Auf Governors Island schaue ich einer Entenfamilie zu, wie sie in einer Reihe an mir vorbei watschelt. Im Hintergrund der Hudson River, die Skyline und ein wildes Wolkenmeer, durch das Helikopter surren wie Mücken. Ich spaziere den Enten hinterher über die ausgestorbene Insel und strecke der Freiheitsstatue den Mittelfinger entgegen. Remember als M.I.A. während der Superbowl-Halbzeitshow 2012 der Kamera den Mittelfinger zeigte, worauf sie quasi aus dem Land gejagt wurde und zurück nach England zog?
Dieses Jahr war die Halbzeitshow fast so spektakulär. Rihanna in Rot und ziemlich schwanger auf schwebenden Plattformen. Ich schaue die Liveübertragung in einer Bar in Brooklyn. Bis zur Halbzeit vergehen mindestens zwei Stunden, ich bin in der Zwischenzeit zwischen die Fronten eines Chili-Contests geraten, habe fünf verschiedene Chili con Carnes probiert und bewertet und kenne ausserdem dank der tausend Werbeblöcke gefühlt alle existierenden US-amerikanischen Produkte.
Zwei Monate nach dem Superbowl spaziere ich durch The Ramble, den Wald, der in der Mitte des Central Parks liegt. Ich mag diesen Ort, hier gibt es Ecken, in die sich kaum Tourist:innen verirren, dafür unzählige Eichhörnchen, Waschbären, eine absurde Vielfalt an Vögeln und deswegen eine ebenso grosse Auswahl an Birdwatchers. The Ramble war unter anderem Schauplatz des vielbeachteten «Central Park Birdwatching Incident»: Eine weisse Hundehalterin rief aus offensichtlich rassistischen Motiven die Polizei, nachdem ein afroamerikanischer Birdwatcher darauf hingewiesen hatte, dass zum Schutz der Wildtiere für Hunde Leinenpflicht gelte.
Solche US-amerikanischen Storys dringen zwar immer wieder zu uns in die Schweiz, aber irgendwie merkt man erst, wenn man da ist, wie real diese Geschichten tatsächlich sind. Ein Effekt, der vielleicht dadurch zu erklären ist, dass US-amerikanische Filme, Serien und andere popkulturelle Produkte so dominant sind in unserem Unterhaltungskonsum, dass sich ein real existierender Ort zu einer Art Fiktion verzerrt. Für New York scheint das in besonderem Masse der Fall zu sein. Ich weiss nicht, ob es einen Ort auf der Welt gibt, von dem es mehr Bilder und Geschichten gibt als von dieser Stadt. Das ist vielleicht auch das Irrste daran, hierher zu kommen. Da wird die Fiktion plötzlich Realität und natürlich passen die Bilder nur so halb aufeinander, und so wandert man tage- oder wochenlang durch die Strassen, bis sich die Dissonanz zwischen Vorstellung und Realität einigermassen eingependelt hat. Zumindest ging es mir so.
Nach zwei oder drei Monaten hat sich diese Dissonanz einigermassen gelegt und ich nehme langsam die für New York typische Gleichgültigkeit an. Die hat mir sowieso von Anfang an ganz gut gepasst. Endlich mal nicht ständig unter Beobachtung stehen, nicht von Blicken und Urteilen herausgehoben werden, sobald man minimal abweicht. Einfach mal untertauchen. Meistens funktioniert das für mich ganz gut. Ausser in Bensonhurst, der alles andere als hippen Ecke Brooklyns, in der ich wohne, irgendwo zwischen jüdisch-orthodoxen, asiatischen, lateinamerikanischen und slawischen Communitys.
Jessica Jurassica, 1993, ist Literatin, Musikerin und Künstlerin. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen und lebt heute in Bern. Im März 2021 erschien, nach der erotischen Fan-Fiction Die verbotenste Frucht im Bundeshaus, ihr erstes Buch Das Ideal des Kaputten bei Lectorbooks. Zurzeit ist sie in einem fünfmonatigen Residency-Stipendium in New York und arbeitet an neuen Texten.
Als ich zum ersten Mal im einzigen Hipster-Coffeeshop der Gegend bin, fragt die Barista direkt: «Are you new here?» Das nächste Mal stellt sie mich ihrem Mann vor und sagt zu ihm: «That’s the swedish girl I told you about!» Das übernächste Mal bieten sie mir einen Job an. Mich beschleicht langsam Unbehagen. Bin ich das Gesicht der Gentrifikation? Ich ignoriere diese Frage, die mir in der zarten weissen Autorinnen-Schläfe pocht, und gehe von nun an einfach zu Starbucks einen Block weiter, wo ich lustige Namen erfinde, die sie mir dann auf den Cappuccinobecher schreiben. Bei Starbucks ist man wenigstens noch anonym, bei Starbucks sind alle gleich. Niemand kann es sich leisten und doch leisten es sich alle. God Bless the United Fucking States of America!
Eines Tages, nach einem ausgedehnten Spaziergang in The Ramble, verlasse ich den Central Park über die 77th Street an der Upper Eastside, wo ich auf eine aufgeregte Menschenmenge, viele schwarz gekleidete Securitys und Autos mit dunkel getönten Scheiben treffe. Ich habe keine Ahnung, was da los ist, und nachdem ich zwei Minuten erfolglos versuche, irgendetwas zu erkennen, gehe ich weiter. Später erfahre ich, dass Met Gala war und ich vor dem Carlyle Hotel gestanden bin, wo sich die meisten der eingeladenen Stars zurecht machten und von wo aus sie in ihren völlig übertriebenen Kostümen loszogen.
Vielleicht fuhr die inzwischen hochschwangere Rihanna mit ihrem neunkarätigen Zehenring an mir vorbei. Aber ich bin schon zu oft durch die Upper Eastside gestreunt, als dass mich das noch beeindrucken würde. Vielmehr bin ich langsam etwas genervt, von glänzenden Autos und von Portier-bewachten Eingängen, von reinrassigen Hunden, strahlend weissen Kindern mit nicht-weissen Nannys, von Anzügen, Airpods und Businesscalls. Ich frage mich, warum bei «Eat the Rich» Leute wie Rihanna nicht mitgemeint sind. Ja, ok, immerhin geben sie uns im Gegensatz zu Arschlöchern wie Jeff Bezos oder Elon Musk tatsächlich etwas, das unser Leben bereichert, nämlich Kunst und Unterhaltung. Und trotzdem: Wir reden davon, die Superreichen zu besteuern, zu enteignen oder was auch immer, aber wenn es Riri ist, die einen fucking neunkarätigen ZEHENring trägt, dann finden wir das okay und cool?
Aber egal … Die Menschen interessieren mich sowieso immer weniger, die New Yorker Gleichgültigkeit nimmt zunehmend überhand, die Namen auf den Cappuccino-Bechern werden immer seltsamer. Ich wende mich dem Tierreich zu. Den Eichhörnchen, Babyenten, Waschbären und wie hiess nochmals dieser Hund, der kürzlich von einem Gericht in Manhattan im Rahmen eines Vergewaltigungsprozesses schuldig gesprochen wurde? Ach ja: Donald Trump. Nicht zuletzt faszinieren mich die Ratten. Remember wie Stuart Little – eine Ikone der Jahrtausendwende und sowas wie die Avril Lavigne der Ratten – auf einem Modellboot waghalsig über die Gewässer des Central Parks fuhr?
Doch die Stimmung scheint in den letzten Jahren gekippt zu sein. Letzten Herbst hat der amtierende Bürgermeister Eric Adams «The War on Rats» ausgerufen, und zwar mit einer vielbeachteten Pressekonferenz und catchy Aussagen wie «The rats gonna hate this announcement» und «The rats don’t rule this city. We do.» und «This is not Ratatouille!». Manchmal muss man dieses Land trotz allem einfach lieben…
Dass das Private politisch ist, gilt auch für das Innerste: Eine geschädigte Psyche ist oft Indiz einer schädigenden Gesellschaft. Aber wohin mit den ganzen Prägungen und Traumata?
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.