Grosseltern sind ein ergiebiges Thema. Egal, wen man fragt, fast alle haben die eine oder andere Geschichte über Oma und Opa auf Lager. Viele drehen sich um dicke Märlibücher, heisse Ovi mit Honig oder um gemeinsame Herbstwanderungen, andere wiederum handeln von schwierigen Verhältnissen, von Generationenkonflikten oder traumatischen Erlebnissen. Meist blicken wir durch Kinderaugen zurück, erinnern uns nur punktuell, vor allem, wenn wir sie vergleichsweise kurz gekannt haben.
Das ist auch bei Alma Fedier der Fall. Sie war acht, als ihr Grossvater starb. Das war 2005. Und über ihn gibt es definitiv eine Menge zu erzählen: Franz Fedier ist einer der Wegbereiter der Abstrakten Malerei in der Schweiz und hat sich auch intensiv mit Kunst am Bau und in der Landschaft auseinandergesetzt. Die Kindheitserinnerungen von Alma und ihrer Schwester Clara: Farbgeruch, Spachtelschichten, das Geräusch abziehender Klebebänder, gemeinsames Malen und vor dem Fernseher Fanen für die Young Boys.
Alma (links) und Clara mit Papa Marco.
Im neuen Dokfilm Fedier – Urner Farbenvirtuose, der pünktlich zu Franz Fediers 100. Geburtstag erscheint, geht die 24-jährige Alma, ausgehend vom Dachatelier in der Berner Innenstadt, das seit seinem Tod 2005 unverändert blieb, auf einem Roadtrip den Spuren ihres Grossvaters nach, quer durch die Schweiz bis nach Paris. Geleitet wird sie dabei von Fotos, Skizzenbüchern und Fediers autobiografischen Texten. Begleitet wird sie von Bekannten und – teils prominenten – Weggefährt:innen ihres Grossvaters.
«Art is easy»
«Bildbetrachtung ist Detektivarbeit», wird Franz Fedier im Film einmal zitiert. Dem Opa nachspüren ebenso, möchte man anfügen, etwa wenn Alma wandernd auf dem Sustenpass anhand von Bildschnipseln und Skizzen herauszufinden versucht, welchen Weg Franz damals genommen hat und an welcher Stelle er das schachbrettartige Tanzparkett mitten in der Wildnis platzieren wollte. Oder wenn sie im Urner Staatsarchiv die grossen Pläne ausrollt, die er für die künstlerische Gestaltung eines Teilstücks der Autobahn N2 gemacht hat.
Beide Projekte sind nie zustande gekommen, doch sie gehören mit zu den interessantesten im Film und veranschaulichen Fediers Herangehensweise und seine laut Kunstexpertin Bice Curiger stets offene und «unideologische Haltung» zu den Dingen: natürliche Vorgänge oder Phänomene und menschliche Eingriffe nicht gegeneinander auszuspielen, sondern nebeneinanderzustellen, sie in Kontrast zu setzen oder bestenfalls zu vereinen und so Neues zu erschaffen. Das Rohe und das Kultivierte, Chaos und Ordnung sind bei Fedier keine Gegensätze.
Parkplatzmalerei, Zürich 1970
«Hauptsache spielen und gwundrig bleiben», würde er selbst vielleicht sagen. An seiner Ateliertür hing immer ein Schild mit der Aufschrift «Art is easy». Wenn einem die Kunst nicht leichtfalle, sei man vermutlich im falschen Metier, konstatiert Fedier einmal. Und: «Ohne Scheitern keine Kunst.»
So gesehen dürfte er auch nicht sonderlich enttäuscht gewesen sein, als er bei der «Naturforschenden Gesellschaft Uri» 1994 auf Granit biss: Fedier wollte den Teufelsstein an der Autobahn in Göschenen mit einem gelben Teufel verschönern. Die Skizze dazu hatte er bereits in den 70er-Jahren angefertigt, als die Gotthard-Autobahn gebaut wurde.
Auch dieses Projekt ist gescheitert – zumindest anno dazumal, denn zwischenzeitlich tanzt Fediers Teufel doch noch für die vorbeiziehende Blechlawine, wenn auch nur temporär, geplant und ausgeführt von seiner Familie.
«Nullpunktsituation»
Regisseur Felice Zenoni hat eine gute Mischung aus Roadtrip und Biopic gefunden. Er folgt Alma Fedier unauffällig mit der Kamera, lässt ihr und den Begegnungen mit Expert:innen und ehemaligen Weggefährt:innen viel Raum. Und bei diesen holt Alma nicht nur Wissen und Erinnerungen ab, sie bringt auch etwas mit: Skizzen und Fotos zu den Werken ihres Grossvaters, die sie auf ihrer Reise besucht und reflektiert. «Wegbeschreibungen», die den Film bereichern.
Fedier – Urner Farbenvirtuose: ab 9. Januar im Kinok St.Gallen
kinok.ch
Leichtfüssig geht es von Bern zu seinen Geburtsort Erstfeld, dann über Basel, Luzern und andere Orte bis nach Paris, wo Fedier mit seiner Familie mehrmals gelebt hat in den 50er- und 60er-Jahren. Er reiste viel und gern, unter anderem auch nach Tunesien. Die Nachkriegszeit bezeichnet Fedier als «Nullpunktsituation», in der plötzlich alles möglich war. Das merkt man auch seiner Kunst an. Er ging weg vom Figürlichen und suchte zunehmend die Abstraktion.
Immer wieder wird angetönt, dass Fedier auch hin und wieder angeeckt ist. Dass er seiner Zeit voraus war und sich durchaus seine Freiheiten gesucht hat. Hier hätten dem Film einige Einordnungen gutgetan. Man hätte gern noch mehr über sein Verhältnis zur Schweiz und insbesondere zur Innerschweiz der 1950er- bis 80er-Jahre erfahren. Wie hat er die damalige Gesellschaft empfunden? Was heisst angeeckt? Und wie hat er, der nie Karriere machen wollte, seine Rolle als Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission gesehen?
Das grösste Mysterium bleibt aber Fediers Frau Doris Tschannen. Sie hat ihrem Mann offenbar mehr als nur assistiert. Immer wieder blitzt die Bewunderung auf, die ihre Enkelinnen und Papa Marco für sie empfinden, doch konkret wird der Film nicht. Was etwas schade ist, aber vielleicht auch ganz clever. Man muss ja nicht alle Familiengeheimnisse verraten.
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