Kategorie
Autor:innen
Jahr

Angenommen, Sie wären Diktator…

Die Podiumsdiskussion an der erfreulichen Uni gestern Abend im Palace St.Gallen drehte sich um die Widersprüche des Reisens. Der zweite Teil nächsten Dienstag trägt den Titel «Lonely Planet – ein Backpacker kommt selten allein».
Von  Corinne Riedener
Illustration: Johannes Stieger

Widersprüche. Man kauft das Gemüse auf dem hiesigen Wochenmarkt, aber gerne Wein und Superfood aus Übersee. Man setzt sich für faire Arbeitsbedingungen weltweit und gegen die globalen Multis ein, hat aber ein Smartphone mit seltenen Erden und diese schicken Sneakers von Amazon, die man um jeden Preis haben musste. Man spielt in der Alternativen Fussballliga und schaut am Abend darauf Champions League oder WM, obwohl sie der globalen Fussballindustrie jedes Jahr Millionen einbringen. Man trennt feinsäuberlich den Abfall, fährt Mobility, fliegt aber ständig mit Billig-Airlines ins verlängerte Wochenende.

Das ist sicher polemisch formuliert und trifft lange nicht auf alle zu, im Kern steckt dennoch viel Wahres. Nehmen wir den Tourismus, über den am Dienstagabend im Palace unter dem Motto «der unsichtbare Tropenhelm» diskutiert wurde: 1,2 Milliarden Auslandsreisen weltweit wurden 2017 gezählt, erklärte Moderator Marco Dal Molin zu Beginn. Die Schweiz gehört zu den Weltmeisterinnen, etwa 9000 Kilometer fliegen «wir» jedes Jahr. Über 40’000 Personen klettern pro Jahr auf den Mount Everest, und die Ruinenstadt Machu Picchu wird jeden Tag von etwa 2500 Leuten besichtigt.

New York retour: 2,7 Tonnen CO2

Welche ökologischen Auswirkungen bringt diese Reiselust (oder Reisewut) mit sich? Und welche sozialen Auswirkungen hat das trendige Weltenbummeln in den bereisten Ländern, insbesondere im globalen Süden? Antworten dazu lieferten die Umweltwissenschaftlerin und SP-Nationalrätin Claudia Friedl, Luregn Lenggenhager, Historiker an der Universität Basel, und Christian Laesser, Professor für Tourismus- und Dienstleistungsmanagement an der Uni St.Gallen.

Nachdem die Frage nach den bei Schweizerinnen und Schweizern besonders beliebten Reisetrends geklärt war (der einzige gemeinsame Nenner sei momentan die Vielfalt der Reisearten, sagt Laesser), ging es um die ökologischen Auswirkungen. Man mache sich viel zu wenig Gedanken, wie einschneidend das Reisen in Sachen CO2-Bilanz sei, kritisierte Friedl. «Jeder von uns stösst pro Jahr rund 4,7 Tonnen Kohlenstoffdioxid aus, Flugreisen und Importprodukte noch nicht eingerechnet. Wenn man nach New York und wieder zurückfliegt, verbraucht man nochmal 2,7 Tonnen. Das ist so viel wie ein Einfamilienhaus fürs Heizen in einem Jahr braucht.»

Damit verbunden ist natürlich die Frage, was die Leute denn dazu bringt, mal kurz nach XY zu fliegen, sprich warum das Fliegen heute so billig ist. Laessers Erklärung in Kürze: Die Kosten fürs Fliegen seien real nicht gestiegen, die Einkommen hingegen schon, darum die grosse Nachfrage. Friedl gab zu bedenken, dass der Flugverkehr auch massiv subventioniert werde, da man keine CO2-Abgabe wie für das Heizöl, keine Treibstoffabgabe wie für das Benzin und auch keine Mehrwertsteuer zahle. Ausserdem würden die Ausbauten der Flughäfen und der Bau von Flugzeugen in Europa von der öffentlichen Hand mitfinanziert.

Tourismus als Teil des kapitalistischen Systems

Luregn Lenggenhager, der beruflich viel im südlichen Afrika weilt, sieht die Auswirkungen des Tourismus beispielweise in Namibia nicht als isoliertes Phänomen, sondern als «weitere Folge der globalen Ungleichheit, die man betonen muss». Der Tourismus sei lediglich ein Teil des kapitalistischen Systems, und dass etwa die Schweizerinnen und Schweizer mehr Geld als andere übrig haben am Ende des Monats, basiere auf diversen Formen der Ausnutzung.

Lonely Planet – ein Backpacker kommt selten allein: 5. Juni, 20:15 Uhr, Palace St.Gallen. Mit den Historikern Tim Rüdiger und Kaspar Surber.

In Namibia und Südafrika gebe es einen Kampf um die Ressourcen, erklärte Lenggenhager. «In Kapstadt herrscht gerade die grösste Dürre aller Zeiten, es gibt nur noch maximal 50 Liter Wasser pro Tag und Haushalt, während man für gewisse Hotels Ausnahmen macht, weil sie grossen Einfluss und eine gute Lobby haben. Der Tourismus in Südafrika ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige.» Ähnlich sei es mit dem sogenannten Wild Life: «Es geht um Land und darum, wer wilde Tiere hat, die er oder sie global vermarkten kann.» Jene, die den Safari-Jeep und die Farm besitzen, machten gutes Geld, die meisten anderen müssten mit schlecht bezahlten Jobs vorliebnehmen, wie in der Tourismusbranche üblich.

«Es gibt viele Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen der Tourismus eine der Hauptdevisenquellen ist», wandte Friedl ein. Ein nachhaltiger Tourismus könne Ländern auch bei der Entwicklung helfen, allerdings gäbe es dabei viele Facetten zu beachten. Nach dem Tsunami in Sri Lanka etwa seien viele Fischer «wegen Tsunamigefahr» vom Strand auf die Hügel umgesiedelt worden, später habe man unten am Meer eine Hotelanlage gebaut. Solche Entwicklungen seien «extrem verwerflich», darum müsse man Mechanismen finden, um diese Probleme sichtbar zu machen, damit man «als Kunde aussuchen kann».

Die Sache mit dem Diktator…

Friedl lege ein wichtiges Dilemma offen, bemerkte Laesser. «Nehmen wir an, Sie sind ein Diktator in einem mausarmen Land», begann er. «Was ist Ihr erstes Ziel? Sie müssen die Leute beschäftigen.» Wenn der Grossteil der Bevölkerung ungebildet sei, könne man versuchen, den Tourismus zu fördern. Zwei Fragen stünden dabei im Zentrum: Wie verteilt man die Arbeit und wie verteilt man die Wertschöpfung aus dieser Arbeit?

Das Problem: «Die Arbeit ist wohl gut verteilt, aber die Wertschöpfung ist meist zentralisiert.» Das lasse sich am Anfang kaum anders lösen, erklärte Laesser, da man Strukturen und Knowhow brauche, sprich «Hilfe» von ausserhalb, von Geberländern und/oder Privatunternehmen. Problem Nummer zwei: Diese Regierungen (oder eben Diktatoren) seien oft so korrupt, dass die angestrebte Entwicklung nur zugunsten der korrupten Eliten erfolge. «Dann haben wir ein Korruptionsproblem zu lösen, nicht ein Tourismusproblem.»

Laessers Diktatoren-Bildnis sorgte für einige Lacher im Publikum. Man müsse sich auch bewusst sein, wie man denn Diktator wird, entgegnete Lenggenhager. «Es gibt ja gewisse Firmen und Länder, die durchaus Interesse haben an einer ungerechten Verteilung, an einem Diktator. Das ist kein Korruptionsproblem, sondern eines des kapitalistischen Systems, eine Ausprägung davon.»

Der Kapitalismus existiert immer noch, stellt sich also die Frage, was wir von ausserhalb beitragen könnten zu einem nachhaltigen, sozialverträglichen Tourismus. Das Fliegen müsste «eine Preisetikette bekommen, die mehr von den Kosten abdeckt, die es verursacht», sagte Friedl und verwies auf Fluglärm und Bodenverbrauch. Ausserdem müsse man die Reisebüros in die Pflicht nehmen, etwa in Sachen Ressourcenverbrauch und Arbeitsbedingungen in den Reiseländern. Allerdings müsste ein solches «Fair Travel»-Label auch das halten, was es verspricht, dafür brauche es verbindliche Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards sowie entsprechende Kontrollstrukturen bzw. -organe.

Ein Label muss man sich leisten können

Ein faires Label für die Safari in Namibia? Lenggenhager fände das «hilfreich, ein Anfang», gibt aber auch zu bedenken, dass viele Reiseanbieter im südlichen Afrika gar nicht die Mittel haben, ein solches Label zu erwerben und sich regelmässig kontrollieren zu lassen. Ausserdem könne man die Probleme mit dem Konsum alleine nicht lösen. «Mit einem Label kann man sich nicht für bessere Umverteilung auf globaler Ebene einsetzen. Und es kann sich auch ins Gegenteil verkehren, weil wir dann erst recht reisen, wenn besagtes Label auf dem Ticket klebt.»

Zum Schluss ging es um die Frage, wie der «ideale Tourismus», das Gegenstück zum Massentourismus, aussehen könnte. Friedl tut sich schwer mit einer Vision, solange noch so viel geflogen wird es wie momentan der Fall ist. Laesser setzt auf Partizipation und Teilhabe dank der Digitalisierung, auf Kleinteiligkeit sowie Interaktion zwischen Reisenden und «Bereisten» – Airbnb lässt grüssen: «Wenn Sie ein Chalet in den Bergen oder eine Hütte in Afrika haben, können Sie diese theoretisch vermarkten.»

Lenggenhager musste schmunzeln bei diesem Ansatz und erklärte, dass die Idee einer Airbnb-Hütte noch nicht wirklich angekommen sei in Namibia. Er hofft, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse global verbessern, dass Machtverhältnisse und Ungleichheit überwunden werden können und somit auch der Tourismus irgendwann «fairer, gerechter und auf Augenhöhe» ist.

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von René Hornung,
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von Christoph Keller,

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von Peter Surber,
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von Lilli Kim Schreiber,
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von Vera Zatti,
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von Jeremias Heppeler,

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von Peter Surber,
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von Vera Zatti,
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von Judith Schuck,
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek