Kategorie
Autor:innen
Jahr

Nazi-Tattoos, lol

Deine gute Absicht ist nichts wert, wenn das Resultat Gewalt ist, sagt unsere Kolumnistin Anna Rosenwasser. «Wenn du dir drölf Swastikas auf deinen Arm tätowieren lässt, weil du *~das Symbol so faszinierend findest~*, hast du nachher trotzdem Nazi-Symbole auf deinem Körper.»
Von  Gastbeitrag

«Okay Anna, halt dich fest, gestern war ich wirklich kurz bisexuell», kündet Leroi an. Er tippt auf seinem Handy rum. «Ich hatte Barschicht, und es war dieses Metalkonzert, und oh mein Gott, der Sänger…»

Er zeigt mir das Bild eines gewaltigen Mannes, lange Mähne, mehr Bart als Gesicht, krasse Präsenz, durchdringender Blick. Ärmelloses Shirt, Arme tätowiert. «Leroi…», sage ich. «Ist er nicht heiss?!», sagt er.

«Leroi, der hat ein Hakenkreuz-Tattoo.» – «Was.» – «Da.» – «Oh. Oh fuck.»

Eine rasche Google-Bildersuche ergibt, dass dieser Mann gleich mehrere Hakenkreuze auf seinem Arm trägt. Mal in geometrischen Kurven, mal in fetten Linien, mal in Form von Tierköpfen, mit Pünktli, Pfeilen, Ornamenten. Einmal in Form von hebräischen Buchstaben.

«Fuck», sagt Leroi ein zweites Mal. Die Hotness des Sängers ist vom Tisch. Leroi fragt sich nur noch, wie das kleine Konzertlokal, in dem er arbeitet, sowas durchgehen lassen konnte. «Ist dir klar, was der Sänger von gestern für Tattoos hat?», schreibt Leroi an seinen Chef.

«lol händer das gseh?», schreibt er in den Gruppenchat seines Bar-Teams; angehängt jeweils ein Foto des besagten Arms. (Ich zuckte kurz zusammen. Ich finde nicht, dass Hakenkreuze lol sind. Büsibilder sind lol. Memes sind lol. Boomer sind lol. Nicht Hakenkreuze.)

«chill alte, das sind swastikas», heisst es im Bar-Chat, «ja gahn mal go google, isch es mega alts symbol», fügt ein anderer hinzu. Ähnlich beim Chef: «Lieber Leroy, ich kann dir garantieren: Das ist kein Hakenkreuz. Sondern ein Sanskrit.»

Ich habe nichts erwartet und wurde trotzdem enttäuscht. Leroi sieht mich etwas hilflos an. «Ich bin grad auf Wikipedia. Das ist ja wirklich ein altes Symbol.»

Und da fängt die ganze Scheisse an. Alter, ich weiss, dass das ein altes Symbol ist. Ich weiss, dass es schon seit Tausenden von Jahren auf der ganzen Welt für irgendwelche Dinge steht. Ich kann googeln. Aber ich habe auch Empathie und Hirn. Beides braucht es, um den Unterschied zwischen Absicht und Resultat zu checken.

Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)

Wenn du dir drölf Swastikas auf deinen Arm tätowieren lässt, weil du *~das Symbol so faszinierend findest~*, hast du halt nachher trotzdem Nazi-Symbole auf deinem Körper. Sichtbar, für alle. Zum Beispiel für people of color. Oder für jüdische Menschen. Oder für Homos.

Ich muss wohl nicht aussprechen, was mit Leuten wie uns – wie mir – geschähe, hätte der Hakenkreuz-Fanclub die Sache in der Hand. Aber hey, ist ja bloss ein Symbol. Kannste nachlesen auf Wikipedia.

Das, liebe Leserinnen bis Leser, ist Privileg in Reinstform: sich aussuchen zu können, was einem ein Symbol bedeutet. Es nebenbei easy finden, was andere Leute damit verbinden könnten. Und so tun, als könnte Geschichte ignoriert werden, Identitäten ignoriert werden, Passiertes ignoriert werden.

Deine gute Absicht ist nichts wert, wenn das Resultat Gewalt ist.

Lies das nochmal.

Und fang an zu sparen für ein grosses, grosses Cover-Up-Tattoo.

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Rezwan Secondname,  

Find ich nicht. Das Symbol gab es in praktisch allen Kulturen VOR den Nazis und teils auch heute noch (Buddhismus und Asien allgemein). Eine mir bekannte (lesbische) Tättowiererin trägt es auch und gerade in der Tattoo-Szene ist es sich wieder am (r)etablieren. Auch ein Freund aus Israel trägt es (in einer Form wie es in der der Kabbala zu finden ist). Ich als alternativer Hippie / Punk nutze das Symbol neben einem Om als etwas positives anstatt es den Nazis zu überlassen die es weiter als Hasssymbol benutzen.

Barbey, Gabriele,  

Genau! Bin froh über diesen Text. (Aber natürlich extrem unfroh, dass er nötig ist.)

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko