Es waren am Montagabend nicht ganz 300 Menschen ans Themforum zum #BahnhofNord in der Lokremise gekommen, wie die Verantwortlichen der Stadt noch Ende März spekuliert hatten. Ob diese fehlende Mobilisierung wohl am rhetorischen Charme von Bau- und Planungschefin Patrizia Adam liegt?
Aber immerhin: Gut 100 Interessierte haben sich in der Lok getroffen, im Flügel, wo sonst Tanz aufgeführt wird.
Passt gut zum Eiertanz, der dieser Planungsprozess nun mal ist. Viel steht dort auf dem Spiel, viele wollen und dürfen (mittlerweile!) mitreden.
Zu Beginn mischen die beiden gefühligen Moderatoren Stefan Tittmann und Sara Kurmann von der Fachhochschule St.Gallen das Publikum auf: Der Raum wird in Kategorien wie «interessierte Stadtbewohner», «Kulturschaffende & Gewerbe» oder «Anwohner» aufgeteilt, dann müssen alle Anwesenden von ihren Sechsertischen aufstehen und sich in eine der Gruppen einordnen.
Fazit: Weitaus am meisten Stadtbewohner, aber auch viele Kulturschaffende, Gewerbler und Anwohner sind da.
Niemand sagt: «Wir wollen Büros»
Sowieso ist das einer der besten Effekte des Abends: Mit Leuten am Tisch zu sitzen und zu diskutieren, die man normalerweise nicht trifft. Da plaudert der 23-jährige Student plötzlich mit der 72-Jährigen, die seit 40 Jahren im Quartier wohnt.
Möglich macht dies die Methodik der Moderatoren: Es werden drei Diskussionsrunden à 20 Minuten durchgeführt. Nach jeder Runde wechseln alle bis auf einen «Gastgeber» den Tisch und finden sich so in einer neuen Runde wieder. Die gesammelten Ideen und Gedanken werden mit Filzstift auf Flipchart-Blätter auf den Tischen geschrieben. Kommt einem irgendwie bekannt vor.
Für die Diskussionen geben die Moderatoren je eine Leitfrage mit: Was kommt Ihnen zum Thema in den Sinn? Was ist Ihnen für den Bahnhof Nord in der Zukunft wichtig? Was geben Sie den Planern mit auf den Weg?
Soviel vorweg: Bahnbrechend neue Ideen sind dabei nicht ans Licht gekommen. Verständlich, hat doch die Stadt gemeinsam mit den Sozialraumforschern der FHS bereits viele Gespräche mit den Leuten rund ums Quartier geführt und ein paar hundert Leute auch Online befragt. Und in einer «WerkStadt» konnte man eine Woche lang die Gebäude in einem Bahnhof Nord-Modell wie Bauklötze umherschieben und Ideen aufschreiben.
Derer gibt es auch nach dem Montagabend viele: Studentenwohnheim, Restaurant(s), Cafés, Parks mit Containern, Hotels, Unterführung zur Kreuzbleiche etc. etc.
Schöner Einwurf aus den Tischrunden: Es braucht auch einen Raum ohne Konsumzwang. Einige sprechen sich für ein Hotel aus («aber keinen Kasten wie die FHS»), andere für oder gegen den Erhalt des Klubhauses, für oder gegen dessen Renovation.
Was man während des ganzen Abends nicht hört: «Wir hätten hier gern ein Bürohochhaus.»
Showdown ist 2017
Die so gesammelten Inputs werden nun von vier Architekturbüros (aus St.Gallen Thomas Kai Keller und Barão Hutter, aus Zürich Meili & Peter sowie Boltshauser Architekten) in Testplanungen einbezogen. Diese Planungen werden dann einem breiten Beurteilungsgremium vorgelegt. Ende November kommt es zu einem zweiten partizipativen Abend: Am öffentlichen Ergebnis-Forum werden die Planungen vorgestellt.
Danach soll es ruckzuck gehen. Der Stadtrat will bereits Anfang 2017 ein konkretes Vorgehen beschliessen, das ab Frühling 2017 umgesetzt werden soll. Spätestens dann ist Showdown und klar, welches Gewicht die Stadtentwicklung von unten in St.Gallen wirklich hat.
Knatsch um Klubhaus-Sanierung
Die Veranstaltung war zudem von den üblichen Verdächtigen besucht: Stadtpolitiker (und solche, die es werden wollen), Architekten, die Tisch-hinter-den-Gleisen-Crew, die Elite der Verwaltung.
Und so gab es am Rande des Abends auch Spannendes zu hören: SP-Stadtparlamentarier Gallus Hufenus berichtete, dass die Genossenschaft, der das Spanische Klubhaus bis 2013 gehörte, das Genossenschaftskapital ausschütten will. Beim Verkauf des maroden Gebäudes an die Familienausgleichskassen hat die Genossenschaft 2013 einen Reinewinn von 700’000 Franken gemacht.
«Ich finde es absolut stossend, dass das Geld gerade jetzt ausbezahlt werden soll», sagt Hufenus, der ebenfalls Genossenschafter ist. «Angebracht wäre, dass man abwartet, bis ein Entscheid zum Klubhaus vorliegt. Wird es saniert, soll der Gewinn an die Bauarbeiten fliessen.» Hufenus vermutet, dass das Geld nicht per Zufall jetzt ausgezahlt wird: «Die Verantwortlichen haben Angst vor Begehrlichkeiten, wenn es zur Sanierung kommt.»
Zur Erinnerung: Laut einer Einschätzung des Hochbauamtes könnte die Totalüberholung des über 100-jährigen Gebäudes bis zu 5 Millionen Franken kosten.
«Wer will, kann spenden»
Der ehemalige Präsident der Genossenschaft, Reto Antenen, winkt auf Anfrage von Saiten ab: «Die Genossenschaftsversammlung hat 2015 entschieden, dass die Genossenschaft aufzulösen ist. Die Liquidation läuft, ich habe keinen Einfluss mehr darauf.» Die Genossenschafter hätten es zudem abgelehnt, den Gewinn an die Caritas Spanien oder an die Sanierung des Restaurant Kreuz in Winkeln zu zahlen. Das Kreuz war als Ersatz für das Klubhaus gedacht, der Plan wurde mittlerweile von der Stadt aber wegen zu hoher Kosten fallengelassen.
Auch den Vorwurf von Hufenus, die Genossenschaft sei in der Pflicht, da sie den Unterhalt des Gebäudes «verschlampt» habe, weist Antenen zurück: «Wir haben investiert, was wir konnten. Mehr Mittel hatten wir nicht und für den Unterhalt eine teure Hypothek aufzunehmen, war keine Option.»
Antenen weist aber darauf hin, dass sowohl die Stadt als auch der Verein Hogar Espanol «namhafte Beteiligungen» am Genossenschaftskapital hielten. «Es ist natürlich jedem überlassen, sein Kapital und den Gewinn an eine allfällige Sanierung zu spenden», so Antenen.
Die Ergebnisse des Themenforums werden ab Freitag auf stadtsg.ch/bahnhofnord publiziert.
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