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Der Blick durch das dritte Auge

Die Chinesin Yu Hao hat einen Film über ihre Wahlheimat, das Appenzellerland gedreht. «Plötzlich Heimweh» gibt den vermeintlich altbekannten Bildern und Klischees einen doppelten Boden. von Hanspeter Spörri
Von  Gastbeitrag

Das Unterfangen hätte leicht scheitern können. Aus Hunderten von Stunden Videomaterial über das Appenzellerland hat Yu Hao Szenen hart zusammengeschnitten, die aus Sicht von Einheimischen nicht zusammengehören: Fronleichnamsprozession in Innerrhoden; Silvesterchlausen in Urnäsch; das Bloch; Alpabfahrt von der Schwägalp; Besuche beim Bauernmaler Johann Josef Hautle; Bilder aus dem Alltag des Bauernbuben Chläus Anderegg; das Gespräch mit dem Bauern Ruedi Manser; eine Begegnung mit dem Fotografen Ueli Alder.

Der Film führt einen in ein Appenzellerland, das erstaunlicherweise noch existiert – aber eigentlich nichts zu tun hat mit der Realität von 90 Prozent der in Ausserrhoden und Innerrhoden Wohnenden, mit der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Der kritische Blick erkennt im Film deshalb zunächst touristische Klischees, die er längst zu kennen glaubt.

Das nicht in Worten Fassbare

Den roten Faden bringt Yu Haos eigene Geschichte in den Film: Ihre Kindheit in einem ländlichen Dorf im Norden Chinas, der unerfüllte Wunsch, dazuzugehören; das Fehlen eines Heimatgefühls, die Karriere als Journalistin beim Chinesischen Staatsfernsehens, die schicksalsträchtige Reportagereise in die Schweiz, dokumentiert beispielsweise mit Aufnahmen vom Zürcher Sechseläuten. Und die Begegnung mit Ernst Hohl, der in offiziellem Auftrag die Journalistin begleitet. Die beiden werden ein Liebespaar. Auch die Schilderung dieser aussergewöhnlichen Begegnung und Beziehung hätte den Film leicht ins allzu Private führen können.

Nächste Vorstellungen im Kinok St.Gallen: 3., 8., 12. Januar

kinok.ch

Plötzlich Heimweh ist nominiert für den Prix du Public an den Solothurner Filmtagen. Vorstellungen: 24. und 27. Januar

ploetzlichheimweh.ch

Die Kamera, erfährt man zu Beginn des Films, ist Yu Haos drittes Auge. Hinter ihr kann sie ihre Unsicherheit verbergen; durch sie sieht sie, deren Sehen durch ein kurz- und ein weitsichtiges Auge beeinträchtigt ist, die vielfältige und verstörende Welt in einer für sie handhabbaren Form. Die Kamera ermöglicht ihr intime Annäherungen und Begegnungen, obwohl sie zu Beginn noch kaum Deutsch spricht. Und aus diesen Begegnungen, bei denen das Unsagbare, Unbeschreibliche wichtiger ist als das in Worten Fassbare, gewinnt der Film von Yu Hao seine Kraft, seine seelische Tiefe.

Yu Hao kommt an in dieser Welt, die zunächst einfach das Appenzellerland ist, das ihr Ernst Hohl zeigt. Sein Appenzellerland, sein Sehnsuchtsort. Sie wird aber nach und nach Teil dieses kleinen Universums, ist nicht mehr nur Zuschauerin und Beobachterin, welche die Welt an sich vorbeiziehen lässt.

Räuchlen in Innerrhoden – Begegnung mit Silversterchläusen.

«Plötzlich Heimat» ist einerseits das Dokument einer Verwandlung, einer kulturellen Integration: «Etwas passierte hier mit mir, und ich wusste nicht was», sagt Yu Hao in ihrem Off-Kommentar, in ihrem mittlerweile sehr gut verständlichen, sehr präzisen Hochdeutsch. Anderseits entwirft der Film ein Bild des Appenzellerlands, wie es uns vermeintlich vertraut ist, das durch Yu Haos Kamera gesehen aber Dimensionen offenbart, die man ansonsten leicht übersieht.

Vom Bauern und Maler Johann Josef Hautle sagt Yvonne, die Tora-Studentin, die bei ihm wohnt und den Haushalt macht, er sei ein Mann wie ein Berg, der es nicht nötig habe, sich zu verändern. Mit Yu Hao ist wohl das geschehen, was der Fotograf Ueli Alder beschreibt: Wenn Du nur weit genug fortgehst, kommst Du wieder nachhause.

Ein neues Verständnis von Heimat

Ein tiefsinnigeres Bild des appenzellischen Brauchtums und der archaischen Kultur ist kaum je gezeichnet worden – am ehesten erinnert Yu Haos Film an Martin Schaubs Die Insel. Auch dieser Dokumentarfilm aus dem Jahr 1993 öffnete mit Exkursen des Schriftstellers John Berger den Blick ins Internationale, auf Hirtenkulturen und ihre Bedeutung bis in die Gegenwart. Yu Hao kontrastiert die Bilder aus dem Appenzellerland mit Aufnahmen aus dem ländlichen und grossstädtischen China, zeigt ebenso Parallelen wie Gegensätze, dokumentiert Fremdheit, Verlorenheit, Nähe und Zugehörigkeit.

Auf dem Friedhof in China.

Es ist deshalb ein berührender, kluger und philosophischer Film. Seine Bilder sind gesehen durch das dritte Auge – und dieses ist ja bekanntlich das Tor zur Weisheit der Seele. Diese Bilder bringen einen jedenfalls dazu, Themen wie Heimat, Zugehörigkeit, Fremdheit zu überdenken. Es mag sein, dass man die Appenzellische Kultur danach ganz anders sieht – ein bisschen auch mit den Augen von Yu Hao.

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