Die Lieblingsband deiner Lieblingsband deiner Lieblingsband

Nicht nur ein fluffiger Meme-Trip, sondern sauwitzig und explizit politisch: das neue Album von Jessica Jurassica und DJ Netlog alias CAPSLOCK SUPERSTAR. 

Jessica Jurassica und Mia Netlog (Bild: pd/Julian Spiess)

Jessica Jurassica und Mia Netlog (Bild: pd/Julian Spiess)

Gleich vor­ab: Die­ser Text kann kei­ne jour­na­lis­ti­sche Ob­jek­ti­vi­tät ga­ran­tie­ren, weil ich in ei­nem ci­ne­as­ti­schen Par­al­lel­uni­ver­sum un­ter dem Syn­onym Jo­sef Ber­told Hund als Ma­na­ger der Band CAPS­LOCK SU­PER­STAR ge­ar­bei­tet ha­be*. Aber das Mul­ti­ver­sum macht es mög­lich: Hier und jetzt darf ich über de­ren Al­bum CAPS­LOCK SU­PER­STAR ZWEI als Be­ob­ach­ter der vier­ten Ord­nung schrei­ben. 

Des­halb (ganz pflicht­be­wusst) die knall­har­te Ana­ly­se: CAPS­LOCK SU­PER­STAR (die Band) lebt ei­ner­seits von Mia Nä­ge­lis ali­as DJ Net­logs Fä­hig­keit, sich wie ei­ne Be­ses­se­ne in ab­sur­des­te Gen­res hin­ein­zu­den­ken, mit ih­nen zu ver­wach­sen und tief drin in den DNA-Strän­gen her­um­zu­wer­keln, Mu­ta­tio­nen zu för­dern und in aus­ufern­den Stil­blü­ten aus­zu­stel­len. Auf dem fünf Jah­re al­ten De­büt-Al­bum Me­gamix wur­de so be­reits das Sys­tem Eu­ro­dance de­kon­stru­iert, fünf Jah­re spä­ter scheint es zu­vor­derst ein Stim­mungs­kon­glo­me­rat zu sein, das kon­se­quent vers­am­plet wird: Co­ming-of-Age, Emo, Pop. Deep House. Ers­te und letz­te Lie­be. Al­les da­zwi­schen. 

Oder, Zi­tat Mia: «so was zwi­schen ber­lin cal­ling und so you­tube-play­lists mit lang­sam fah­ren­der dro­ne-foo­ta­ge von in­seln und da­zu lau­fen deep house re­mi­xes von 2000er hits.» 

Und hier, ei­gent­lich zu spät, das An­de­rer­seits: Jes­si­ca Ju­ras­si­cas ra­di­kal re­du­ziert aus­ufern­de Tex­te, ihr Hu­mor, ihr Mut und ihr Ge­spür für das ge­nau rich­ti­ge Salz in den ge­nau rich­ti­gen Wun­den bil­den die zwei­te Säu­le in die­sem Pop-Ge­bäu­de, das vom Erd­ge­schoss bis auf die Dach­ter­as­se nach Dis­kurs, Dis­ko und In­cel-Angst­schweiss schmeckt. Ir­gend­je­mand muss­te ja das Deep in Deep House pa­cken!

Zwi­schen Di­mes Squa­re und Mi­gros-Re­stau­rant

Das Al­bum wird von ei­ner her­aus­ra­gen­den Schlei­fe ge­bun­den: Der Ope­ner High­school Mu­si­cal und das fi­na­le Stück To­xic/De­tox schla­gen tie­fe Wur­zeln un­ter der Haut der Hö­rer:in­nen und ins In­ners­te des Al­bums. Dort fin­den sich dann mu­si­ka­li­sche und text­li­che Rück­grif­fe auf das band­ei­ge­ne Früh­werk: «Eu­ro­pa­l­a­la­la»!

«Es schloft sich so guet / Im Zen­trum vu de Welt / Schnee i de Al­pe / Käs i de Lun­ge / Na­zis und Fa­schos im Par­la­ment». Drum­her­um of­fen­bart sich das zen­tra­le The­ma der Plat­te: Der in­ter­na­tio­na­le Hei­lungs­pro­zess zwi­schen Di­mes Squa­re und Mi­gros-Re­stau­rant in ul­tra kurz­wei­li­gen, aber den­noch tief­schür­fen­den Ohr­wür­mern wie Rail­jet Su­per­star oder Va­le­rie So­l­a­nas on a He­al­ing Jour­ney

Jes­si­ca Ju­ras­si­cas Ti­ming hat ihr ja schon so manch vi­ra­len Mo­ment (und/oder Shit­s­torm) ein­ge­bracht und da nimmt es nicht Wun­der, dass auch das ers­te Le­bens­zei­chen nach in­ter­ga­lak­ti­scher Pau­se, ein Re­el zur Sin­gle Hel­ve­tia – in­klu­si­ve Play­sta­ti­on 1 loo­king und twerk­ing Glo­bi und fuck­ing fan­tas­ti­schen Fea­ture-Part von ENL (Es nervt lang­sam) – di­rekt hun­dert­tau­send­fach ge­klickt wur­de. Top­kom­men­tar: «Gnueg In­ter­net für huet!»

Bis die Bit­ter­stof­fe nach oben blub­bern

Und yes, auf den ers­ten Blick er­scheint das al­les als ein fluf­fi­ger Me­me-Trip in die Zwi­schen­wel­ten des In­ter­nets, die Beats ge­baut aus Au­gen­zwin­kern, die Tex­te ver­wo­ben mit di­cken Strän­gen aus Iro­nie und An­ek­do­ten. Doch hier of­fen­bart sich die fal­sche Fähr­te: CAPS­LOCK SU­PER­STAR sind nicht iro­nisch, sie sind ein­fach sau­wit­zig. Und sie sind schon gar kei­ne Par­odie, im Ge­gen­teil, die­ses Pro­jekt nimmt sich ernst, das ist al­les­ent­schei­dend, denn Mia und JJ er­schei­nen als das zum Scher­ben­hau­fen ge­bro­che­ne Spie­gel­ka­bi­nett, das den Mi­kro­kos­mos Schweiz er­bar­mungs­los auf­kocht, bis die ver­sam­mel­ten to­xi­schen Bit­ter­stof­fe lang­sam nach oben blub­bern. 

Weitere Infos

Cover capslock superstar ii

CAPS­LOCK SU­PER­STAR ZWEI: er­scheint am 7. Fe­bru­ar  di­gi­tal und als Zi­ne mit CD. 

Re­lease Shows: 14. Fe­bru­ar, Kaff Frau­en­feld, und 15. Fe­bru­ar, Hum­bug Ba­sel

caps­lock­su­per­star.eu

Die bei­den Prot­ago­nis­tin­nen in­ves­tier­ten ih­re En­er­gie und Ar­beits­zeit in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor al­lem in Auf­klä­rung und Trau­ma­ar­beit. Sie misch­ten Tä­ter, Tä­ter­schüt­zer:in­nen und Sys­te­me auf, im­mer be­reit, al­les zu ris­kie­ren (nicht zu­letzt die ei­ge­ne men­ta­le Ge­sund­heit) – das macht sie für mich zu wirk­li­chen Vor­bil­dern. Angst den Ab­u­sern! 

Und des­halb ist CAPS­LOCK SU­PER­STAR ZWEI ex­pli­zit po­li­tisch, ein Akt der pop­kul­tu­rel­len Selbst­er­mäch­ti­gung und da­mit Punk und Kunst im ur­ei­gent­li­chen Sin­ne, fern­ab al­ler pein­lich­pa­tri­ar­cha­len Män­ner­machome­cha­nis­men. Die Lieb­lings­band dei­ner Lieb­lings­band dei­ner Lieb­lings­band ist re­a­dy, auch die­se Di­men­si­on zu ret­ten!

 

*Je­re­mi­as Hep­pe­l­er bil­det ge­mein­sam mit Mia Nä­ge­li und Jes­si­ca Ju­ras­si­ca das Kol­lek­tiv Die­ter Mei­ers Rin­der­farm. Ge­mein­sam setz­te das Trio 2022 den Sci­ence-Fic­tion-Spiel­film CAPS­LOCK SU­PER­STAR samplen den Ur­knall um, in wel­chem die Band CAPS­LOCK SU­PER­STAR das Uni­ver­sum vor dem Bö­se­wicht DARK SA­TIE ret­ten muss.

 

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