher Ausprägung, zusammentun und gemeinsam etwas bekämpfen. An die Menschen in diesem politischen Spektrum richtet sich unser Medium.
Vom Project R zur «Republik»: Seit drei Jahren arbeiten Journalistinnen und Journalisten, IT-Entwickler und Startup-Expertinnen am Aufbau des Projekts. Anfang 2017 hat sich die Aufbau-Crew zu Project R zusammengeschlossen, um das digitale Magazin «Republik» voranzutreiben. Initiiert haben das Projekt die beiden Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser. Das weitere Team besteht aus Susanne Sugimoto (Geschäftsführung), Laurent Burst (Strategie), Nadja Schnetzler (Prozesse und Zusammenarbeit), Richard Höchner (Community & Events), Clara Vuillemin (Head of IT), Patrick Recher und Thomas Preusse (beide Software-Entwicklung).
Dieser Text erschient im Maiheft von Saiten. Das Gespräch wurde am 13. April geführt, knapp zwei Wochen vor dem Start des Crowdfundings am 26. April. Das Ziel – 3000 Mitglieder und 750’000 Franken – wurde in nicht einmal acht Stunden erreicht.
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