Chill, Boomer.

«Du bist noch jung.» – «Der richtige wird schon noch kommen, du wirst sehen.» Warum die Boomer endlich mal chillen sollen. von Aglaja Bohm
Von  Gastbeitrag

Mir wurde, wie den meisten Kindern, beigebracht, dass man Respekt haben solle vor den Älteren. Gegen Respekt ist auch nichts einzuwenden, jedoch ist mir in meinen Jugendjahren und als junge Erwachsene aufgefallen, dass selbst in dieser Floskel ein Disconnect der Interpretation zwischen den jungen und den älteren Menschen besteht.

Respekt zu haben bedeutet nicht, dasselbe auszuprobieren, was vor 30 Jahren funktioniert hat. Ich habe mich schon in jungen Jahren ideologisch vom Status Quo distanziert und versuche, meinen Lebensentwurf ausserhalb der gesellschaftlichen Erwartungen zu gestalten. So lagen mir die Vorstellungen von Familie gründen, das ganze Leben im selben Job (un)zufrieden sein und stereotypes weibliches Aussehen immer fern.

Ich habe die Idee eines autonomen Lebens, ohne Schuldgefühle irgendjemandem gegenüber, immer offen ausgelebt und auch darüber geredet. Bei den Gleichaltrigen stiess ich eigentlich nie auf Probleme, jedoch trafen meine Vorstellungen bei den ü40ern auf Gelächter. Es war meistens nicht einmal Wut oder Ablehnung, sondern ein bemitleidendes Lächeln und Sätze wie: «Du bist noch jung, du wirst sehen, schlussendlich wirst du so wie ich.»

Auch das Lebenserfahrungsargument hörte ich oft: «Ich bin schon länger auf dieser Erde, deshalb weiss ich besser, wie das Leben funktioniert.» So sehr ich friedlich versuchte zu versichern, dass ich überzeugt sei, es gebe Möglichkeiten, ein anderes Lebenskonzept wie das ihre zu entwerfen – es nützte nichts.

Darum rede ich mit älteren Leuten nicht mehr gleich offen über meine Ziele und meine Lebensphilosophie wie früher, denn sie wissen es so oder so besser.

Ich spreche niemandem seine Lebenserfahrung ab. Aber es stört mich, dass es keine Möglichkeit gibt, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Man muss mir nicht zustimmen, man muss es nicht befürworten, aber was ich von einer erwachsenen Person erwarte, ist: einfach zuhören, ohne die eigene Meinung oder vielleicht sogar Reue auf mich zu projizieren.

Jede Generation ist anderen Umständen und Einflüssen ausgesetzt, denn so kommen wir vorwärts, statt die ganze Zeit auf der Stelle zu treten. Es ist doch positiv, dass sich manche Frauen gegen Kinder und für die Karriere entscheiden, wie auch ich. Trotzdem fühlt sich jeder ältere Mensch dazu verpflichtet, mir zu sagen, dass ich ja «noch jung» sei und sich das alles «mit dem richtigen Partner» noch ändern könne. Und überhaupt: Diese Frauen, die keine Kinder wollen, seien immer die, die dann als erste Kinder bekämen.

Ich bin ausgebildete Detailhandelsfachfrau im Bereich Parfümerie und Pflege und habe den ganzen Tag mit Menschen zu tun, die in der Regel zwischen 40 und 90 sind. So werde ich zum Beispiel immer noch mit Fräulein angesprochen, und manchmal wollen Kund*innen nicht von mir bedient werden, da ich noch nicht 30 bin.

Es ist meistens eine Welle aus Verniedlichung oder Abscheu, die mir entgegenschlägt. Es variiert zwischen ignorieren, mich wie die eigene Tochter behandeln oder tiefer Verachtung gegenüber meinem Make-up, der Kleidung, die ich trage, und der Art und Weise, wie ich auftrete.

Eine ungefähr 80-jährige Frau, die zuerst kühl und ablehnend war, stellte nach einer Viertelstunde erstaunt fest: «Sie kennen die Produkte hier ja wirklich gut!» Im Verlauf des Verkaufsgesprächs wurde sie immer herzlicher und wärmer, bis sie sich am Schluss sogar mit dem Namen verabschiedete. Natürlich muss ich erwähnen, dass es auch sehr dankbare Kund*innen gibt, in der Regel werden sie aber alle lieber von den 20 Jahre älteren Mitarbeiter*innen bedient.

Es frustriert mich zu sehen, dass diese Menschen, die die erste und zweite Welle des Feminismus erlebt haben, immer noch denken, dass Frauen die Entscheidungsfähigkeit eines Kindes haben. Die jungen Frauen heutzutage erfinden sich neu, wenn es um berufliche Ziele, Sexualität und Beziehungen geht.

Leider habe ich manchmal das Gefühl, dass die christliche Prägung der meisten Babyboomer immer noch in unserer Politik und unserem sozialen Verständnis mitschwingt. Nur mit dem Ziel, die jungen Leute von heute aufzuhalten und auf den «rechten Weg» zurückzuführen.

Ich würde ja gerne den Dialog zu der älteren Generation öffnen und den Austausch verstärken, jedoch ist das für mich nur dann möglich, wenn kein belehrender Unterton mitschwingt.

Wir jungen Leute sind facettenreich und müssen uns zurechtfinden in dem Zeitalter der Digitalisierung und der anhaltenden Regentschaft der alten weissen Männer. Wir werden unsere Erfahrungen machen und unsere Lektionen erteilt bekommen und daraus lernen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie werden sich von denen der ü40er unterscheiden.

Aglaja Bohm, 1999, ist Detailhandelsfachfrau und würde gern irgendwann Internationale Beziehungen studieren.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait