Das ist kein Coffeetable-Book. Stadt und Landschaft denken. Anthologie zur Baukultur heisst der Titel des Bandes, der die im «St.Galler Tagblatt» seit 2016 im Monatsrhythmus erschienenen Architektur- und Planungsartikel versammelt. Die sonst bei den repräsentablen Coffeetable-Architekturbüchern so beliebte grossformatige Fotografie spielt in diesem Buch eine unerwartete Rolle: Die in der Zeitungsserie abgebildeten Häuser und deren Umgebungen sind im Buch schwarzweiss nachgescant, mit sichtbarem Raster.
Solches ist man von der Fachliteratur nicht gewohnt, denn diese fokussiert fast ausnahmslos auf das Bild oder den Plan. Dies aus der Alltagserfahrung heraus, dass Lesen zeitraubend ist, dass uns dafür oft die Zeit fehlt. Der Kick, sich in Architektur zu vertiefen, erfolgt deshalb meist über die Fotografie.
Das ungewohnte Bild
Ganz anders arbeiten die Grafikerin und die Grafiker dieses Buches: Samuel Bänziger, Rosario Florio, Larissa Kasper, die auch das Saiten-Layout verantworten, haben bewusst ein Lesebuch gestaltet. Seiten voller grauem Text, die 59 Zeitungsartikel durchnummeriert, Vorspann, Erscheinungsdatum und Autorenname zusammengepfercht.
Als Leser:in holt man tief Luft, bevor man einsteigt. Und wer sich ein Bild von den besprochenen Gebäuden machen will, muss blättern und suchen, denn die erwähnten Schwarzweissbilder stehen nach je sechs Texten in Gruppen versammelt. Ein bewusster grafischer Entscheid, um den Lesefluss nicht zu unterbrechen, und eine Referenz auf alte wissenschaftliche Bücher, bei denen die Bildtafeln zusammengefasst wurden, sagen die Gestalter:innen. Doch die Frage sei erlaubt: Entspricht das unserem heutige Leserverhalten?
Bilder: Katalin Deér
Stadt und Landschaft denken. Anthologie zur Baukultur, Hrsg: Architekturforum Ostschweiz, Elias Baumgarten. Triest Verlag, Zürich, Fr. 39.–
Der erste Sammelband mit dem Titel Raum. Zeit. Kultur. Anthologie zur Baukultur ist 2016 erschienen.
Die Fotografie bekommt im Buch allerdings auch einen überraschenden Auftritt. In zwei Gruppen zeigt die St.Galler Fotografin und Künstlerin Katalin Deér in «Inserts» und auf speziellem Papier ihre Bilder, die auf Fahrten durch die Ostschweiz entstanden sind. Sie hatte hundert Leute aufgefordert, ihr Orte zu nennen, die mit persönlichen Emotionen verbunden sind. Diese Orte hat sie fotografiert.
Dabei geht es um mehr als um Architektur oder Landschaft. Katalin Deér zeigt uns ein jeweils sichtbares räumliches Ereignis, das durch Zeit und Zufall entstanden ist. Und sie fordert uns damit heraus, denn wir wissen als Betrachter:in nicht, wo wir sind. Es sei denn, wir kennen den Ort oder das Objekt bereits.
Gespräche über Macht, Geld und Politik
Zum Charakter eines Lesebuchs tragen nicht zuletzt zwei Gespräche zwischen Fachleuten bei. Wie man «das Ungeplante zulassen» könnte, darüber unterhalten sich die Soziologin Christina Schumacher, die Raumplanerin und Politikerin Christine Seidler und Pfarrer Bernhard Rothen mit Herausgeber Elias Baumgarten. Herausgearbeitet werden dabei die Einflüsse der verschiedenen Akteure im Planungs- und Bauprozess und die Zusammenhänge zwischen Politik, Gesellschaft, Raumplanung und Städtebau.
Zwar sind diese Fachdiskussionen nicht neu, es gab sie schon in den 1960er-Jahren, doch sie waren und sind bis heute teils so abstrakt, dass sie uns «Normalleser:innen» überfordern. Die Runde stellt fest, dass es heute meist um Macht und Profit geht. Planende und Architekt:innen müssten aber lernen, gesellschaftliche Anliegen zu respektieren.
Im zweiten Gespräch reden Nina Cattaneo und Pascal Marx vom Büro Ruumfabrigg, Astrid Staufer von Staufer & Hasler Architekten und der frühere St.Galler Kantonsbaumeister Werner Binotto über die Frage «Müssen wir als Gesellschaft scheitern?» In Zeiten der Klimakrise müsste man doch von der Architektur einfallsreiche, mutige, ja utopische Entwürfe erwarten.
Buchtaufe mit Elias Baumgarten, Susanna Koeberle und Caspar Schärer: 31. Mai 19.30 Uhr, Livestream aus dem Architekturforum St.Gallen
Debatten zum Buch: 17. Juni 18 Uhr Verrucano Mels, 24. Juni 18.30 Uhr Güterschuppen Glarus, 8. Juli 19.30 Berufsbildungszentrum Weinfelden, 15. Juli 19 Uhr Zeughaus Teufen
a-f-o.ch
Die Analyse ist sowohl pessimistisch wie optimistisch: Obwohl Beliebigkeit und Langeweile nach wie vor dominieren, stellt die fachkundige Runde auch durchaus positive Entwicklungen fest: Schönheit sei wieder gefragt und die Raumplanung greife und setze den wuchernden Siedlungen Grenzen. Allerdings bleibe für Forschung und für Experimente in Planung und Architektur wenig Spielraum, denn enge Wettbewerbsvorgaben und wirtschaftlicher Druck liessen kaum Platz für neue Ideen.
Das Fazit hier: Planer:innen und Architekt:innen müssen aktiver werden, sich einmischen, auch in die Politik. «Sonst braucht es uns demnächst nur noch als Fassadendekorateure – und den Rest besorgt ein Algorithmus», so die Architektin Astrid Staufer.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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