Angesichts der lustigen Liveticker könnte man fast vergessen, dass unsere Kolleg:innen vom St.Galler Fussballmagazin «Senf» auch noch andere Textsorten beherrschen. Und das ziemlich kompetent. Die neuste Ausgabe, die am Donnerstagabend im Haus zur Ameise lanciert wurde, ist wieder prall gefüllt mit Lesenswertem und ebenso reich bebildert, diesmal mit einem Fokus auf Fussball und Kunst. 114 Seiten. So dick war der «Senf» noch nie.
Bei diesem Thema hat es sich natürlich angeboten, den Heft-Release mit einer Ausstellung zu verbinden. Im Haus zur Ameise hängen noch bis Samstagabend Illustrationen und Grafiken von 27 Künstler:innen aus der Schweiz, Italien, Deutschland und England, hübsch auf Leinwand gezogen. Die Werke sind auch im Heft zu finden. Jürgen Klopp lacht einen gleich viermal an, auch Maradona ist hoch im Kurs, aber nebst den berühmten Köpfen wurden auch Themen wie Diversität, Taktik oder das Fandasein verbildlicht.
Ebenfalls im Ameisenhaus ausgestellt und als Pagina im Heft integriert, sind diverse Rückennummern. Der Text dazu von Senf-Grafiker Fabian Rietmann geht auf die Tradition des Nummerierens ein, aber auch auf die typografische Ästhetik und die Entstehungsgeschichte der Ziffern. Der Clou: Jede einzelne ist per QR-Code samt Namen abrufbar und kann als Poster bestellt werden.
Das Kunstverständnis des «Senf»-Kollektivs ist aber wesentlich breiter und umfasst diverse Kultursparten. Groundhopper Andrin Brändle beispielsweise geht der «Kurvenkunst» nach und beleuchtet die bunte St.Galler Choreo-Geschichte genauer. Eine besonders reizvolle Kulturtechnik, da sie nur im Schwarm und mit anonymen Urheber:innen funktioniert.
Ähnlich verhält es sich auch mit der Street Art der Ultras, auf die Florian Oertle in seinem Text eingeht. Oder bei den Fanzines. Auch sie sind für gewöhnlich ein Kollektivwerk, das von DIY-Mentalität und alternativer Rechtschreibung lebt. Ruben Schönenberger geht der Geschichte dieser unkommerziellen Publikationsart, die ihre Wurzeln in der Musikszene hat, nach und hält, wohl zurecht, fest: «Fanzines sind das Vinyl der Fussballfans.»
Doch auch bei den Fussballfans ist nicht alles handglismet oder halblegal wie Fanzines oder Tags. Das ist nur ein lästiges Prolo-Image, wie auch Dorothea Strauss, die ehemalige Kuratorin der Kunst Halle Sankt Gallen, im Interview mit Oliver Kerrison klarstellt: «Wir dürfen uns nichts vormachen: Auch Fussballfans sind kulturaffine Leute; und umgekehrt gibt es ganz viele Künstler:innen, die sich mit Fussball beschäftigen. Seit den 1960er- und 1970er-Jahren ist das Fansein längst nicht so weit vom Intellektuellen und Philosophischen entfernt, wie es dargestellt wird.»
Und zack, sind wir in der sogenannten Hochkultur gelandet. Diese bekommt Platz, ganze zehn Seiten, ist aber äusserst bekömmlich und führt einige Aspekte des Hefts zusammen. Dorothea Strauss hat im Vorfeld der WM 2006 die Ausstellung «Rundlederwelten» im Walter-Gropius-Bau kuratiert und blickt auf diese Arbeit und einige ausgewählte Werke zurück, ordnet aber den Kunstzirkus auch ein und gibt einiges an Kontext. Sehr lesenswert.
Ebenfalls lohnend ist die «2. Halbzeit» mit Patric Dal Farra alias Tinguely dä Chnächt, der auch eine eigene Fussballkolumne beim Magazin «zwölf» betreibt. Er philosophiert über Fangesänge und bringt vielleicht bald einen Track namens «Es ist vorbei, bye bye Bayern» raus, wer weiss. Und der Legende nach hat er 1982, als Italien Weltmeister wurde, vor Freude einen Stuhl aus dem Fenster geworfen.
Ausstellung «Kunstrasen» Senf #15: 5. Februar, 14 bis 18 Uhr, Haus zur Ameise St.Gallen
Senf bestellen: senf.sg
Wo wir grad dabei sind – die Architektur darf natürlich auch nicht fehlen, wenn es um Fussball und Kunst geht. Nicole Eberle hat mit dem Künstler Florian Graf über Stadionarchitektur und Baukunst gesprochen. Er glaubt zwar nicht, dass ein Stadion ein Kunstwerk sein kann, hat aber seinen ganz eigenen Weg gefunden, die Kunst ins Stadion zu bringen.
Bei so viel Kunst und Kultur in einem Heft macht «Senf» Saiten fast schon ein bisschen Konkurrenz. Was schön ist! Wir beim «Ostschweizer Kulturmagazin» freuen uns jedenfalls, dass es Leute gibt, die den Nerv haben, ein noch dickeres Kulturmagazin zu machen als wir.
Aus der Fanszene des FC St.Gallen stammt ein neues Fussballmagazin. Es kommt kaum zufällig in einem Moment heraus, in dem es dem Klub gut geht.
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.