Manchmal zitiere ich Studien, die sagen, 10 Prozent aller Menschen seien queer, und das ist Blödsinn. Es ist nicht nur Blödsinn, weil es wenige Studien dazu gibt. Es ist vor allem Blödsinn, weil wir damit höchstens messen können, wer geoutet ist. Und zwar so geoutet, dass man sich erstens in der Fragestellung wiederfindet und sich zweitens getraut, das in der Frage-Situation zuzugeben.
Nehmen wir an, eine 62-jährige Person, die ihr Leben lang noch nie in die Kategorien «Mann» oder «Frau» gepasst hat: Würde sie das in einer Umfrage angeben? Erzählt sie es überhaupt ihren Mitmenschen? Hat sie ein Instaprofil und dort in der Bio «they/them»-Pronomen drinstehen? Vermutlich nicht.
Was ist mit den unzählbaren Ehemännern (nicht zu verwechseln mit Ehrenmännern), die heimlich auf Grindr unterwegs sind? – ich wünschte, das wäre ein Klischee. Aber ich weiss, es ist keins –, würden sie an einer Umfrage sagen, dass sie auf Männer stehen?
Was ist mit den Frauen, die in ihrem Leben schon mal einen unsterblichen Crush hatten auf eine Frau; denen gleichzeitig ihr Leben lang gesagt wurde, dass sie bald ihren Traumprinzen finden? Was, wenn sie ihren Traumprinzen gefunden haben? Würden sie sagen, dass sie bisexuell sind?
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Vielleicht muss ich an dieser Stelle zugeben: Es geht mir gar nicht um die Umfragen. Die Umfragen sind mir scheissegal, die 10 Prozent, die ich nenne, sind ein ungefährer Erfahrungswert, den ich verwende, um Leuten klarzumachen, dass mehr Menschen queer sind, als sie denken.
Wenn ich ehrlich wäre, würde ich weit mehr als 10 Prozent nennen. In Schulklassen, die offen und liebevoll mit queeren Themen umgehen, sind es weit mehr Jugendliche, die sich outen. Weil sie sich wohlfühlen, weil sie sich sicher fühlen, weil sie mit dem Coming-Out nicht mehr alleine sind.
Wie viele Menschen würden sich wohl outen, wenn ihre Schulklasse, ihre Firma, ihre Verwandtschaft ein gesundes Grundwissen über queere Identitäten hätte? Wie viele Personen würden überhaupt realisieren, dass sie aromantisch, nonbinär, queer sind, wenn sie lernen würden, was diese Identitäten überhaupt sind?
Wir reden zu selten von geouteten queeren Menschen. «Im Parlament gibt es in mehreren Parteien schwule Männer», ja, eh, aber wir reden hier von den geouteten schwulen Männern. Wie viele ungeoutet sind, werden wir nie wissen (und wie viele Menschen gar nicht checken, dass sie bi sind, ohnehin nicht).
«In einer US-amerikanischen Studie bezeichneten sich 0,6 Prozent der Erwachsenen als transgender», okay cool, aber wie viele Menschen haben keinen Zugang zum Wissen, was trans Identitäten sind? Wie viele Personen spüren, dass ihr zugewiesenes Geschlecht nicht stimmt, aber würden das ihrem Umfeld nie erzählen?
Ich habe in einer Kolumne glaubs noch nie so viele Fragen und so wenige Antworten geliefert. Und genau darum geht es: Wir müssen uns dieser Fragezeichen bewusst werden. Es ist schön, an einer Pride 20’000 Menschen in Regenbogen zu sehen. Aber es ist auch wichtig zu checken, dass das nicht repräsentativ sein kann.
10 Prozent sind nur der Anfang einer grösseren, schwammigeren, nie zu erfassenden Zahl: Vermutlich sind sehr, sehr viele Menschen nicht heterosexuell und cis. Unser Ziel muss nicht sein, queere Statistiken nach oben zu treiben. Unser Ziel muss sein, den Rückstand an Wissen und Respekt so fest aufzuholen, dass es keine Statistik mehr braucht.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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