Hie und da werde ich angeheuert, um Workshops zu geben, über queere Identitäten oder inklusive Sprache oder Auftrittskompetenz. Letztens sass ich also in einem Zoom-Call mit zwei Handvoll Erwachsenen einer Parteisektion, um ihnen beizubringen, was LGBTQ bedeutet.
«Aber die Leihmutterschaft», redete mir da irgendein Typ rein. Ich wies ihn darauf hin, dass Leihmutterschaft nichts mit dem Workshop zu tun hat. Eine Viertelstunde später redete er wieder rein.
Ich wiederholte freundlich, dass das gerade nicht Gegenstand meines Workshops war. (Die Leihmutterschaft ist übrigens auch null Gegenstand der Ehe für alle. Sie ist und bleibt in der Schweiz verboten.)
Der Typ erklärte mir daraufhin vor der versammelten Gruppe, ich sei noch zu jung, um den politischen Kontext der Leihmutterschaft zu verstehen. Es war wirklich peinlich. Also nicht für mich, sondern für ihn.
Zwei Wochen später gab ich online einer Klasse von Kommunikations-Studierenden einen Input. Es ging um mediale Repräsentation von queeren Identitäten, unter anderem darum, dass Frauen und nichtbinäre Menschen sehr viel seltener repräsentiert werden als Männer. Als der Dozent die Fragerunde eröffnete, kamen einige skeptische Fragen von drei Studenten. Einer meldete sich sogar mehrmals, redete über sich selbst für eine gute Weile.
«Die nächste Wortmeldung kann gern von einer Frau kommen», sagte der Dozent irgendwann (was Sinn ergab, die Hälfte der Anwesenden war vermutlich weiblich). Und dann: meldete sich der gleiche Typ zum dritten Mal. Einfach so. Als ich nach seiner mittelrelevanten Wortmeldung wiederholte, es könnten sich gern auch noch weitere Geschlechter als bloss Männer melden, meldete sich ein Mann (!), seine Freundin wolle was sagen. Das war dann auch die einzige Frau, die neben mir zu Wort kam bei diesem Input.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Es ist schwer, über dieses Phänomen zu sprechen, ohne in zwei Fallen zu tappen. Einerseits die Falle, dass man klingt, als wären ausnahmslos sämtliche cis Männer kompletter Müll. Zweitens in die Falle, dass man die meiste Energie darauf verwendet, zu betonen, dass es echt nur wenige Ausnahmemänner sind und dass man Männer nicht hasst und dass die meisten Männer mega, mega lässig sind.
Je nach Geschlecht wird uns beigebracht, ob wir es verdient haben, Raum einzunehmen oder nicht. Ob Laut-Sein ein Zeichen für Durchsetzungsfähigkeit ist oder uns penetrant macht. Wir lernen unbewusst, welche Stimmen Autorität ausstrahlen und welche nerven.
(Liebe Lesende, stellen Sie sich kurz eine nervige Stimme vor. Und jetzt sagen Sie mir: Kann es sein, dass die Stimme hoch war?)
Wir verinnerlichen, tiefe Stimmen als angenehm und kompetent wahrzunehmen und hohe Stimmen als unangenehm und lächerlich. Im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn geniessen cis männliche Stimmen mehr Ansehen in unserer Gesellschaft, und weibliche Stimmen werden leise gemacht. Oder ins Leise-Sein reingeshamed.
Ich hab also Konsequenzen gezogen: Meinen nächsten Workshop öffnete ich für alle Geschlechter ausser cis Männer. Der Workshop selbst lief super, aber ich kriegte sehr viele hässige Nachrichten. Zwei Typen nahmen sich gar die Zeit, das Anmeldeformular für den Workshop mit Fake-Antworten auszufüllen, um mich darin zu beleidigen.
Es muss also sehr wütend machen, wenn man den Eindruck hat, ausgeschlossen zu werden. Man stelle sich mal vor, das würde einer Bevölkerungsgruppe nicht an einem einzelnen Workshop passieren, sondern jahrhundertelang. Unvorstellbar.
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