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Der kulturelle Fingerabdruck der Region

Es geht nicht nur um den Erhalt eines Gebäudes. Die kulturelle Vielfalt und berufliche Perspektiven für junge Ostschweizerinnen und Ostschweizer werden am Sonntag bei der Theaterabstimmung mitverhandelt. von Andreas Mayer
Von  Gastbeitrag
Rundgang im Stadttheater St.Gallen: Es gibt weder Trocknungs- noch Bügelraum. Auf dem Bild Martina Wagner. (Bild: Hannes Thalmann)

Am 4. März wird über den Millionenkredit zur Sanierung des Stadttheaters St.Gallen abgestimmt. Das Gebäude, das am 15. März 1968 eröffnet wurde, ist heute mehr als renovationsbedürftig. Viele Städterinnen und Städter kennen das Gebäude. Die meisten waren auch schon mal drin, ob als Gelegenheitsbesucherin, Theaterfan oder mit der Schule.

Das Theater, als Stadttheater in seiner Form und als Institution, wie wir es heute kennen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisches Produkt lokaler Persönlichkeiten und europaweiter Veränderungen des vorletzten Jahrhunderts.

Ort der Aufklärung

Ein kurzer historischer Abriss zeigt, dass das Theater während der Zeit des starken Klerus, der St.Galler Abtei, mit Unbehagen beobachtet wurde. Es durfte erst im 19. Jahrhundert richtig Fuss fassen in der Stadt, damals noch am Spisertor. Erst 1805 schuf der damalige Landammann Karl Müller-Friedberg mit der Konfiszierung des Klostervermögens den Kanton St.Gallen – und somit die Grundlage für ein Berufstheater des Bürgertums. Nach der Aufklärung übernahm das Theater in der damaligen Gesellschaft einen Teil der kirchlichen Aufgaben, und zwar die Bildung von Gewissen, Kultur und Brauch. Das Theater und seine Aufführungen rückten nicht nur politisch, sondern auch geografisch ins Zentrum der Städte.

Heute kämpfen die Theater, wie damals die Kirche, gegen die Vertreibung an den Rand der Gesellschaft. Dies liegt leider nicht ausschliesslich an der finanziellen Situation der heutigen Theater Europas; die Finanzkrise und das mangelnde Verständnis für künstlerische Freiräume verschärfen die Situation.

Staatlich geförderte Kulturstätten besitzen nicht nur einen künstlerischen Wert. Die neue wissenschaftliche Weltanschauung, die mit der neuen bürgerlichen Gesellschaft kam, setzte die Rahmenbedingungen für eine Kultur, die sich auf Rationalismus und Aufklärung stützt. Es ist diese Kultur, die Nährboden für künstlerische Ausdrucksformen schafft. In der heutigen Zeit des Irrationalismus und der Wissenschaftsverweigerung entsteht eine zweite Front gegen Kultur und Kunst, wie sie heute gesehen wird.

An dieser Stelle sollte betont werden, dass Förderung nichts mit Subventionierung zu tun hat. Ein Kulturhaus hat sich durch Qualität, Kontinuität und Verankerung in der Gesellschaft als förderungswürdig erwiesen. Kulturstätten entziehen sich der heutigen kapitalistischen Logik, in der ein Bauer nur durch Subventionen überleben kann, weil seiner Milch durch den freien Markt ein unaussprechlich tiefer Preis pro Liter vorgeschrieben wurde.

Magnet für Werte und Berufe

Häuser wie das Theater St.Gallen produzieren als Mittel- bis Grossbetrieb lehrreiche Aufführungen, reproduzieren aber zugleich die Werte, auf denen sich die moderne Schweiz seit dem Sonderbundskrieg 1847 stützt. Absurderweise schimpfen sich die eifrigsten Gegner dieser Abstimmung als letzte Vertreter dieser Wertvorstellung.

Ökonomisch gesehen ist das Theater St.Gallen ein grosser Arbeitgeber der Region und bildet verschiedene Berufe aus, etwa Theatermaler oder Maskenbildnerinnen. Das Theater St.Gallen besitzt somit einen Produktions- und doppelten Reproduktionscharakter von modernem Verständnis, Berufen und Kulturschaffenden.

Der vielleicht wichtigste Punkt ist die Reproduktion einzelner Kunstschaffender und der Gesamtheit an kultureller Vielfalt für die Stadt St.Gallen und die Region. Sehr viele Kunst- und Theaterschaffende aus der Ostschweiz oder heute mit Basis in St.Gallen waren am Theater St.Gallen engagiert, als Malerin, MakeUp-Artist, Schauspielerin, Kulturmanager, Musikerin, Ausstatter, Tänzerin, Regisseur und in vielen weiteren Tätigkeiten, die mit Leidenschaft ausgeübt werden. Sie alle vertreten heute europaweit als Kunstschaffende die Region St.Gallen durch ihre Herkunft oder ihre Entscheidung, hier zu bleiben und durch ihr schöpferisches Sein einer Kleinstadt kulturelle Vielfalt zu schenken.

Im Gebäude selbst erinnert eine Installation im Foyer an Selbstbestimmung und Souveränität. Was oft in der Pause als «Lumpen» bezeichnet wird und vielen nie wirklich aufgefallen ist, heisst Gran Esquinçal und ist ein Werk des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies, geboren in Barcelona. Die Katalaninnen und Katalanen haben zuletzt 2017 per Referendum für ihre Unabhängigkeit gekämpft.

Es geht bei dieser Abstimmung nicht ausschliesslich um den Erhalt vieler Arbeitsplätze, sondern um den kulturellen Fingerabdruck der Region. Die Ablehnung einer Sanierung des Gebäudes hätte mittelfristig zur Folge, dass das Theater St.Gallen verschwinden würde. Langfristig aber würden die kulturelle Vielfalt und die Perspektiven für künstlerisches Schaffen in und aus der Ostschweiz verschwinden.

Andreas Mayer, 1987, hat seinen MA als Leitender Künstler – Theater an der ZHdK gemacht und ist freischaffender Bühnen- und Kostümbildner.

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