Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der harmlose Hermes

Historiker Hans Fässler hat ein Kopfgeld ausgesetzt: Wer ihm in der Stadt St.Gallen einen Hermes zeigt, den er noch nicht kennt, wird belohnt. Auch Saiten schreibt einen kleinen Wanderwettbewerb aus.
Von  Hans Fässler

Den ersten St.Galler Hermes habe ich wahrgenommen, als ich 2018 meinen Stadtrundgang «Auf den Spuren von Rassismus» vorbereitete. Er ist aus Metall und sitzt in einem Boot auf dem Dach des heutigen UBS-Gebäudes am Rösslitor am Rande der St.Galler Altstadt. Der wuchtige Jugendstilbau wurde 1891 als Geschäftssitz der «Schweizerischen Unionbank» fertiggestellt.

Der griechische Hermes, den die Römer:innen später dann Merkur nannten, gilt als Gott des Handels. Man erkennt ihn am geflügelten Helm und dem Stab, der ebenfalls geflügelt und von Schlangen umwunden ist. Der Hermes auf dem UBS-Gebäude hat ausserdem noch ein doppelt eingeschnürtes Textilpaket bei sich und blickt nach Westen, in Richtung der amerikanischen Absatzmärkte der St.Galler Textilindustrie der Jahrhundertwende.

Der zweite St.Galler Hermes begegnete mir über der Eingangstüre des markanten Gebäudes beim Hauptbahnhof, das 1908 als Filiale der «Eidgenössischen Bank» errichtet wurde und später ebenfalls die UBS beherbergte, bevor es zum Verwaltungsgebäude der Bodensee-Toggenburg-Bahn (heute Südostbahn) und schliesslich zum Tibits-Restaurant wurde. Zwei Reliefs flankieren hier den Gott des Handels: das linke unter dem Titel «Handel unter Kulturvölkern», das rechte mit der Bezeichnung «Handelsverkehr mit den Urvölkern».

Jetzt stellten sich mir erstmals Fragen: Sollte etwa Handel nicht gleich Handel sein? Was sind Kulturvölker und was sind Urvölker? Was ist überhaupt Handel? Und was tut eigentlich ein Kaufmann?

Abschlüsse auf Augenhöhe?

Der Kaufmann (auch: der Händler, der Handelsbankier, der Geschäftsmann, der Unternehmer, der Krämer, der Dealer, der An- und Verkäufer, der Investor, der Import-Export-Fachmann, der Supply-Chain-Manager) geniesst in der Geschichte im Allgemeinen und bis heute einen guten Ruf. Zumindest im Gegensatz zum mordenden, plündernden und vergewaltigenden Soldaten (auch: Söldner, Krieger, Konquistador, Eroberer, Legionär, Marineinfanterist) und auch im Gegensatz zum Betrüger (auch: Gauner, Gangster, Mafioso, Halunke, Schurke, Krimineller, Schwindler, Spekulant, Preistreiber, Wucherer).

Der Kaufmann (sehr selten die Kauffrau) setzt sich mit dem Verkäufer oder dem Käufer zusammen, man verhandelt über Preise, Liefermengen und -fristen, und kommt schliesslich zu einem Abschluss, welchen man mit einem Umtrunk begiesst. Alles geschieht sehr friedlich und zivilisiert – und auf Augenhöhe, wie die beiden Reliefs am Bahnhof zu belegen scheinen.

Doch im 18. und 19. Jahrhundert, als die europäischen Staaten und die Eidgenossenschaft mit dem leading factor der Textilindustrie ihre Industrialisierung und ihren Aufstieg zu den Masters of the Universe lancierten, hat man mit den Sklav:innen auf den Baumwollfeldern Amerikas nicht verhandelt. Ihre Arbeit war Zwangsarbeit und Gratisarbeit und war im fertigen Produkt «Baumwolle» bereits eingepreist. Nämlich mit einem Wert von Null.

Das gleiche galt für den Kakao, der die schweizerische Schokoladeindustrie mitbegründete, für Zucker und Tee, welche zuerst die Ernährungsgewohnheiten der Oberschichten und dann diejenigen des Industrieproletariats umkrempelten, für Tabak und Kaffee, welche als tropische Genussdrogen aus der europäischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind, und für Cochenille und Indigo, die der Textilindustrie lange als unersetzliche Farbstoffe dienten.

Bis heute sind wohl die meisten Handelsbeziehungen asymmetrisch, also nicht auf jener gleichen Augenhöhe, wie sie Hermes-Bildhauer Georg Josef Burgstaller aus Zürich am St.Galler Bankgebäude 1908 verewigt hat.

Der Bergwerksarbeiter im Teenager-Alter, der aus dem engen Schacht im Kongo die seltenen Erden an die Oberfläche bringt, sitzt nicht mit am Tisch, wenn Käufer:innen und Verkäufer:innen des neuesten iPhones über die Preisgestaltung verhandeln. Die ältere Anwohnerin des von der Glencore-Kohlemine in Bolivien verschmutzten Flusses ist nicht dabei, wenn sich die «Preisbildung» in der Energiebranche vollzieht.

Die Industrienationen des Westens haben ungleich mehr Verhandlungsmacht als die armen Länder des globalen Südens, wenn es um systemrelevante Rohstoffe geht. Auch heute noch gilt gewissermassen die Unterscheidung zwischen «Kulturvölkern» (der industrialisierte euro-amerikanische Norden) und «Urvölkern» (die LIC, d.h. die low income countries Afrikas, Asiens und Lateinamerikas).

20 Stutz pro Hinweis

Nach dem zweiten Hermes entdeckte ich den dritten, dann den vierten, dann den fünften. Ich begann, die Stadt, in der ich seit 67 Jahren lebe, mit einem Hermes-Merkur-Scan-Blick zu durchstreifen. Der Gott des Handels findet sich als massives Relief hoch oben an Repräsentativbauten, als feinziselierter Fassadenschmuck, als «Türsteher», als Gemälde und auch in der Toponymie bzw. der Geschäftswelt (Merkurstrasse, Merkatorium, Merkur Confiserie, Hermes Personalberatung).

Mittlerweile kenne ich rund 30 Darstellungen von Merkur/Hermes im öffentlichen Raum der Stadt St.Gallen, und ich werde den Verdacht nicht mehr los, dass die Verehrung bzw. symbolische Präsenz dieses antiken Gottes bei uns (wie auch z.B. in Hamburg) Teil unserer Lebenslüge ist: Wir sind ja nur eine harmlose Handelsnation (oder -stadt), wir haben nur Geschäfte gemacht. Wir haben keine Flotten losgeschickt, keine Kolonien erobert, keine Kriege um Einflusszonen geführt.

Ich habe nun ein «Kopfgeld» ausgesetzt: Wer mir einen Merkur/Hermes zeigt, den ich noch nicht kenne, bekommt 20 Franken. Ich habe die Summe bisher erst einmal auszahlen müssen bzw. dürfen und schliesse keine Stadtführung mehr ab, ohne nicht auf die schöne antike Pointe hinzuweisen: Den Griech:innen galt Hermes nicht nur als der Gott des Handels und der Kommunikation, sondern auch als «Gott der Diebe».

Hinweise zu Hermes-Denkmälern in der Stadt St.Gallen bitte per Mail direkt an Hans Fässler. Dieser Text wurde zuerst als Blogbeitrag auf der Website von IRAS COTIS, einer Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, publiziert.

 

Kleine Saiten-Sommeraktion: Hier eine Foto-Auswahl von St.Galler Hermes-Figuren. Wer herausfindet, an welchen Adressen diese sich befinden, schicke die Liste bis spätestens 18. August per Mail an die Redaktion. Wer alles korrekt hat, gewinnt den heissbegehrten Saitenspezial-Sonderüberraschungspreis 2021. Auf zum Hermesstadtspaziergang!

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land mit 2:3

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138