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Kunst im Boot mit den Flüchtlingen

Braucht Palermo eine Manifesta? Die Stadt bietet ohnehin schon viel, aber nun setzt die europäische Wanderbiennale noch eines drauf und verbindet sich gekonnt mit den Brennpunktthemen der Insel – und der europäischen Flüchtlingspolitik.
Von  Kristin Schmidt
Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018. (Bilder: pd)

Darf Kunst politisch sein? Muss sie es sein? Was bedeutet politische Kunst überhaupt? Sind eine Künstlerin und ein Künstler, die Haltung beziehen zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen, automatisch politisch? Muss eine gesellschaftlich relevante Aussage zusätzlich ästhetisiert werden, um Kunst zu sein, oder genügt der Kontext in dem sie gezeigt wird? Laura Poitras zum Beispiel: Die US-amerikanische Dokumentarfilmerin wurde bekannt durch ihre Recherchen rund um Edward Snowden. Sie entschied sich schliesslich, ihre Dokumentationen im Architektur- und Kunstbetrieb zu zeigen, um ihnen eine breitere Rezeption zu sichern.

Aktuell ist ein Werk Laura Poitras‘ an der Manifesta 12 in Palermo zu sehen. Sie ist damit eine jener Teilnehmerinnen, die eigens für die alle zwei Jahre stattfindende, nomadische Ausstellung einen Arbeitsauftrag erhielten. Mit ihrer Videoinstallation schlägt sie den Bogen vom grössten Auffanglager Europas, das sich auf einem ehemaligen US-amerikanischen Militärgelände befindet, über den bisher nicht aufgeklärten Flugzeugabsturz nahe Ustica 1980 bis hin zum MUOS (Mobile User Objective System), das nicht nur im Verdacht steht, potentiell für Kriegszwecke errichtet worden zu sein, sondern auch für die Umwelt und die Gesundheit der Bevölkerung vor Ort höchst problematisch ist.

Migration, Rassismus, geheime und offensiv genutzte Netzwerke, ökologische Probleme, aber auch gesellschaftliche Verantwortung und Engagement sind diesem Werk eingeschrieben und sind zugleich die Kernthemen der gesamten Manifesta.

Das diesmal verantwortliche Viererteam – Bregtje van der Haak, Andrés Jaque, Ippolito Pestellini Laparelli und der Zürcherin Mirjam Varadinis – setzt auf Fragestellungen, die spezifisch sind für Palermo und die Stadt zugleich mit Brennpunkten auf der ganzen Welt vernetzen.

Die Kunst und der Zerfall

Der Gegensatz zur Manifesta 11 in Zürich könnte kaum grösser sein. Dort wurde vor zwei Jahren mit «What People Do For Money» ein Motto gewählt, das an beliebig vielen anderen Orten erfolgreich mit Inhalten hätte gefüllt werden können. So wird denn auch von jener Manifesta kaum mehr in Erinnerung bleiben als die Bade-Kino-Holzplattform im Zürichsee und die geruchsintensive Installation im Migrosmuseum.

Die Manifesta 12 hingegen schraubt sich mit ihren Themen, mit inhaltlich präzise formulierten Werken sowie mit der eindringlichen Verzahnung von Kunst und aktuellen Lebenssituationen auf Sizilien ins Gedächtnis hinein. So schärft beispielsweise der Palermitano Roberto Collovà das Bewusstsein dafür, dass mit dem jahrzehntelangen Verklappen von Bauschutt vor der Küste Palermos nicht nur die Geographie verändert und die Strände vernichtet worden sind, sondern auch Schadstoffe das Meer belasten.

Roberto Collovà: Giardino di Giardini, Azione sulla Costa Su, 2018

Zur Lebenssituation gehört aber auch das Bewusstsein um die grosse, grossartige Vergangenheit und ihr Kontrast zum heutigen Alltag vieler Sizilianerinnen und Sizilianer. Das Verhältnis zur Geschichte spiegelt sich in den Ausstellungsorten selbst. Die Palazzi Forcella De Seta, Costantino oder Ajutamicristo befinden sich in unterschiedlichen Verfallsstadien ohne nahe Aussicht auf Rettung. Und im Palazzo Butera wird restauriert und geputzt, doch auch er ist weit entfernt von seinem früheren Glanz.

Manifesta 12: bis 4. November, Palermo
m12.manifesta.org

Nun profitiert aber die ausgestellte Kunst nicht einfach von der morbiden Schönheit der alten Paläste, sondern über diese zugegeben ästhetische Symbiose hinaus stellen sich immer wieder sinnvolle Querverbindungen ein, wenn etwa aus den Fenstern des Palazzo Ajutamicristo nicht nur die Dächer Palermos zu sehen sind, sondern auch die Mobilfunkantennen auf den weit entfernten Hügeln, die längst zum Landschaftsbild dazu gehören.

Im Mare Clausum

Künstlerische Auseinandersetzungen mit diesen unsichtbaren Signalen und Netzwerken sind im Palazzo Ajutamicristo unter dem Titel «Out of Control» versammelt. Auch der Ausstellungsteil im Palazzo Forcella De Seta ist mit diesem Motto überschrieben. Hier stehen die Migrantinnen und Migranten im Vordergrund, ihre Fluchtumstände und die Situation nach der Ankunft, wenn es eine solche überhaupt gibt. Die künstlerischen Arbeiten sind so aufwendig recherchiert, präzise formuliert und in einer Dichte präsentiert, wie das nur selten an einer internationalen Grosssausstellung zu sehen ist.

Kader Attia: The Body’s Legacies. The Post-Colonial Body, 2018

Kader Attia etwa lässt den unerträglichen Status papierloser Migrantinnen und Migranten in Frankreich untersuchen, denn: «Du existierst nur, wenn Du sichtbar bist.» Die Gruppe Forensic Oceanography widmet sich mit Liquid Violence und Mare Clausum den Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer und den dramatischen Konsequenzen der politisch nicht legitimierten Rettungseinsätze – eine Arbeit, die es trotz ihres dokumentarischen Anspruches schafft, die Menschen auf den Booten eben nicht als Zahlenmenge zu behandeln, sondern als Individuen zu begreifen.

John Gerrard: Untitled (near Parndorf, Austria), 2018

Eine Arbeit, die besonders berührt, liefert John Gerrard eigens für die Manifesta: Er reiste an jene Stelle, an der im August 2015 an einer österreichischen Autobahn 71 tote Flüchtlinge in einem Kühllastwagen entdeckt wurden, und nahm dort Tausende von Einzelbildern auf. Sie sind zu einer Computersimulation zusammengefügt, in der kein Auto und kein Mensch zu sehen sind, kein Laut zu hören ist. Einzig der Standstreifen neben den Fahrbahnen der A4 wird in langsamer Bewegung umkreist: schön wie ein Landschaftsgemälde von Gerhard Richter, beklemmend und eindringlich, wie es kein Fernsehbild je vermitteln kann.

Bäume und Köche

Eine andere herausragende Arbeit hat Uriel Orlow realisiert. Bereits in seiner Ausstellung in der Kunsthalle St.Gallen diesen Frühling verwob er die Botanik mit politischen Aussagen. In Palermo nutzt er drei Bäume für solche Kontextualisierungen. Einer steht am ehemaligen Wohnhaus Falcones ein anderer wurde von St.Benedikt im 16. Jahrhundert gepflanzt: Der Heilige mit afrikanischen Wurzeln tat als Franziskanermönch nicht nur Wunder, sondern auch Dienst in der Klosterküche. Für Orlow berichteten nun afrikanische Migranten, die sich in Palermo als Köche durchschlagen, neben Benedikts Zypresse über ihre Vergangenheit und ihre Wünsche.

Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018

Dieses Werk schlägt damit zugleich die Brücke zu einem anderen wichtigen Manifestaort: den Botanischen Garten. Er ist das Sinnbild für die gesamte Ausstellung. Hier lässt sich Artenvielfalt als Metapher für Migration lesen, hier zeichnen sich ökologische Probleme ab und nicht zuletzt ist ein Botanischer Garten weit mehr als eine Stadtoase, er ist immer auch ein Ort für die Forschung, für Verwurzelung, Werden und Wachsen – und somit der richtige Ort für eine Ausstellung, die sich dringende gesellschaftliche Veränderungen erhofft.

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
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Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
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Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

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Von  Daria Frick
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«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
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Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

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Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

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Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
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FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

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Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
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WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
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FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

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Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
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Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah