Mir wurde, wie den meisten Kindern, beigebracht, dass man Respekt haben solle vor den Älteren. Gegen Respekt ist auch nichts einzuwenden, jedoch ist mir in meinen Jugendjahren und als junge Erwachsene aufgefallen, dass selbst in dieser Floskel ein Disconnect der Interpretation zwischen den jungen und den älteren Menschen besteht.
Respekt zu haben bedeutet nicht, dasselbe auszuprobieren, was vor 30 Jahren funktioniert hat. Ich habe mich schon in jungen Jahren ideologisch vom Status Quo distanziert und versuche, meinen Lebensentwurf ausserhalb der gesellschaftlichen Erwartungen zu gestalten. So lagen mir die Vorstellungen von Familie gründen, das ganze Leben im selben Job (un)zufrieden sein und stereotypes weibliches Aussehen immer fern.
Ich habe die Idee eines autonomen Lebens, ohne Schuldgefühle irgendjemandem gegenüber, immer offen ausgelebt und auch darüber geredet. Bei den Gleichaltrigen stiess ich eigentlich nie auf Probleme, jedoch trafen meine Vorstellungen bei den ü40ern auf Gelächter. Es war meistens nicht einmal Wut oder Ablehnung, sondern ein bemitleidendes Lächeln und Sätze wie: «Du bist noch jung, du wirst sehen, schlussendlich wirst du so wie ich.»
Auch das Lebenserfahrungsargument hörte ich oft: «Ich bin schon länger auf dieser Erde, deshalb weiss ich besser, wie das Leben funktioniert.» So sehr ich friedlich versuchte zu versichern, dass ich überzeugt sei, es gebe Möglichkeiten, ein anderes Lebenskonzept wie das ihre zu entwerfen – es nützte nichts.
Darum rede ich mit älteren Leuten nicht mehr gleich offen über meine Ziele und meine Lebensphilosophie wie früher, denn sie wissen es so oder so besser.
Ich spreche niemandem seine Lebenserfahrung ab. Aber es stört mich, dass es keine Möglichkeit gibt, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Man muss mir nicht zustimmen, man muss es nicht befürworten, aber was ich von einer erwachsenen Person erwarte, ist: einfach zuhören, ohne die eigene Meinung oder vielleicht sogar Reue auf mich zu projizieren.
Jede Generation ist anderen Umständen und Einflüssen ausgesetzt, denn so kommen wir vorwärts, statt die ganze Zeit auf der Stelle zu treten. Es ist doch positiv, dass sich manche Frauen gegen Kinder und für die Karriere entscheiden, wie auch ich. Trotzdem fühlt sich jeder ältere Mensch dazu verpflichtet, mir zu sagen, dass ich ja «noch jung» sei und sich das alles «mit dem richtigen Partner» noch ändern könne. Und überhaupt: Diese Frauen, die keine Kinder wollen, seien immer die, die dann als erste Kinder bekämen.
Ich bin ausgebildete Detailhandelsfachfrau im Bereich Parfümerie und Pflege und habe den ganzen Tag mit Menschen zu tun, die in der Regel zwischen 40 und 90 sind. So werde ich zum Beispiel immer noch mit Fräulein angesprochen, und manchmal wollen Kund*innen nicht von mir bedient werden, da ich noch nicht 30 bin.
Es ist meistens eine Welle aus Verniedlichung oder Abscheu, die mir entgegenschlägt. Es variiert zwischen ignorieren, mich wie die eigene Tochter behandeln oder tiefer Verachtung gegenüber meinem Make-up, der Kleidung, die ich trage, und der Art und Weise, wie ich auftrete.
Eine ungefähr 80-jährige Frau, die zuerst kühl und ablehnend war, stellte nach einer Viertelstunde erstaunt fest: «Sie kennen die Produkte hier ja wirklich gut!» Im Verlauf des Verkaufsgesprächs wurde sie immer herzlicher und wärmer, bis sie sich am Schluss sogar mit dem Namen verabschiedete. Natürlich muss ich erwähnen, dass es auch sehr dankbare Kund*innen gibt, in der Regel werden sie aber alle lieber von den 20 Jahre älteren Mitarbeiter*innen bedient.
Es frustriert mich zu sehen, dass diese Menschen, die die erste und zweite Welle des Feminismus erlebt haben, immer noch denken, dass Frauen die Entscheidungsfähigkeit eines Kindes haben. Die jungen Frauen heutzutage erfinden sich neu, wenn es um berufliche Ziele, Sexualität und Beziehungen geht.
Leider habe ich manchmal das Gefühl, dass die christliche Prägung der meisten Babyboomer immer noch in unserer Politik und unserem sozialen Verständnis mitschwingt. Nur mit dem Ziel, die jungen Leute von heute aufzuhalten und auf den «rechten Weg» zurückzuführen.
Ich würde ja gerne den Dialog zu der älteren Generation öffnen und den Austausch verstärken, jedoch ist das für mich nur dann möglich, wenn kein belehrender Unterton mitschwingt.
Wir jungen Leute sind facettenreich und müssen uns zurechtfinden in dem Zeitalter der Digitalisierung und der anhaltenden Regentschaft der alten weissen Männer. Wir werden unsere Erfahrungen machen und unsere Lektionen erteilt bekommen und daraus lernen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie werden sich von denen der ü40er unterscheiden.
Aglaja Bohm, 1999, ist Detailhandelsfachfrau und würde gern irgendwann Internationale Beziehungen studieren.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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