Ein grosser Quader mit vielen Fenstern und Gerippen aus Metallstangen an der Fassade: Das knallgelbe Lattich-Modul sieht im aprilgrauen Güterbahnhofareal wie ein UFO aus, das eben gelandet ist. Der Charme des Unfertigen umweht das Gebäude, das aus 48 Holzcontainern zusammengesetzt ist: Rund um das Erdgeschoss weisen Lehm und Kies auf gerade erst abgeschlossene Bauarbeiten hin. Überall stapeln sich im Schneeregen feucht gewordene Paletten, die das Versprechen langer Sommerabende am Feuer mit sich tragen, sei es als Sitzgelegenheiten oder als Brennstoff.
Vor dem Gebäude ein Lieferwagen mit Büromobiliar, Kaffeemaschine und Zügelkisten. Auf der Hinterseite des gelben Blocks ziehen sich Gerüstgänge über die Länge von jedem der drei Stockwerke. Zuoberst eine unbenutzte, weil an diesem Tag verregnete Dachterrasse mit Ausblick über das Gleisfeld. Schönstes Baustellengefühl beim Begehen der klackenden Metallgerüste, die an den Eingängen der einzelnen Module vorbeiführen.
Die Türen zu den jeweils 27 Quadratmeter grossen Holzquadern sind verglast. Wer vorbeigeht, sieht direkt in den Arbeitsraum des jeweiligen Mieters hinein. Blickdichte Vorhänge nur bei einem einzigen Modul – die Idee, dass dieser neue Lattich ein Ort ist, an dem sich die Kreativwirtschaft austauschen und vernetzen soll, zeigt sich auch in Details wie durchsichtigen Türen.
Gabriela Falkner
«Wobei wir Kreativwirtschaft als weit gefassten Begriff verstehen», sagt Gabriela Falkner, Präsidentin des Vereins Lattich, der das Projekt 2016 angestossen und über die Jahre begleitet hat. «Der Branchenmix, der jetzt in den Modulen existiert, ist vielseitig und gut. Grundsätzlich sind die Lattich-Mieter sicher Leute, die den Austausch schätzen und suchen. Was nicht in den Lattich passt, sind etwa Ladenketten oder Ableger von kommerziellen Geschäften und Agenturen. Diese haben aber selbst realisiert, dass das temporäre Quartier nicht der richtige Ort für sie ist», sagt Falkner.
Architektur, Grafik – und ein backender Bestatter
Tatsächlich finden sich unter den 32 Mitte April auf der Lattich-Website aufgelisteten Mieterinnen und Mietern neben den erwartbaren Architekten, Grafikern und Programmierern auch ein Bestatter, der nebenbei laut Selbstbeschrieb einen Cookie-Shop und eine Galerie führt, ausserdem eine Naturheilpraktikerin und ein italienischer Delikatessenhandel.
Ein wenig Exot ist auch der St.Galler Umweltingenieur Daniel Rüttimann, der selbständig ein Unternehmen für Geoinformatik führt. «Es hat schon ein paar Leute im Lattich, die in thematisch verwandten Bereichen arbeiten wie ich. Mit den Architekturbüros etwa könnten sich zukünftig konkrete, gemeinsame Projekte ergeben», sagt er. Das sei aber nicht der wichtigste Grund, weshalb er sein Büro hierher verlegt habe. «Zuvor war ich in einem Mehrfamilienhaus eingemietet und als Selbständiger den Arbeitstag über eher isoliert. Hier hingegen gibt es viele Möglichkeiten zum beruflichen und persönlichen Austausch.» Zudem sei die Miete für ein zentral gelegenes Büro mit knapp 30 Quadratmetern Fläche inklusive gemeinsam genutzten Sitzungszimmern mit 595 Franken relativ günstig. «Ausserdem finde ich es gut, dass durch dieses Projekt toter Raum in der Innenstadt belebt wird.» Dann entschuldigt sich Rüttimann – er muss sein Modul, in dem offene Zügelkisten und ein mit Papieren überladener Tisch stehen, fertig einrichten und parallel dazu Aufträge für Kunden ausführen.
Als erstes eine violette Decke
Noch dominiert das Unfertige an diesem Donnerstag Anfang April nicht nur um, sondern auch im Lattich: Es ist ruhig, es sind kaum Menschen auf den Gängen unterwegs. Arbeiter geben dem Gebäude an einigen Stellen den letzten Schliff. Am meisten Bauaktivitäten gibt es im 90 Quadratmeter grossen Gastrobereich. Viele Module sind noch leer, in zwei stehen etwas klischeehaft Retro-Rennvelos an der Wand. Ansonsten viele unausgepackte Kisten, ein paar Sofas und aufeinander gestapelte Stühle in den Büros, Ateliers und Werkstätten. Viele Mieter verschönern und bearbeiten beim Einzug ihre Module, die mit rohen Pressspanwänden und -böden vermietet werden und explizit gestaltet werden dürfen.
Jürgen Wössner
Darunter auch der Typograf und Frontend-Entwickler Jürgen Wössner: «Zuerst haben ich und mein Bürokollege Erdem Celikten die Decke violett angemalt und den Boden geölt. Ich wollte einfach schon immer mal eine violette Decke. Hier ist das möglich.» Daneben sind seine Beweggründe, sein Geschäft in den Lattich zu verlegen, ähnlich wie jene von Geoinformatiker Rüttimann: «Ich habe seit Jahren zuhause gearbeitet, was an sich gut funktioniert hat, aber der fachliche Austausch hat mir gefehlt. Gleichzeitig habe ich die hohen Fixkosten eines Büros gescheut.» Die geteilte Miete für das Modul – die Kosten für Strom, Heizung und Internet sind inklusive – sei nun aber im Rahmen.
Vom Austausch mit den anderen Mietern erhofft sich Wössner gegenseitige Hilfe bei technischen und gestalterischen Problemen. «Wer weiss, was sich daraus für konkrete, berufliche Projekte entwickeln können.» Doch Wössner, ehemaliger Velokurier und Mitgründer von Saiten, hat neben den professionellen auch fast schon poetische Gründe für den Schritt in den Lattich: «Ich mag den Geruch des Güterbahnhofs. Es riecht nach Strasse, nach Eisenbahnschienen, nach Geschichte. Das Gelände hat einfach eine gute Atmosphäre.»
Kathrin Lettner
Der Lattich sei für sie und ihre Institution ein «Fenster in die Stadt», sagt Kathrin Lettner, Abteilungsleiterin Weiterbildung an der Schule für Gestaltung am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Gallen (GBS). Die GBS-Gestalter haben im Lattich ein Doppelmodul gemietet, wo ein Teil ihrer öffentlichen Kurse stattfinden wird. «Der Standort ist für uns als Anbieter der Kurse attraktiver als die GBS im Riethüsli, die ein wenig abgelegen ist. So wird unser Kursangebot niederschwelliger zugänglich», sagt Lettner. Zudem sei vorgesehen, künftig ein Kursangebot zu entwickeln, das speziell auf die Lattich-Gegebenheiten zugeschnitten ist. «Die Stärke des Lattichs ist, dass er das grosse kreative Potential von St.Gallen sichtbar macht», sagt Lettner weiter. Sie hofft, dass zwischen dem Lattich – «ein kreativer Melting Pot» – und den Stadtbewohnern ein reger Austausch entsteht. «Das steht und fällt mit dem Gastronomieangebot».
Gestaltet wird dieses vom Team um den umtriebigen Koch, Unternehmer und Gastronomen Gallus Knechtle, dem vergangenes Jahr mit der Pacht des Bergrestaurants Aescher ein Coup gelungen ist. Im Lattich mietet Knechtle drei Module im Erdgeschoss, das Lokal namens «Wilde Möhre» soll Mitte bis Ende Mai eröffnen. Über den Mittag wird es warme Küche geben, am Abend ein reduziertes Speiseangebot und ab und zu Grillabende. Und: Die «Wilde Möhre», bei der laut Knechtle der Genuss im Zentrum stehen soll, wird auch am Freitag und Samstag jeweils bis Mitternacht offen sein – eine Einladung zum Austausch also auch an jene, die nicht in den Modulen arbeiten.
«Die spannendste Sache in St.Gallen»
Lukas Hofstetter
Und Gründe zum Hingehen gibt es: «Für mich ist das die spannendste Sache, die in St.Gallen momentan passiert», sagt der Kulturveranstalter Lukas Hofstetter, der mit seiner Agentur Gapevents ebenfalls neu im Lattich eingemietet ist. Das Modul teilt er sich mit drei weiteren Mietern. «Die Zwischennutzung von Brachen ist in Städten wie Zürich oder Basel normal. Es wurde Zeit, dass auch in St.Gallen so etwas passiert.» Zwar gebe es mit dem Startfeldzentrum im St.Galler Westen bereits einen Ort, an dem sich junge Unternehmer vernetzen können. «Doch das Umfeld dort war für mich zu technisch. Hier im Lattich sind die meisten in ähnlichen Bereichen tätig wie ich.» Der Austausch sei bereits in den ersten Tagen des Einzugs sehr gut. «Alle sind offen, gehen aufeinander zu, fast etwas atypisch für St.Gallen. Ich bin so mit Leuten ins Gespräch gekommen, die ich seit zehn Jahren in der Stadt sehe, mit denen ich aber nie geredet habe.» Daraus könne sich durchaus etwas ergeben, «aber es ist noch zu früh, um darüber zu spekulieren, was genau.» Für den Moment sei es gut zu wissen, dass er bei Problemen versuchen könne, bei den Nachbarn Rat zu holen.
«Wer die Modulnachbarn sind, wussten die Mieterinnen und Mieter nicht im Voraus», erklärt dazu Vereinspräsidentin Gabriela Falkner. Die Vermietung sei eine Art Tetris-Spiel gewesen aufgrund der unterschiedlichen Mieterwünsche: «Die Mieter begegnen sich aufgrund der baulichen Anlage regelmässig, sei es auf den extra dafür eingeplanten Gerüstplattformen auf den Gängen, auf der Dachterrasse oder im Gastrobereich.»
Nachdem der Lattich nun also eröffnet ist und der Branchenmix zu leben beginnt, wird auch das kreative Unternehmertum vor Ort gefördert: In Zusammenarbeit mit Startfeld wurde ein viermonatiges Förderprogramm für Kreativunternehmer aus Bereichen wie Design, Architektur, Fotografie, Vermittlung, Tanz, Theater, Musik, Kunst, Literatur etc. ausgeschrieben. Die ersten zehn Ausgewählten werden ab Mai von Coaches von Startfeld und Fach- und Designexperten der Schule für Gestaltung begleitet und können vier Monate lang kostenlos im Lattich ihre Projekte verfolgen. Das zweite Förderprogramm startet im September.
Die Devise heisst «flexibel bleiben»
Dass der Lattich ein Provisorium ist, das nach derzeitigen Plänen in zehn Jahren einem Autobahnanschluss weichen soll, findet Falkner nicht problematisch. «Zehn Jahre sind eine schöne Zeit, um etwas aufzubauen.» Die aktuelle Zwischennutzung des Güterbahnhofareals sei nur möglich, weil dessen Umgestaltung wegen der Autobahnpläne derzeit blockiert sei. «Zudem ist der Lattich so gebaut, dass er in kurzer Zeit verschoben werden kann. Auch wenn letztlich eine Autobahnausfahrt gebaut wird, könnte er an einem alternativen Standort beim Güterbahnhof oder anderswo weiter existieren», sagt Falkner. Die bisher vier Jahre Lattich hätten ihr eines gezeigt: «Man muss bei einem solchen Projekt flexibel bleiben, sich immer wieder neu erfinden und mit vielen verschiedenen Partnern verhandeln.»
Dieser Artikel erschien im Mai-Heft.
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