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Dialekt-Disco hinterm Rheinfall

Auf ihrem Konzeptalbum Boomtown schaffen Songwriter Jürg Odermatt und Houseproduzent David Moore aus Erinnerungsschwaden an ihren Jugendort Neuhausen fabelhaft universelle Mundart-Electro-Musikkunst.
Von  Marcel Elsener
Natürlich – die einzige Minigolf-Anlage im Kanton Schaffhausen befindet sich in Neuhausen: Jürg «Odi» Odermatt und David Moore sind Boomtown. (Bilder: Andrin Winteler)

Zurück an den Ort des Aufwachsens, und schon winkt der Tod: «Ein Friedhof ist eine Endstation, sagt man», erzählt die Baritonstimme eines Trolleybusfahrers, «bei mir sind es gleich zwei.» Elektronische Schlieren, ein bedächtiger Beat setzt ein, bald folgen eine sehnsüchtige Trompete und ein treppenhüpfender Bass, der an den Lauf von Jimmy Webbs viel gecoverten Überhit Wichita Lineman erinnert. Der Sprechgesang ist in regionaler Mundart, schliesslich geht die Fahrt im 1er hin und her zwischen dem Friedhof Herbstäckern in Neuhausen und dem Waldfriedhof in Schaffhausen, es ist die einzige Trolleybuslinie im Kanton Schaffhausen.

Und dann geht’s aber hopp ins Terminus, so hiess die Kleinstadtdisco, wo der «DJ in der Kanzel geschmeidige Hits spielte»: «Terminus Neuhausen, Boomtown, Funkytown», nichts davon Endstation und Friedhof, hier pumpen die Retro-Beats und tanzt das volle Leben wie in den hormongeschwängerten Italo-Disco-Hits, das ist einfach nur, sorry, geil.

Willkommen in Neuhausen, dem Kaff im Schatten von Schaffhausen, das einmal die Jugendwelt bedeutete von Jürg Odermatt (Texte) und dem in der Klettgauer Nähe aufgewachsenen David Moore (Musik). Die beiden, längst nach Winterthur und Zürich ausgeflogen, widmen der einst blühenden, nunmehr ziemlich abgetakelten Gemeinde unter dem knackigen Duo- und Albumtitel Boomtown ein witziges Gesamtkunstwerk, das als virtuelle Songsammlung (Bandcamp) und 72-seitiges Buch mit Texten und Fotografien von befreundeten Kunstschaffenden seinesgleichen sucht in der Schweiz.

Boomtown gibts unter boomtown.bandcamp.com. Unter der Rubrik «Merch» kann man dort für 32 Franken (Versand inbegriffen) auch das 72-seitige Albumbuch mit Download-Code bestellen..

Neuhausen? Klar, man kennt es als Ort am Rheinfall und wegen des Konzerns SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft), die immer auch Waffenschmiede war. Der Troubadour Dieter Wiesmann führte dort seine Apotheke, auch wenn sein berühmtestes Lied Bloss e chlini Stadt dann doch Schaffhausen meint. Kinofreaks wissen vielleicht noch, dass Neuhausen mit Max Bills «Cinévox» einen modernen Kinobauklassiker besitzt – von 1958, eben aus der Zeit der «Boomtown».

Nun geht es auf diesem Album aber nicht um Heimatkunde und verkehrsvereinstaugliche «Sehenswürdigkeiten», sondern um die Stimmung, die der Ort vermittelte und den Möglichkeitsraum, den er eröffnet: die Abenteuer im Keller, an den Bahngeleisen und auf dem Felsen am Rhein, die Schwümme bis hin zu den gefährlichen Stellen, die ersten Zigaretten (North Pole) und die Liebe, die nur einen Sommer lang besteht (Chaltfront).

Mit allen Wassern gewaschene Musikkenner

Die Gemeinde hinterm Rheinfall war in den 1950er- und 60er-Jahren radikal umgepflügt und zum boomenden Industriestädtchen geworden, 1969 hatte es über 12’000 EinwohnerInnen und einen Ausländeranteil von gegen 40 Prozent. Ob Kaff oder Boomtown sei einem als Kind «ja eh wurstegal», schreibt Odermatt im persönlichen Begleittext. Jedenfalls war Neuhausen eine gute Versuchsanlage, um sich einen Reim auf die Welt rundherum zu machen, es hat sich seine Nischen, schönen Ecken und günstigen Wohnungen bis heute bewahrt.

Von Heimatkitsch und Postkartennostalgie ist auf diesen Tracks allerdings keine Spur, und alle Fallen, auf die man am Rheinfall hätte reinfallen können (der Kalauer muss sein), werden gekonnt umschifft. Ganz anders als Wiesmann haben Schaffhauser Punkbands wie Der böse Bub Eugen und Die Aeronauten die Nestwärme ausgelüftet und entlarvt: «Schaffhausen ist eine Illusion», wie GUZ sang.

Jürg «Odi» Odermatt, Germanist und im Brotjobleben NZZ-Korrektor, war mit der Psychedelic-Shoegaze-Gitarrenband The Magic Mushrooms Teil jener 80er-Szene, mittlerweile hat er sich mit Papst & Abstinenzler dem hintersinnigen Dialekt-Songwriting verschrieben.

David Moore alias Herr Mehr oder Kneubühler ist eine Generation jünger, kommt vom Hip-Hop (Erdloch Productions) und hat alle Spielarten von Dancemusic und Electronica ausprobiert, zuletzt sich auch mit Broken Beats herumgeschlagen. Man kennt sich aus dem Schaffhauser TapTab und fand sich im lockeren Austausch von Material: Die Funken schlugen mit Trolleybus, über zwei Jahre entstand im virtuellen Verkehr und wenigen Studiotreffen dieses Album.

Pop-Referenzen und Odis Liebesbeweis an Wien

Die gefundene Form von Beats und fallweise bis zu 40 Tonspuren sphärischer Electronica und präzisen, mal gesprochenen, mal gesungenen Texten ist ein Wunder, entspricht aber dem Feinsinn und dem Wissen zweier Musikkenner, die mit allen Wassern gewaschen sind und sich vieles erlauben dürfen. Vergleichen lässt sich dies am ehesten mit den Kooperationen von Stahlberger und Göldin jeweils mit Bit-Tuner, wenigstens in deren sanfteren Variationen, oder auch mit dem überlebensgrossen Mundart-Pop von Dachs. Ob das Genre Elektro-Chanson heisst, ist egal: «Für mich ist die Platte sehr akustisch», sagt Moore, «für Odi sehr elektronisch.»

Die ganze Chose gipfelt in einer überraschenden Erweiterung nach Wien: Der Kurzurlaub der österreichischen Kaiserin Sissi 1867 im Hôtel Schweizerhof am Rheinfall, geschuldet der Flucht vor der Cholera-Epidemie (!), dient als Vorlage für die fies-schlüpfrige Fantasie einer amourösen Nacht des Urgrossopas, der die «Sissi pempert» – «Sex ist nicht die Frage, sondern die Antwort», haha.

Der Typ, der das in breitestem Wiener Idiom erzählt, ist nicht etwa Voodoo Jürgens, sondern ein WG-Freund Odermatts aus seiner Studentenzeit in Wien: Leo Bei alias Karl Horak, Bassist und Produzent bei Ostbahn-Kurti & Die Chefpartie, Crumb, EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) oder dem Europop-Trio Joy, eine verdammte Legende, man googelt und ist baff. Und nebenbei ist es der Beweis für Odermatts Wien-Liebe und seine Überzeugung, dass Dialekt und Musik in allen Formen von Rock’n’Roll bis Hip Hop bestens funktionieren – «8212», die Postleitzahl von Neuhausen, lässt sich ebenso stolz und ironisch auf die Brust tätowieren wie das «Nottz» für Nottingham bei den Sleaford Mods. Zum schlauen Umgang mit Dialekt sei im übrigen das Interview Odermatts mit Philippe Amrein im «Loop» empfohlen (auf der Papst & Abstinenzler-Website).

Ganz grosse Popwelt im Kleinen also, und der Basslauf von Wichita Lineman in Trolleybus ist bei weitem nicht die einzige prächtige Anspielung auf die internationale Popgeschichte. Der Referenzen, je nach eigenem Background, sind viele auf diesem grandiosen Easy-Listening-Trip mit ironischen, melancholischen und auch unheimlichen Untertönen. Einmal mag man an den Iren Cathal Coughlan und sein Microdisney-Album The Clock Comes Down The Stairs (1985) denken; es ist weniger die Musik als die Baritonstimme und jener Wundertitel, wonach die Uhr die Treppe hinunter fällt und die Welt aus der zersplitterten Erinnerung umso grösser erscheint.

Wenn Odermatt in Mis Neuhuuse das Haus seiner Jugend besingt, zitiert er genüsslich The Fall’s My New House (This Nation’s Saving Grace, 1985): So wie Mark E. Smith sein neues Haus zum «No Beatnik Hangout» erklärt, weiss Odermatt, dass seines «kein Ort für Hipster» ist – trotz der Lage an der Züri-Schnellzug-Bahnlinie. In seinem Jugendzimmer hausen böse Gespenster – kein Wunder, wenn dort der berüchtigte Fröntler Rolf Henne einmal Untermieter war. In der Moritat von Baptist Wild, dem letzten «Einbrecher, fremden Fötzel, Sauhund», der auf dem Galgenbuck von Neuhausen gehängt wurde, wird einem grauslig bewusst, was eine (faschistische) Menge anrichten kann.

Müssig zu sagen, dass man sich für «Neuhausen» als real existierende Gemeinde nicht zu interessieren braucht, um dieses Album super zu finden. Oder wie es der Cartoonist Ruedi Widmer in seinem formidablen Fantext im Albumbuch formuliert: «Boomtown ist eine Melange aus Sprechgesang, kristallklarem airconditioniertem Electrogroove, Chanson, schwitzigem Discofunk, Ortsmuseum, konkreter und absurder Poesie. Und so ist das liebgewordene Neuhausen nicht nur am Rheinfall, sondern überall, weshalb diese Songs und Tracks auch weitherum verständlich sind, zumindest dort, wo man Schweizerdeutsch versteht.»

Das Duo leistet für das Kaff im Schatten von Schaffhausen das, was die dritte (nicht wahnsinnig geglückte) Staffel von Wilder für La-Chaux-de-Fonds oder die Verfilmung von Pedro Lenz’ De Goalie bin ig für Langenthal schafften: eine stimmige Ortsbegehung, die in der Provinz die Welt auftut oder eben besagt, dass die Welt zwischen Neuhausen und Wien oder an den Stränden Italiens immer auch Provinz ist. Erst recht in der endlosen Verheissung der Jugend. Darauf ein Taxi in das Jugendkaff der eigenen Wahl und einen «Campari Soda»! Und übrigens erscheint demnächst Alice Coopers Hommage an den harten Rock’n’Roll seiner Jugendstadt: Detroit.

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