Kategorie
Autor:innen
Jahr

Von Ratten und Superreichen

In New York City begegnet Jessica Jurassica Wildtieren, Popstars und den ganz grossen Fragen des 21. Jahrhunderts: Was ist aus Stuart Little geworden? Ist Rihanna bei «Eat the Rich» mitgemeint? Und wie viele Starbucks-Cappuccinos braucht es, bis die Dissonanz zwischen popkultureller Fiktion und erlebter Realität überwunden ist? Ihre Flaschenpost aus dem Juniheft.
Von  Jessica Jurassica , 
«Manchmal muss man dieses Land trotz allem einfach lieben…» (Bild: jJssica Jurassica)

Auf Governors Island schaue ich einer Entenfamilie zu, wie sie in einer Reihe an mir vorbei watschelt. Im Hintergrund der Hudson River, die Skyline und ein wildes Wolkenmeer, durch das Helikopter surren wie Mücken. Ich spaziere den Enten hinterher über die ausgestorbene Insel und strecke der Freiheitsstatue den Mittelfinger entgegen. Remember als M.I.A. während der Superbowl-Halbzeitshow 2012 der Kamera den Mittelfinger zeigte, worauf sie quasi aus dem Land gejagt wurde und zurück nach England zog?

Dieses Jahr war die Halbzeitshow fast so spektakulär. Rihanna in Rot und ziemlich schwanger auf schwebenden Plattformen. Ich schaue die Liveübertragung in einer Bar in Brooklyn. Bis zur Halbzeit vergehen mindestens zwei Stunden, ich bin in der Zwischenzeit zwischen die Fronten eines Chili-Contests geraten, habe fünf verschiedene Chili con Carnes probiert und bewertet und kenne ausserdem dank der tausend Werbeblöcke gefühlt alle existierenden US-amerikanischen Produkte.

Zwei Monate nach dem Superbowl spaziere ich durch The Ramble, den Wald, der in der Mitte des Central Parks liegt. Ich mag diesen Ort, hier gibt es Ecken, in die sich kaum Tourist:innen verirren, dafür unzählige Eichhörnchen, Waschbären, eine absurde Vielfalt an Vögeln und deswegen eine ebenso grosse Auswahl an Birdwatchers. The Ramble war unter anderem Schauplatz des vielbeachteten «Central Park Birdwatching Incident»: Eine weisse Hundehalterin rief aus offensichtlich rassistischen Motiven die Polizei, nachdem ein afroamerikanischer Birdwatcher darauf hingewiesen hatte, dass zum Schutz der Wildtiere für Hunde Leinenpflicht gelte.

Solche US-amerikanischen Storys dringen zwar immer wieder zu uns in die Schweiz, aber irgendwie merkt man erst, wenn man da ist, wie real diese Geschichten tatsächlich sind. Ein Effekt, der vielleicht dadurch zu erklären ist, dass US-amerikanische Filme, Serien und andere popkulturelle Produkte so dominant sind in unserem Unterhaltungskonsum, dass sich ein real existierender Ort zu einer Art Fiktion verzerrt. Für New York scheint das in besonderem Masse der Fall zu sein. Ich weiss nicht, ob es einen Ort auf der Welt gibt, von dem es mehr Bilder und Geschichten gibt als von dieser Stadt. Das ist vielleicht auch das Irrste daran, hierher zu kommen. Da wird die Fiktion plötzlich Realität und natürlich passen die Bilder nur so halb aufeinander, und so wandert man tage- oder wochenlang durch die Strassen, bis sich die Dissonanz zwischen Vorstellung und Realität einigermassen eingependelt hat. Zumindest ging es mir so.

Nach zwei oder drei Monaten hat sich diese Dissonanz einigermassen gelegt und ich nehme langsam die für New York typische Gleichgültigkeit an. Die hat mir sowieso von Anfang an ganz gut gepasst. Endlich mal nicht ständig unter Beobachtung stehen, nicht von Blicken und Urteilen herausgehoben werden, sobald man minimal abweicht. Einfach mal untertauchen. Meistens funktioniert das für mich ganz gut. Ausser in Bensonhurst, der alles andere als hippen Ecke Brooklyns, in der ich wohne, irgendwo zwischen jüdisch-orthodoxen, asiatischen, lateinamerikanischen und slawischen Communitys.

Jessica Jurassica, 1993, ist Literatin, Musikerin und Künstlerin. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen und lebt heute in Bern. Im März 2021 erschien, nach der erotischen Fan-Fiction Die verbotenste Frucht im Bundeshaus, ihr erstes Buch Das Ideal des Kaputten bei Lectorbooks. Zurzeit ist sie in einem fünfmonatigen Residency-Stipendium in New York und arbeitet an neuen Texten.

Als ich zum ersten Mal im einzigen Hipster-Coffeeshop der Gegend bin, fragt die Barista direkt: «Are you new here?» Das nächste Mal stellt sie mich ihrem Mann vor und sagt zu ihm: «That’s the swedish girl I told you about!» Das übernächste Mal bieten sie mir einen Job an. Mich beschleicht langsam Unbehagen. Bin ich das Gesicht der Gentrifikation? Ich ignoriere diese Frage, die mir in der zarten weissen Autorinnen-Schläfe pocht, und gehe von nun an einfach zu Starbucks einen Block weiter, wo ich lustige Namen erfinde, die sie mir dann auf den Cappuccinobecher schreiben. Bei Starbucks ist man wenigstens noch anonym, bei Starbucks sind alle gleich. Niemand kann es sich leisten und doch leisten es sich alle. God Bless the United Fucking States of America!

Eines Tages, nach einem ausgedehnten Spaziergang in The Ramble, verlasse ich den Central Park über die 77th Street an der Upper Eastside, wo ich auf eine aufgeregte Menschenmenge, viele schwarz gekleidete Securitys und Autos mit dunkel getönten Scheiben treffe. Ich habe keine Ahnung, was da los ist, und nachdem ich zwei Minuten erfolglos versuche, irgendetwas zu erkennen, gehe ich weiter. Später erfahre ich, dass Met Gala war und ich vor dem Carlyle Hotel gestanden bin, wo sich die meisten der eingeladenen Stars zurecht machten und von wo aus sie in ihren völlig übertriebenen Kostümen loszogen.

Vielleicht fuhr die inzwischen hochschwangere Rihanna mit ihrem neunkarätigen Zehenring an mir vorbei. Aber ich bin schon zu oft durch die Upper Eastside gestreunt, als dass mich das noch beeindrucken würde. Vielmehr bin ich langsam etwas genervt, von glänzenden Autos und von Portier-bewachten Eingängen, von reinrassigen Hunden, strahlend weissen Kindern mit nicht-weissen Nannys, von Anzügen, Airpods und Businesscalls. Ich frage mich, warum bei «Eat the Rich» Leute wie Rihanna nicht mitgemeint sind. Ja, ok, immerhin geben sie uns im Gegensatz zu Arschlöchern wie Jeff Bezos oder Elon Musk tatsächlich etwas, das unser Leben bereichert, nämlich Kunst und Unterhaltung. Und trotzdem: Wir reden davon, die Superreichen zu besteuern, zu enteignen oder was auch immer, aber wenn es Riri ist, die einen fucking neunkarätigen ZEHENring trägt, dann finden wir das okay und cool?

Aber egal … Die Menschen interessieren mich sowieso immer weniger, die New Yorker Gleichgültigkeit nimmt zunehmend überhand, die Namen auf den Cappuccino-Bechern werden immer seltsamer. Ich wende mich dem Tierreich zu. Den Eichhörnchen, Babyenten, Waschbären und wie hiess nochmals dieser Hund, der kürzlich von einem Gericht in Manhattan im Rahmen eines Vergewaltigungsprozesses schuldig gesprochen wurde? Ach ja: Donald Trump. Nicht zuletzt faszinieren mich die Ratten. Remember wie Stuart Little – eine Ikone der Jahrtausendwende und sowas wie die Avril Lavigne der Ratten – auf einem Modellboot waghalsig über die Gewässer des Central Parks fuhr?

Doch die Stimmung scheint in den letzten Jahren gekippt zu sein. Letzten Herbst hat der amtierende Bürgermeister Eric Adams «The War on Rats» ausgerufen, und zwar mit einer vielbeachteten Pressekonferenz und catchy Aussagen wie «The rats gonna hate this announcement» und «The rats don’t rule this city. We do.» und «This is not Ratatouille!». Manchmal muss man dieses Land trotz allem einfach lieben…

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751