Am letzten warmen Abend des Sommers sassen wir zu viert draussen an diesem Tisch, drei Bekannte und ich. Es ging etwa null Sekunden, bis wir darüber redeten, dass wir auf Frauen stehen. Das ist zwar so gut wie jedes Mal so, wenn Queers zusammensitzen, aber es fasziniert mich immer wieder.
Wir lieben dieses Thema. Weil es so was Schönes ist. Weil es so viel zu besprechen gibt. Und weil es uns unser halbes Leben verboten wurde. Wir haben also nachzuholen, was andere locker-flockig als Teenager in die Welt gequietscht haben.
Insbesondere bei Frauen, die auf Frauen stehen, geht es oft um die Frage: Wie spricht man andere Frauen an? Denn: Den meisten Frauen wird das nicht beigebracht. Nicht denen, die hetero sind. Nicht denen, die gay sind. Leute anzusprechen, ist zu dominant. Zu aktiv. Zu direkt. Oder haben Sie schon mal eine Disneyprinzessin gesehen, die eigenständig einen Prinzen anmacht? (Geschweige denn eine Prinzessin!)
«Mich spricht aber auch nie eine an», sagt Aline. Erst klingt sie traurig, dann verwirft sie wütend die Hände. «Nie spricht mich eine Frau an! Sehe ich denn überhaupt lesbisch aus?»
Wir sitzen da vor unseren Naked-Bieren. Niemand sagt ja. Und niemand sagt nein. Alice sieht uns an, und wir sie. Sie hat wunderschöne rot gefärbte Haare, in schulterlangen Wellen. Sie ist so geschminkt, wie Leute geschminkt sind, die sich mit Schminken beschäftigen. Mit Schmollmund, mit eleganter Bluse. Und, wie ich gerade bemerke: Mit einer Jeansjacke, an der kein einziger Button dran ist. Leere Jeansjacken verstören mich immer.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
«Aline, es gibt kein homosexuelles Aussehen», lektoriert eine von uns. Ich will widersprechen. Aber ich will auch nicht aussprechen, dass Aline je nach Massstab tatsächlich nicht lesbisch aussieht. Mensch, ich könnte ganze Essays darüber schreiben, ob es homosexuelles Aussehen gibt.
«Ich glaube, wir sollten aufhören, uns zu fragen, ob wir gay genug aussehen», sage ich dann, «und anfangen, klar zu kommunizieren, dass wir auf Frauen stehen.»
Ich trinke einen Schluck nacktes Bier, dann weise ich auf Alines Jeansjacke. «Da zum Beispiel, da gehört ein Regenbogenbutton drauf.» Aline sieht an sich runter. Dann wieder in die Runde. «Queeres Dating ist so kompliziert», sagt sie.
Ein bisschen Recht hat sie ja. An Orten, wo Hetero die Norm ist – also fast überall –, muss man die sexuelle Orientierung nicht kommunizieren, solange sie dieser Norm entspricht.
Ich stehe unter anderem auf Männer; wenn ich früher in Flirtlaune war, musste ich keinen entsprechenden Button tragen oder es mit meinem Kleiderstil zum Ausdruck bringen. Es wurde einfach davon ausgegangen. Und es stimmte zufällig. Bei Homos stimmts halt zufällig nicht. Das müssen sie dann kompensieren.
Als ich mich aus dem heiteren Quartett verabschiede, denke ich noch lange über diese Ungerechtigkeit nach: dass die einen einfach richtig eingeschätzt werden und die anderen mühsam ihre Orientierung klarmachen müssen.
Am nächsten Morgen hab ich eine Sprachnachricht von Aline auf dem Handy. Eine ganz kurze. «Ich brauche queere Buttons», sagt sie bloss. Ein bisschen höre ich sie dabei lächeln.
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