Abschluss der Afrikanischen Trilogie

Mit seinem dritten Band «Kongotopia», in dem unter anderem eine politische Utopie in all ihren gesellschaftlichen Facetten aufgezeigt wird, beendet der Strafverteidiger, Regisseur und Schriftsteller Christoph Nix seine Afrikanische Trilogie. von Karsten Redmann
Von  Gastbeitrag

Der kürzlich erschiene Roman Kongotopia ist vollgepackt mit allerlei Wissenswertem: «Als die belgischen Kolonialherren im Kongo im 19. Jahrhundert auf das Königreich der Kuba stiessen, trafen sie auf einen Staat mit einer ausgeklügelten Demokratie, klug und differenziert durchdacht, mit starken plebiszitären Elementen», heisst es darin etwa. Oder: «Das Wort Putsch stammt vom ausscherenden Befehlshaber Nputncha ab und ist eine indigene Lautverschiebung.»

Geradezu beiläufig lernt man im neuen Buch von Christoph Nix die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Kongo und auch seinem Grenzstaat Burundi kennen, wird eingeführt in die bewegte Geschichte beider Länder, auch in ihre Mythen. So entwickelt man mit der Zeit ein Gefühl für die Lebensweisen und Handlungsspielräume der Menschen vor Ort.

Zudem thematisiert Nix dezidiert den neuen Kolonialismus. Hierbei vor allem die führende Rolle Chinas beim Abbau Seltener Erden. Ebenso erwähnt der Autor einzelne Unternehmen, deren finanzielles Engagement weitreichende Folgen für die politische (In-)Stabilität innerhalb der Region nach sich zieht: «‹Du kannst im Kongo ein Krankenhaus bombardieren, aber nicht Bralima›, Lucien erhob sein Glas, ‹wusstet ihr, dass die Niederländer Brauerei Heineken zu den Financiers der brutalsten Rebellen-Gruppen zählt?›» Auch dass der Vatikan seit langem schon eine unschöne Rolle in den Ländern Afrikas spielt, ist im Text mehr als eine Randnotiz.

Ein Kenner der Materie

Christoph Nix, ehemaliger Intendant des Konstanzer Stadttheaters, ist bestens vertraut mit den Realitäten und Kontexten vor Ort. Er unterstützt in Togo das Theater Luxor de Lomé, entwickelt in Burundi und Malawi Theaterprojekte und recherchiert im Kongo zum Völkermord in Ruanda. Trotz all dieser vorhandenen Expertise stellt er in seiner Danksagung am Ende des Buches jedoch klar, wie weit sein aktuelles Werk der gewählten literarischen Gattung des Romans, also eines fiktionalen Werks, verpflichtet bleibt: «Natürlich ist alles frei erfunden.»

Dieser Hinweis ist hilfreich, weil man so den gestrengen Realitätsvergleich aussen vor lassen kann und dem Autor damit von Beginn an sämtliche erzählerischen und künstlerischen Freiheiten einräumt. Nur sind leider genau diese das Hauptproblem des Textes.

Nix’ 168 Seiten umfassender Roman, den man in den Bereich der Spannungsliteratur einordnen kann, ist erzählerisch etwas überfrachtet. Und nicht nur das: Von Beginn an wirken die erzählerischen Mittel manchmal etwas unbeholfen. Stellenweise weist der Text etwas Belehrendes und weithin Erklärendes auf, das inhaltlich zwar in den Roman hineingehört, als Vorgehensweise allerdings teils ungelenk und konstruiert erscheint. So beginnt Kongotopia mit einem Prolog, in dem einer der Protagonisten, der deutsche Diplomat Strobel, einen Vortrag vor Studierenden hält und bei dem inhaltlich schnell deutlich wird, dass es hier vor allem um reine Wissensvermittlung für die Leserschaft geht.

Natürlich ist es legitim, diese Form der Vermittlung zu wählen, nur: Die Umsetzung überzeugt wenig. Auch weitere Versuche, den politischen und gesellschaftlichen Kontext zum besseren Verständnis der Geschichte in eine interessante Form zu bringen, lesen sich wie Fremdkörper im ansonsten recht plauderhaften Ton des Romans.

Christoph Nix' neuer Roman «Kongotopia». (Bild: pd)

Christoph Nix: Kongotopia. Edition Königstuhl, St.Gallenkappel 2023.

Ein sehr breit aufgestelltes Figurenensemble

Doch worum geht es eigentlich im Buch? Der 68-jährige Autor erzählt in seiner Detektivgeschichte von Zumutbarkeiten und Verstrickungen einzelner Personen in einem grösstenteils korrupten System. Der Präsident von Burundi, der viele Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Oberhaupt des ostafrikanischen Staates aufweist, bereitet sich auf seine dritte Amtszeit vor, seine Kabinettskollegen streiten bereits über die Nachfolge und der Verteidigungsminister wird in die Luft gesprengt. Auf den verkehrsreichen Strassen der Hauptstadt herrscht völliges Chaos, organisierte Schlägertrupps beherrschen die Szenerie. Freund und Feind auseinanderzuhalten scheint geradezu unmöglich. Als schliesslich drei weisse Ordensschwestern umgebracht werden, bildet sich eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich vornehmen, die bestialischen Morde aufzuklären. Einer davon ist besagter Paul Strobel, deutscher Botschafter in Burundi, ausserdem die Ordensschwester Lisette und Pater Bruno sowie weitere Gestalten, welche sich mit der Zeit freundschaftlich zusammentun, um die Mörder zu überführen.

Lesungen:

13. Oktober, 20 Uhr: Buchhandlung Hamburger und Hepp Konstanz

25. Oktober, 18 Uhr: Wy & Kafi Ermatingen

Nix scheut nicht davor zurück, in den drei Teilen des Buches mit dicken Pinselstrichen und grossem erzählerischem Aufwand von politischen Machtkämpfen, Auftragsmorden, Pressefreiheit und einer gesellschaftlichen Utopie (der sogenannten «Afrotopia», benannt nach dem Buch des senegalesischen Autors Felwine Sarr) zu erzählen. Sein Figurenensemble ist derart breit aufgestellt, dass dem Buch ein zweiseitig bedrucktes Lesezeichen mit den Namen der Figuren und ihrem jeweiligen Hintergrund beiliegt.

Wie in den ersten beiden Teilen der Afrikanischen Trilogie gelingt es Nix in Kongotopia, in Form einer spannenden Kriminalgeschichte über aktuelle Machtverhältnisse in ostafrikanischen Staaten zu schreiben. Die politischen Einsichten wirken eindringlich nach.

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Christoph Nix,  

Mir gefällt die Kritik und der Autor hat Recht, die Spannung zwischen Erzählung und dem Versuch das Land zu erklären, wird nicht immer aufgelöst: Danke

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