Kategorie
Autor:innen
Jahr

PowerPoint, Blitzkästen und Korruption

Wer ohne grosse Partei im Rücken zu den Wahlen antritt, beruft sich gerne auf die kleinen Leute. Auch die St.Galler «Möchtegern-Kantonsrätinnen und -räte».
Von  Urs-Peter Zwingli

Während die etablierten Parteien bei den Wahlen den Kuchen unter sich aufteilen, gibt es immer auch ein paar Polit-Freaks, die sich um die wertlosen Krümel streiten. Eines der schrägsten Beispiele der letzten Jahre ist wohl die «Anti PowerPoint Partei» (APPP). Diese sieht sich als «Anwalt der etwa 500’000 Schweizer Bürger, die monatlich bei langweiligen Präsentationen in Unternehmen oder Universitäten zwangsweise anwesend sein müssen».

Das Argument zog nur bei wenigen Wählern: Bei den Nationalratswahlen 2015 holte die APPP im Kanton Zürich 4359 Stimmen – etwa gleich viele wie die Liste «DU – die Unpolitischen» und weit weniger als «HanfUeli», «Stopp Stau und Blitzerterror» oder die «Tierpartei Schweiz».

Es gibt im Schweizer Stimmvolk also ein gewisses Bedürfnis nach neuen, unkonventionellen Parteien oder auch parteilosen Einzelkämpfern.

Der Politikwissenschaftler Michael Hermann spricht bei den obigen Beispielen von «Jux-Listen, bei denen man sich fragen kann, wie ernst man sie nehmen muss». Daneben habe die parteilose Bewegung in der Schweiz aber eine erfolgreiche Seite: Ihre Vertreter sitzen in vielen politischen Gremien, in denen Sachpolitik gefragt ist. «Gerade in kleineren Gemeinden ist Parteipolitik eher hinderlich», sagt Hermann. Im Ausserrhoder Kantonsparlament bilden die Parteiunabhängigen sogar eine eigene Fraktion.

Sarah Bösch twittert wieder

Zurück zu den Polit-Freaks, von denen bei den Kantonsratswahlen am 28. Februar auch in St.Gallen ein paar antreten. Darunter Sarah Bösch, die 2015 landesweit als «Bier-Bösch» bekannt geworden ist: Nach einer Blaufahrt wurde sie von der Polizei gestoppt und kritisierte daraufhin die «krasse Bürokratie» auf Facebook. Wegen der Affäre musste sie aus der SVP austreten und das Wiler Stadtparlament verlassen.

Bösch zügelte nach St.Gallen und will jetzt in den Kantonsrat. Dafür hat sie «Die Stadtliste» aufgestellt und sogar drei Mitstreiter gefunden, politisch allerdings völlig unbekannte. Bösch bleibt ihrem Stil auch als Parteilose treu: Mitte Januar wetterte sie öffentlich auf Facebook gegen die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare («Keine Experimente auf dem Rücken der Kinder») – und löste einen Shitstorm aus.

Gegenüber Saiten sagt Bösch, als Parteilose zu politisieren, habe gewisse Vorteile. «Ich kann viel mehr aus dem Bauch heraus kommunizieren, weil ich an keine Parteidisziplin gebunden bin». So sei sie «viel näher an den Leuten dran». Und so gab sie auch zum Thema Nummer eins von Anfang Jahr, der Kölner Silvesternacht, einen Kommentar ab: «Wie breit ist #einearmlaenge? Mittelmeerbreite? Würde Sinn machen!», twitterte die 34-Jährige.

Zur Erinnerung: 2015 sind laut der UNO im Mittelmeer rund 2500 Menschen ertrunken. Böschs digitales und mediales Gepolter zieht bei einem Teil des Stimmvolks: Sie erhielt als Newcomerin bei den Nationalratswahlen mehr Stimmen als die Spitzenkandidaten der Jungparteien.

Keine Lust auf allzu viel (Partei-)Disziplin haben neben Bösch noch andere im Kanton St.Gallen: Vier parteilose Listen sind für die Kantonsratswahlen gemeldet, drei davon im Wahlkreis Rorschach. Dort sticht die Liste mit dem Titel «Marcel Eck – Bündnis gegen Korruption und Beamten-Willkür» heraus. Der Goldacher Eck ist in der Ostschweiz vor allem bekannt, weil er seit Jahren einen Kleinkrieg gegen Behörden und Gerichte führt und Dokumentationen davon ungefragt an Journalisten verschickt.

Am Telefon will er sein politisches Programm nicht näher erläutern, sagt aber, die Schweiz «fährt mit 120 auf eine Wand zu und die etablierten Politiker haben keine Lösungen». Dann hängt er auf und schickt per Mail sein mehrseitiges politisches Programm. Es ist ein atemlos geschriebenes Manifest von ökologischen («Umwelt-Verschmutzungs-Abgabe») und sozialen («Bedingungsloses Grundeinkommen für Arme») Argumenten sowie einer radikalen Anti-Haltung gegen Verwaltung und Parteipolitik.

Ebenfalls in Rorschach tritt der Einzelkämpfer Manuel Cadonau mit der Liste «Mehr Familie – mehr Freiheit – mehr Sicherheit!» an. Auch SVP-Mitglied Cadonau hat sich in den letzten Jahren auf sozialen Medien Entgleisungen geleistet. So hatte er nach dem Charlie-Hebdo-Attentat auf Facebook «moslemfreie Fluglinien» gefordert. Nach viel Kritik erklärte Cadonau den Post gegenüber dem «Blick» als «satirisch gedacht». Die «Handelszeitung» wühlte danach in alten Tweets von Cadonau und fand sexistische Sprüche sowie Begeisterung für die Pegida-Demonstranten.

Im Wahlkreis Rorschach tritt zudem die Liste «Parteifrei SG» an, ein Zusammenschluss von Parteilosen mit verschiedenen Hintergründen. «Unser Profil ist rot-grün bis libertär», sagt die Kandidatin Irene Varga, die selber früher bei den Grünen politisierte. Es brauche Politiker, die unabhängig von vorgegebenen Parteilinien Lösungen suchen. «Weit über die Hälfte der Bürger ist nicht Mitglied in einer Partei. Für diesen Teil der Bevölkerung wollen wir eine Alternative sein». Statt bei Abstimmungen Parolen zu fassen, listen die St.Galler Parteifreien bei ihren monatlichen Treffen jeweils Pround Kontra-Argumente auf, die sie dann online veröffentlichen.

Dass nur gerade vier von 72 Listen im Kanton St.Gallen nicht von etablierten Parteien gestellt werden, ist eigentlich erstaunlich: Für eine Kantonsratsliste braucht man nur 15 im jeweiligen Wahlkreis gültige Unterschriften.

Alle machen Opposition

Dass sich eine der neu gegründeten Kleinparteien und parteilosen Listen längerfristig etablieren kann, glaubt Politologe Hermann allerdings nicht: «Das klappt selten. Dazu müsste eine neue Gruppierung ein aktuelles Megathema aufgreifen können, wie etwa die Grünen die Ökologie. Aber selbst die Piraten haben mit der Digitalisierung als Thema in der Schweiz den Durchbruch nicht wirklich geschafft.»

Tatsächlich treten die Piraten für den Kantonsrat nur noch im Wahlkreis St.Gallen an – und von den drei Kandidaten auf ihrer Liste ist einer ebenfalls parteilos: der Ex-Pirat und Viel-Twitterer Marcel Baur aus St.Gallen. Er werde diesen Herbst voraussichtlich auch als Parteiloser fürs Stadtparlament kandidieren, sagt Baur, der sich für erneuerbare Energien und gegen die Sparpolitik im Bildungswesen einsetzen will.

Weil die Megathemen derzeit schon besetzt sind, versuchen viele Parteilose, mit Anti-Politik-Stimmung Stimmen zu holen. Diese wird laut Hermann in der Schweiz aber von den etablierten Parteien schon sehr gut abgedeckt: «Alle Parteien machen mit speziellen Themen Opposition gegen das Establishment. Bei der SVP ist die Kritik an der Classe politique ein regelmässiges Argument. Aber auch die Linken greifen zu diesem Mittel, wie in den vergangenen Jahren etwa die 1:12-Initiative der Juso gezeigt hat», sagt Hermann.

Dieser Text erschien im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42