Das Volk, das ominöse. Was ist das eigentlich, und wer gehört wann dazu?
Im Festzelt alle. Bei Marx die «kleinen Leute». In der Schweizer Politik etwa 20 Prozent der Bevölkerung, besser bekannt als Stimmvolk, jene kleine Elite also, die das Privileg hat, über alle zu bestimmen, ohne alle zu repräsentieren.
Am 28. Februar ist es wieder soweit, das Volk soll seinen Willen kundtun. In der Stadt St.Gallen wird über das weitere Vorgehen beim Güterbahnhofareal bestimmt, im Kanton über die Zusammensetzung des Parlaments bis 2020 und auf nationaler Ebene werden gleich vier Themen abgehandelt: Nahrungsmittelspekulation, das Konstrukt Ehe, die Löcher im Gotthard sowie die sogenannte «Durchsetzungsinitiative». Letztere ist speziell brisant, wenn es um «das Volk» geht. Würde sie angenommen, gälten für etwa einen Viertel der Bevölkerung – alle ohne Schweizer Pass – künftig andere Rechtsgrundlagen als für den Rest.
Bundesrat und Parlament hätten sich nach der Annahme der Ausschaffungsinitiative 2010 geweigert, den Volkswillen umzusetzen, findet die SVP. Rechtsprofessor René Rhinow entgegnet: «Wer das Volk wirklich ernst nimmt, muss es in seiner Vielfalt ernstnehmen.» Diese Kluft war es, die uns zu diesem Heft inspiriert hat. Unter anderem, denn schon der Volksbegriff an sich ist problematisch genug. Ausser Pegida («Wir sind das Volk») und der SVP (sie nennt sich «Volkspartei») nimmt ihn heutzutage kaum jemand gern in den Mund. «Das Volk» steht in der Regel wahlweise für «das Volch», das Völkische oder das Volkstümliche.
Dabei könnte man auch sagen, «das Volk» sei die Summe aller Betroffenen, eine Gesellschaft von Ungleichgesinnten, Katalysator jeder Demokratie oder die Basis einer florierenden Wirtschaft. Kurz: Der Volksbegriff ist voller Widersprüche. Rolf Bossart geht in diesem Heft einigen davon nach. Auch Andreas Kneubühler sieht Widersprüche, nämlich jene zwischen Volkswillen und dessen realer Umsetzung in der Stadt St.Gallen. Urs-Peter Zwingli nimmt sich, im Hinblick auf die Kantonsratswahlen, die St.Galler Möchtegern-Volksvertreter ohne Partei im Rücken vor, Corinne Riedener versucht das Online-Volk zu verstehen, Peter Surber die neue Volkskultur – und Sina Bühler und Roger Greipl fordern die längst überfällige Masseneinbürgerung. Die Bilder zum Thema hat Benjamin Manser gemacht.
Ausserdem im Heft: Geschichten aus Wittenbach, wo Saiten im Januar eingefahren ist, der Bericht aus Samos, wo Open Eyes Geflüchtete mit Essen versorgt, viel Fotografie sowie GarageMusik aus allen Landesteilen. Und ein Nachruf auf David Bürkler, den kürzlich verstorbenen St.Galler Künstler.
Corinne Riedener
Reaktionen & Positionen
Blickwinkel von Tamara JanesStadtpunkt von Dani FelsRedeplatz mit Juri SchmidEinspruch von Andrea Scheck
Zwei Versuche über das VolkDas Volk ist: die Achillesferse der Demokratie. Das Volk ist nicht: eine Einheit.von Rolf Bossart
Wir brauchen eine MasseneinbürgerungDer Schweizer Einbürgerungsprozess ist aufwendig und erniedrigend.von Sina Bühler und Roger Greipl
Politiker gegen PowerPoint und BlitzkästenKantonsratswahlen: Die Parteilosen und ihr Programm.von Urs-Peter Zwingli
Steiniger Weg zur Debatte Statt Mitsprache für alle hat das Internet uns Debatten gebracht, die vor Hass und Vorurteilen triefen.von Corinne Riedener
«Einmal im Internet, immer im Internet»Ein Fachmann für eParticipation im Gespräch.von Corinne Riedener
Am Volk vorbei Das Freihandelsabkommen Tisa beschäftigt nun auch die St.Galler Parlamente.von Peter Surber
Falsche Fragen, falsche Gewichtungen Bei der St.Galler Stadtplanung kann die Bevölkerung zu wenig mitbestimmen.von Andreas Kneubühler
Für eine Kultur der Vielen Die Kultur hat die Politik mit einem fortschrittlichen Volksbegriff längst überholt.von Peter Surber
Perspektiven
Flaschenpost von Sophie à Wengen aus SamosSchaffhausenThurgauVorarlbergRapperswilStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
Ein Dorf sucht seine MitteAus dem Oedenhof soll doch noch ein «städtisches» Zentrum werden.Von Gerold Huber
Kultur gibt’s nur im SchlossDie Suche nach Kultur im Dorf und guten Büchern im Brocki.von Peter Surber
«Eine Milliarde für die Hüslibewohner»Im Gespräch mit Siedlungskritiker und «Stadtwanderer» Benedikt Loderer über die Güterbahnhof-Initiative.von Peter Surber
Schneeballschlachten und TschuttibildliEin Fotoband zeigt das Leben von Kindern in der Schweiz seit 1870.von Richard Butz
Die Ausserirdische Hazel Brugger macht, was sonst nie- mand in der Schweiz kann: Gute, rich- tig böse Standup-Comedy. von Etrit Halser
Ein Atlas des Lebens840 Menschen hat Oliver Baer in 20 Tagen fotografiert. Nun erscheint ein wahres Monster von einem Buch.Von Urs-Peter Zwingli
«Die allerschönste Sache der Welt»Die Ostschweizer Swing Kids reisen um die Welt. Ein Dokumentarfilmer hat sie dabei begleitet.von Corinne Riedener
Malen hinter StacheldrahtDas Museum im Lagerhaus zeigt Kunst aus dem Internierungslager.Von Marina Schütz
Was in Schweizer Garagen passiertDas St.Galler Label La Suisse Primitive veröffentlicht eine Garage-Compilation mit Bands aus der ganzen Schweiz.von Corinne Riedener
Alpines Theater ist im Trend Gleich mehrere Ostschweizer Theaterproduktionen machen die Berge zur Kulisse oder zum Thema. von Peter Surber
Schalk mit langen Haaren und wildem BartEin Nachruf auf den Künstler David Bürkler.von Josef Felix Müller
Abgesang
Kellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
5. Juli 2014: Schlager-Openair Wildhaus © Benjamin Manser
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.