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Das Glück steckt nicht nur im Namen

Felix Lehner erhält den Grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen. Zwar wird gerade mehr über Nicht-Preisträger Milo Rau gesprochen. Drum hier die Lobrede auf den Sitterwerk-Gründer Lehner, erschienen im Märzheft von Saiten. von Ueli Vogt
Von  Gastbeitrag

Letztes Jahr hat die St.Galler Kulturstiftung Felix Lehner einen ihrer Preise verliehen. Nun zieht die Stadt nach und verleiht ihm den grossen städtischen Kulturpreis. Wieso erfährt der unermüdliche Schaffer gerade jetzt so viel Ehre? Ein wenig erstaunt der Zeitpunkt; geht es um Bedeutungssteigerung für den Preis und den Geehrten, das alte rhetorische Summenspiel also, dass eins und eins mehr als zwei ergibt? Die Rechnung würde zumindest gut zur Denk- und Handlungsweise des Gewürdigten passen, egal, ob das von der Jury bedacht wurde – und auch dies wiederum passt gut zu Felix Lehner.

Felix ist nicht einer, der streng linear vorgeht, keiner, der sich eines Problems step-by-step annimmt oder die Vielfalt an Projekten, die ihn interessieren, parallel zueinander vorantreibt. Vielmehr packt er ganz viele Themen in ganz unterschiedlichen Zuständen und Lösungsgraden an und verwebt sie miteinander. Am Beispiel seiner Anfänge könnte das so beschrieben werden: Er lernt vor Jahrzenten das schon damals reife Werk des Bildhauers Hans Josephson kennen, ist sehr berührt davon, sieht, wie der Bildhauer die Welt auslotet, wie diese nicht ganz einfach zugänglichen Figuren einen wichtigen Beitrag leisten – und will, dass diese Werke gegossen werden, nein, dass ER sie giessen kann. Dazu gründet er eine Giesserei, eignet sich das anspruchsvolle Handwerk an und ermöglicht dem Bildhauer, seine Werke zu vollenden. Dies wiederum macht sie bekannt, dadurch fliesst der Aufwand zeitverzögert zurück.

Hans Josephsohn und Felix Lehner.

So sind diese beiden grossen Gestalten miteinander gewachsen. Heute zählen die Figuren und das dazugehörige Kesselhaus Josephsohn zu den fixen Grössen in der Kunstwelt und laden dazu ein, uns anhand des Werks an der Unendlichkeit von Raum und Zeit messen. Das alles geschah ohne grosses Kalkül, sondern aus Zuneigung. Diese wurde leidenschaftlich mit allen Kräften, Geistern und Sinnen immer wieder befeuert, durch Handwerk, Technik, Gespräche, Neugierde und Genuss genährt.

Leidenschaft statt Businessplan

Lehners unternehmerisches Handeln hatte Erfolg, obwohl oder gerade weil da kaum ein Businessplan den Takt angab, sondern in erster Linie Interessen, Neugierde und Lust am Anpacken bestimmend waren. Das Handeln wird geleitet vom Fühlen, dieses wird genährt vom Sehen, das Entstandende ermöglicht unterschiedliche Sichtweisen etc. Um diesen Mechanismus in Schwung zu bringen, baute Felix Lehner ganz viele kleine Schwungräder auf; bei manchen war gar nie ganz klar, wieviel Schwung sie einbringen können oder ob sich das eine aufs andere überträgt.

Zu diesen Schwungrädern gehört das Materialarchiv als Teil eines nationalen Netzwerkes von ähnlich, aber je spezifisch sammelnden Institutionen, ebenso die ursprünglich zum grössten Teil durch Daniel Rohner zusammengetragene Bibliothek, deren Ordnung einzigartig ist und wunderbar das Wesen des Sammlers weiterleben lässt. Aber auch die Giesserei giesst nicht einfach nur Metalle in verrückte Formen; es haben sich andere Anlagen und Teile dazugesellt, meist um ein Wissen zu bewahren, selten ganz gezielt für eine Aufgabe. So haben sichan der Sitter unter anderem eine Vakuumgiesserei, ein Fotolabor oder modernste Fräs- und Sinteranlagen angesiedelt. Nicht zu vergessen die Küche, welche als Betriebskantine dient, als Brutstätte für Gastrounternehmer, aber auch für Gäste und Gruppen aller Art.

Bibliothek und Materialarchiv.

Felix und seine mindestens so umtriebige Partnerin Katalin Deér wohnen hoch über dem Kesselhaus in einem kleinen Wohncontainer. Nicht um oben zu thronen, sondern um den Dingen nahe zu sein und weil es dort möglich war, eine Wohnform mit dem eigenen Gestaltungswillen zu realisieren. Allzu oft sind die zwei nicht dort, denn es gilt Künstlerinnen und Künstlern auf der ganzen Welt die Aufwartung zu machen und die quasi nebenbei gegründete Giesserei in Schanghai zu besuchen. Oder an der Amalfiküste das gemeinsam aufgebaute Refugium mit einfachem Steinhaus und dem traditionellen Zitrusgarten zu pflegen, diesen auf Lehnersche Körpermasse zu trimmen und mit Phantasie und Fachverstand zu ergänzen. Dieses Engagement mit dem Ergebnis, dort sanft und sachte eine andere Nutzung verhindert zu haben, sei eventuell etwas vom Besten seines Lebens gewesen, hat Felix auch schon gesagt. Wobei er da masslos untertreibt, denn da entstehen neue und wunderbare Anpflanzungen. Gärtner ist er eben auch noch. Und das lässt nun versuchsweise danach fragen, was und wie dieser Felix seinen ganzen Strauss zusammenhält und weiterentwickelt?

Eine Kernkompetenz von Gärtnern ist die naive und daher furchtlose Herangehensweise an unterschiedlichste Aufgaben. Das verlangt eine interdisziplinäre Denkweise und ergibt oft unerwartete und überraschende Lösungsansätze. Es beinhaltet auch die Vermittlung von Machen, Denken und Fühlen, oder etwas pathetischer ausgedrückt: das Zusammenspiel von Hand, Kopf und Bauch. Felix Lehner ist aus meiner Sicht ein Gärtnerkollege und drum auch ein polyvalenter Dilettant.

Abzweigungen und Simultanentwürfe

Streng hierarchische Vorgehensweisen bremsen oft den Mut, etwas anzupacken, nach dem Motto: «Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig es ist oder wieviel Arbeit alles gibt, hätte ich gar nie angefangen.» So einfach und naiv ist es bei Felix nicht, denn an Mut mangelte es ihm nie, und anpacken würde er trotz viel Arbeit. Bei ihm handelt es sich eher um eine Lösungsstrategie, jene des professionellen Dilettanten. Diese gehen viel komplexer vor. Um nicht in den linear abarbeitenden Fluss zu geraten, eignen sie sich ihr Wissen selber an, setzen es selber zu ihrer eigenen Logik stimmig zusammen. Dazu gehört das Machen, das Denken mit der Hand und mit den Sinnen, dazu gehört Enthusiasmus und Freude am nebenher Entdeckten. Denn momentan scheinbar unbrauchbare Überschüsse können andernorts plötzlich entscheidende kleine Bausteine sein; so werden eben auch immer Fragmente von anderen Erfahrungen gleich integriert.

Felix Lehner.

Ein solches Vorgehen ermöglicht Lösungen, die kaum so voraussehbar und kaum planbar waren. Eine Gottheit im Dilettanten-Himmel sind die wunderbaren, von Gustave Flaubert ersonnenen Figuren Bouvard und Pecuchet, welche seinen gleichnamigen, unvollendeten letzten Roman beleben. Die zwei beschliessen, ihr Leben von ihren Interessen bestimmen zu lassen, und pfeifen auf die dünkelhaften Gesellschaftsnormen. Da sich im Verlauf eines aktiv gestalteten Lebens die Interessen immer wieder ändern, verlassen sie immer wieder ihre begangenen Pfade, welche sie immer sehr beherzt und zur Meisterschaft entwickelt haben, oder sie nehmen bei Veränderung ihrer Interessen eine Abzweigung. Dadurch bleiben diese oder jene Themen offen. Wer nun nur die ungelösten Fragen anschaut, sieht nur Unvollendetes, dabei sind die beiden Protagonisten durchaus erfolgreich, einfach an unerwarteten Stellen. Dieses Vorgehen könnte als Carpe Diem für Unternehmer oder Managerinnen dienen: Löse die Probleme im Moment, hadere nicht mit dem, was du momentan nicht lösen kannst, denn es gibt genug, was interessant und vielleicht auch daher lösbar ist. Der eigene Gwunder als Taktgeber.

Bei Architekten gibt es den Begriff des simultanen Entwerfens: Es besteht darin, nicht eine Planungs- und Entwurfsebene durch alle Massstäbe durchzudeklinieren (vom Städtebau bis zum Konstruktionsdetail), sondern man beginnt an verschiedenen Stellen, Aufgaben zu lösen, und entdeckt dadurch Wechselwirkungen, welche sehr hilfreich sein können und das Projekt am Schluss sinnvoll und schlüssig zusammenbringen. Dazu braucht es Vertrauen, denn gängige Kontrollsysteme können mit solchen Vorgehensweisen oft wenig anfangen. Es braucht gegenseitiges Vertrauen, aber auch Selbstvertrauen: das Vertrauen, dass etwas gut ist, auch wenn im Moment nicht ganz klar ist, wieso und wozu. Das darf allerdings nicht damit verwechselt werden, dass doch einfach alles irgendwie schon gut sei. Es bedarf der steten und wachen Beurteilung, denn die Kriterien können sich dauernd ändern und müssen immer wieder ausgehandelt werden. Auf diesem Terrain ist nur sicher, wer die erforderliche Agilität trainiert hat. Kunstwerke sind wunderbare Übungsobjekte für diese Fähigkeit.

Vielleicht ist dies das Geheimnis von Felix Lehners Wesen: Wenn man unter seinen charakteristischen Augenbrauen in seine verschmitzen Augen schaut, denkt man, dass das Glück nicht nur in seinem Namen steckt.

Der Grosse Kulturpreis der Stadt wird im Herbst verliehen.
Ueli Vogt, 1966, ist Gärtner und Architekt und seit 2012 Kurator des Zeughauses Teufen.

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten. Bilder: Sitterwerk / Katalin Déer

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Anita Zimmermann,  

Schöne Ehre, schöner Text! Ohne dass ich mich für jemanden stark mache wegen dem Streit um den Anerkennungspreis der Stadt St.Gallen. Blöde Flecken auf so einem Preis!

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