Am 4. März wird über den Millionenkredit zur Sanierung des Stadttheaters St.Gallen abgestimmt. Das Gebäude, das am 15. März 1968 eröffnet wurde, ist heute mehr als renovationsbedürftig. Viele Städterinnen und Städter kennen das Gebäude. Die meisten waren auch schon mal drin, ob als Gelegenheitsbesucherin, Theaterfan oder mit der Schule.
Das Theater, als Stadttheater in seiner Form und als Institution, wie wir es heute kennen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisches Produkt lokaler Persönlichkeiten und europaweiter Veränderungen des vorletzten Jahrhunderts.
Ort der Aufklärung
Ein kurzer historischer Abriss zeigt, dass das Theater während der Zeit des starken Klerus, der St.Galler Abtei, mit Unbehagen beobachtet wurde. Es durfte erst im 19. Jahrhundert richtig Fuss fassen in der Stadt, damals noch am Spisertor. Erst 1805 schuf der damalige Landammann Karl Müller-Friedberg mit der Konfiszierung des Klostervermögens den Kanton St.Gallen – und somit die Grundlage für ein Berufstheater des Bürgertums. Nach der Aufklärung übernahm das Theater in der damaligen Gesellschaft einen Teil der kirchlichen Aufgaben, und zwar die Bildung von Gewissen, Kultur und Brauch. Das Theater und seine Aufführungen rückten nicht nur politisch, sondern auch geografisch ins Zentrum der Städte.
Heute kämpfen die Theater, wie damals die Kirche, gegen die Vertreibung an den Rand der Gesellschaft. Dies liegt leider nicht ausschliesslich an der finanziellen Situation der heutigen Theater Europas; die Finanzkrise und das mangelnde Verständnis für künstlerische Freiräume verschärfen die Situation.
Staatlich geförderte Kulturstätten besitzen nicht nur einen künstlerischen Wert. Die neue wissenschaftliche Weltanschauung, die mit der neuen bürgerlichen Gesellschaft kam, setzte die Rahmenbedingungen für eine Kultur, die sich auf Rationalismus und Aufklärung stützt. Es ist diese Kultur, die Nährboden für künstlerische Ausdrucksformen schafft. In der heutigen Zeit des Irrationalismus und der Wissenschaftsverweigerung entsteht eine zweite Front gegen Kultur und Kunst, wie sie heute gesehen wird.
An dieser Stelle sollte betont werden, dass Förderung nichts mit Subventionierung zu tun hat. Ein Kulturhaus hat sich durch Qualität, Kontinuität und Verankerung in der Gesellschaft als förderungswürdig erwiesen. Kulturstätten entziehen sich der heutigen kapitalistischen Logik, in der ein Bauer nur durch Subventionen überleben kann, weil seiner Milch durch den freien Markt ein unaussprechlich tiefer Preis pro Liter vorgeschrieben wurde.
Magnet für Werte und Berufe
Häuser wie das Theater St.Gallen produzieren als Mittel- bis Grossbetrieb lehrreiche Aufführungen, reproduzieren aber zugleich die Werte, auf denen sich die moderne Schweiz seit dem Sonderbundskrieg 1847 stützt. Absurderweise schimpfen sich die eifrigsten Gegner dieser Abstimmung als letzte Vertreter dieser Wertvorstellung.
Ökonomisch gesehen ist das Theater St.Gallen ein grosser Arbeitgeber der Region und bildet verschiedene Berufe aus, etwa Theatermaler oder Maskenbildnerinnen. Das Theater St.Gallen besitzt somit einen Produktions- und doppelten Reproduktionscharakter von modernem Verständnis, Berufen und Kulturschaffenden.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist die Reproduktion einzelner Kunstschaffender und der Gesamtheit an kultureller Vielfalt für die Stadt St.Gallen und die Region. Sehr viele Kunst- und Theaterschaffende aus der Ostschweiz oder heute mit Basis in St.Gallen waren am Theater St.Gallen engagiert, als Malerin, MakeUp-Artist, Schauspielerin, Kulturmanager, Musikerin, Ausstatter, Tänzerin, Regisseur und in vielen weiteren Tätigkeiten, die mit Leidenschaft ausgeübt werden. Sie alle vertreten heute europaweit als Kunstschaffende die Region St.Gallen durch ihre Herkunft oder ihre Entscheidung, hier zu bleiben und durch ihr schöpferisches Sein einer Kleinstadt kulturelle Vielfalt zu schenken.
Im Gebäude selbst erinnert eine Installation im Foyer an Selbstbestimmung und Souveränität. Was oft in der Pause als «Lumpen» bezeichnet wird und vielen nie wirklich aufgefallen ist, heisst Gran Esquinçal und ist ein Werk des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies, geboren in Barcelona. Die Katalaninnen und Katalanen haben zuletzt 2017 per Referendum für ihre Unabhängigkeit gekämpft.
Es geht bei dieser Abstimmung nicht ausschliesslich um den Erhalt vieler Arbeitsplätze, sondern um den kulturellen Fingerabdruck der Region. Die Ablehnung einer Sanierung des Gebäudes hätte mittelfristig zur Folge, dass das Theater St.Gallen verschwinden würde. Langfristig aber würden die kulturelle Vielfalt und die Perspektiven für künstlerisches Schaffen in und aus der Ostschweiz verschwinden.
Andreas Mayer, 1987, hat seinen MA als Leitender Künstler – Theater an der ZHdK gemacht und ist freischaffender Bühnen- und Kostümbildner.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.