Sie ist ausdauernd, krautig und im ganzen Mittelmeerraum von Marokko bis Syrien zu Hause. Die Dittrichia Viscosa mit dem deutschen Namen Breitblättriger Klebalant ist eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler. Als sogenannte Pionier-Pflanze ist sie die erste, die auf gerodetem Land wächst. Und ist sie erst einmal da, wächst keine andere Pflanze mehr.
Ella Littwitz: Muşah, 2019.
Denn durch eine besondere Charaktereigenschaft, die Allelopathie, also die aktive chemische Einwirkung sauf ihre Umwelt, erschafft sie ein Wachstumsmilieu, in dem keine andere Pflanze gedeihen kann. Auf diese Weise nimmt die Dittrichia Viscosa ganze Territorien ein.
Kunst leistet Pionierarbeit
Genau diese kämpferische Pflanze zeigt die 1982 in Haifa geborene Ella Littwitz im Bronzeguss Muşah. Die Form wurde in einem neuartigen Schleudergussverfahren gegossen, das eine besondere Feinheit der Ausformung erlaubt. Das Resultat ist eine filigrane, zerbrechlich anmutende Skulptur, die auf den ersten Blick – aufgrund dieser Feinheit – ganz sicher nicht Metall als verwendetes Material vermuten lässt.
Ella Littwitz zieht mit Muşah gesellschaftspolitische Parallelen zur botanischen Terminologie. Dass Dittrichia Viscosa als Pionierin die alleinige Besetzung des Territoriums anstrebt und durch ihre phytotoxische Eigenschaft anderes Leben im Keim erstickt, hat eine starke symbolische Kraft. Ebenso der arabische Begriff «Muşah», der aus dem osmanischen Landrecht stammt und auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. «Muşah» bedeutet Partnerschaft und bezeichnet den gemeinsamen Besitz von Immobilien. Der Staat Israel hatte dieses Gesetz zu einem späteren Zeitpunkt anerkannt.
Maria Nänny, die neue Präsidentin der Kunsthalle, vor dem Guss der Dittrichia Viscosa. (Bild: Sandra Cubranovic)
Konflikte zu thematisieren, darin sieht die neue Präsidentin der Kunsthalle, Maria Nänny, eine der wichtigen Aufgaben ihrer Institution. «Es geht ja gar nicht anders, als immer wieder über die Dinge zu sprechen, die die Welt, die Gesellschaft, das eigene Umfeld oder einen selber bewegen. Denkanstösse oder neue Perspektiven dazu liefert die zeitgenössische Kunst. Sie spiegelt die Themen auf unterschiedliche Art und Weise.»
Zähflüssiges Mittelmeer
Am 17. Mai, dem Vernissagetag von «The Promise», der von Maren Brauner kuratierten Ausstellung, hätten sich bereits viele Diskussionen um die Bronzeskulptur Muşah ergeben. Das Verfahren der Herstellung wurde rege diskutiert. Welche Technik wurde angewendet, um so etwas Feingliedriges zu gestalten?
«Da beginnt der Dialog. Es muss nicht immer politisch sein, das Gespräch beginnt bei grundlegenden, alltäglichen Dingen, die sich dann als Plattform zur Diskussion darüber hinaus gestalten», sagt Maria Nänny.
Ella Littwitz: The Promise, Kunsthalle St.Gallen, bis 4. August
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Grundlegende Themen werden auch in The Elephant in the Room aufgezeigt, jener Arbeit, die in der Ausstellung am meisten Raum einnimmt. Zu sehen ist eine zäh und dickflüssig anmutende schwarze Masse, die sich mit imposanter Präsenz ihren Weg durch den Raum bahnt. Bei näherem Betrachten erschliessen sich die einzelnen Elemente der Installation. Es sind Geozellen mit darunterliegenden Autoreifen. Geozellen sind ein im Strassenbau verwendetes Material, das den Boden festigt und den Prozess der Abtragung verhindert.
Ella Littwitz: The Elephant in the Room, 2019.
Das netzartige Gebilde mit unterschiedlich gewölbter Oberfläche stellt das umgestülpte Mittelmeer dar. Ein Gang um die Installation herum lässt die Umrisse der ans Mittelmeer grenzenden Länder entdecken. In dieser Installation vereint Ella Littwitz Fragen zu Hoheitsgebieten, historische und gegenwärtige Narrative und deren Ausstrahlung auf kulturelle Gegebenheiten und Identitäten.
Kunst denkt über Grenzen hinaus
Ella Littwitz bietet eine sorgfältig recherchierte Sammlung von Arbeiten an und transformiert schwierige, komplexe Themen in einnehmender Visualität zu einer sinnlichen Erfahrung. Durch die thematische Auseinandersetzung und ihre ganz eigene Interpretation schafft es die Künstlerin, festgefahrene historische, politische und naturwissenschaftliche Gegebenheiten zu dekonstruieren und mit «The Promise» neue Denkwege zu aktuellen Konflikten – auch in ihrer Heimat Israel – zu eröffnen.
Maria Nänny ist seit Ende März 2019 Präsidentin der Kunsthalle St.Gallen. Sie leitet die Fachstelle Kunst und Kultur an der FHS St. Gallen und ist Dozentin für wissenschaftliches Schreiben.
Doch kann Kunst Konflikte lösen? Maria Nänny sagt: «Kunst kann wahrscheinlich Grenzen überschreiten. Kunst kann sicher Dialoge fördern. Wenn diese Dialoge dazu führen, Konflikte zu lösen, dann ist das natürlich optimal. In diesem Sinne würde ich sagen, dass Kunst unterstützend sein kann, um Konflikte zu lösen.»
Ella Littwitz: The Promise, 2019.
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Neue Eigenproduktion
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