Saiten: Herr Alimi, was passiert am 13. Mai?
Bekim Alimi: Am 13. Mai findet die offizielle Eröffnung mit dem Zerschneiden des Bandes statt. Einen Abend vorher gibt es im Stadtsaal Wil einen Anlass für die Bevölkerung. Wir wollen uns bei der ganzen Bevölkerung bedanken, die den Baustellenlärm ertragen musste und viel Verständnis gezeigt hat. Längst nicht alle haben eine Einsprache gemacht. Das waren Einzelpersonen. Die grosse Mehrheit hat geschwiegen oder zum Teil auch in Briefen ihre Unterstützung zum Ausdruck gebracht.
Aber es gab Einsprachen, die zu einer Verzögerung von vier Jahren geführt haben.
Ja. Vor allem die Nachbarn hatten Bedenken wegen der Verkehrsbelastung, Parkplätzen und Lärmemissionen. Diese Einsprachen wurden aber auf allen Gerichtsstufen abgelehnt und die Legitimität der Baugenehmigung bestätigt.
Können Sie die Bedenken nachvollziehen?
Bei den Parkplätzen beispielsweise nicht. Da gibt es Normen, die vorgegeben sind und die wir eingehalten haben. Das sind Standards, die für die ganze Stadt gelten. Man verlangte von uns, dass wir mehr Parkplätze einrichten als vorgesehen, also zirka 100 statt nur 50. Gleichzeitig warf man uns vor, zu viel Verkehr zu produzieren. Das war ein bisschen widersprüchlich. Was die Lärmemissionen betrifft, hoffe ich, dass sie sich in Grenzen halten. Allerdings sind wir hier in einer Industriezone. Es ist ebenfalls gesetzlich vorgegeben, welche Emissionen zulässig sind. Natürlich kann es in einem solchen Zentrum laut werden. Aber eine Fabrik mit Dreischichtbetrieb ist sicher viel lauter.
Ein Muezzin wird aber nicht zu hören sein?
Wir haben dafür gar kein Gesuch gestellt. In der Gegend um die Moschee leben schon ein paar Muslime, aber die Stimme wäre sowieso nicht bis zum Ende der Stadt hörbar, somit ist es sinnlos.
Was ist das Einzugsgebiet für diese Moschee?
Grundsätzlich ist es die Stadt Wil. Es gibt aber auch noch kleinere Gemeinden in der Umgebung wie Uzwil, Niederuzwil, Sirnach, Flawil und andere. Von dort erwarten wir auch Besucherinnen und Besucher.
Sie haben die nicht-muslimische Bevölkerung eingeladen, sich ein Bild von der Moschee zu machen, auch Freitagsgebete zu besuchen. Wie ist die Stimmung in Wil gegenüber Muslimen?
Aktuell kann ich noch nicht viel darüber sagen, was die Einladung bewirkt. Es kommen bereits Vereinzelte. Die sehen aber immer noch ein Baustelle. Bei der alten Moschee haben wir seit Jahrzehnten ein offenes Haus gepflegt und Schulklassen und andere Besuchergruppen empfangen. Die Wiler Moschee ist nicht nur in Wil. sondern im ganzen Kanton und sogar darüber hinaus für ihre Offenheit bekannt. Es gibt Leute, die sehr zurückhaltend sind und andere, die sich interessieren.
Wil ist immer wieder in den Medien wegen seiner ausländischen Bevölkerung. Leute wie der Nationalrat Lukas Reimann meinen, es gebe zu viele Muslime in Wil. Sie befürchten einen Identitätsverlust. Wie sehen Sie das?
Ich kann das nicht beurteilen. Ich bin auch nicht Teil einer politischen Instanz, die entscheidet, wie viele Ausländer in die Schweiz kommen oder nicht. Ich weiss nicht, ob die Stadt ihre Identität verlieren wird. Wenn man sich die Welt anschaut, dann kommt es durch die enorme Vielfalt natürlich schon zu einem gewissen Identitätsverlust. Schaut man sich Dubai an, findet man dort längst nicht nur Araber. Die Muslime in Wil stammen hauptsächlich aus dem Balkan. Sie sind Teil der europäischen Kultur. Ich denke, Vielfalt ist der treffendere Begriff als Identitätsverlust.
Sie sind im Vorstand des Fids (Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz) und Präsident bei der Digo (Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz). Auch in der Schweiz besteht bei gewissen Leuten Islam-Skepsis oder gar Angst. Wie viel Ihrer Arbeitszeit verwenden Sie für Öffentlichkeitsarbeit?
Sehr viel. Ich würde sagen, fast 50 Prozent. Das heisst nicht nur Journalisten empfangen, sondern auch Beiträge für unsere Websites verfassen, in verschiedenen Diskussionsrunden an Dialogen teilnehmen und unzählige Sitzungen bei den Verbänden. Das ist alles ehrenamtliche Arbeit, die wir leisten, um ein Zeichen zu setzen. Wir wollen zeigen, dass wir sehr gewillt sind, Integrationsarbeit zu leisten und uns anzupassen. Die Vielfalt soll bemerkbar sein, aber nicht ohne Integration.
Ist das mühsam, diese ständige Rechtfertigungspflicht?
Nun, was soll ich dazu sagen. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit herrscht. Islamskeptiker haben das Recht, sich zu äussern. Ich hoffe sehr, dass unsere Arbeit tatsächlich als Beleg gesehen wird, dass wir uns bemühen und nicht nur reden. Wir hoffen, dass unsere Argumente irgendwann über jene Vorwürfe siegen, die einer Grundlage entbehren.
Auch Sie wurden mit dem Vorwurf der Islamismus-Nähe konfrontiert. Es gab Bilder, die Sie neben Nicolas Blancho vom islamischen Zentralrat und dem unter Extremismus-Verdacht stehenden kosovarischen Imam Shefqet Krasniqi zeigen. Steht man als Muslim unter Generalverdacht, Islamist zu sein?
Ich habe diese Personen bei öffentlichen Anlässen getroffen, bei denen nicht nur ein Imam anwesend war, sondern hunderte Imame sowie sehr viel Publikum. An anderen Anlässen habe ich auch viele Andersgläubige getroffen, ohne dass man mir vorgeworfen hat, ich hätte deshalb meinen Glauben gewechselt. Nur weil ich mit diesen Leuten auf derselben Veranstaltung bin, heisst das nicht, dass ich ihre Meinung teile. Es gibt Leute, die immer nach einer Lücke suchen und uns dann angreifen. Das finde ich wirklich unfair, weil es unser grosses Engagement für ein friedliches Zusammenleben und Integration ignoriert.
Sie sind Imam hier in Wil. Eine Stimmung, die teilweise auch durch die Medien transportiert wird, führt bei vielen Menschen zu einem Generalverdacht. Merken Sie, dass diese Ängste, die im Zusammenhang mit dem Islam bestehen, ihre muslimische Gemeinde belasten?
Ich weiss nicht, ob Generalverdacht das richtige Wort ist. Es gibt gewisse Medien oder einzelne Journalisten, die in dieser Richtung schreiben. Aber dass uns Institutionen unter Generalverdacht stellen, finde ich nicht.
Und die Bevölkerung?
Auch da glaube ich nicht an einen Generalverdacht. Sehr viele Muslimas und Muslime leben und arbeiten in der Schweiz bei Schweizer Firmen. Sie sind gute, wertvolle Arbeitskräfte oder auch gute Sportler. Man kennt und vertraut sich. Ich glaube, eine 30-jährige Zusammenarbeit mit einem Muslim trägt mehr zur Meinungsbildung bei als ein Zeitungsartikel. Die Familien schicken ihre Kinder seit Jahren hier zur Schule. Man kennt sich als Nachbarn. Süssigkeiten wie Baklava sind schon lange verbreitet hier. Gewisse Artikel tun unserem Ruf nicht gut. Aber zu einem Generalverdacht führen sie nicht.
Was bedeutet es für Sie, diese Moschee zu eröffnen?
Es bedeutet, dass wir unseren Platz in Wil gefunden und unsere Identität als Muslime dennoch nicht verloren haben. Die Architektur der Moschee verdeutlicht Tradition und gleichzeitig Anpassung. Da ist die moderne, quadratische Form gepaart mit der orientalischen Kuppel. Die Moschee repräsentiert einen integrierten Islam.
Fehlt das Minarett?
In dieser Form, die die Moschee hat, fehlt es nicht unbedingt. Bei einer anderen Architektur, wenn wir ausschliesslich die Kuppelform hätten, würde es schon fehlen. Und Muslime allgemein vermissen das Minarett natürlich auch.
Wie wird sich das Zusammenleben in der Schweiz zwischen den Glaubensgruppen Ihrer Meinung nach entwickeln?
Ich denke und glaube, politische Aktualitäten in einzelnen Ländern sind von weltpolitischen Aktualitäten abhängig. Wenn – wie es aktuell der Fall ist – viele Kriege in muslimischen Gebieten geführt werden und darüber täglich in den Medien zu lesen ist, ist es nachvollziehbar, dass in der Bevölkerung Skepsis aufkommt. Wir hoffen auf eine baldige Beruhigung der Situation, damit auch die betroffenen Länder wieder dazu kommen, ihre Qualitäten zu zeigen. Man denke an das blühende Syrien vor zehn oder fünfzehn Jahren. Jede Kultur hat eigene Qualitäten. Sobald diese zum Vorschein kommen, wird auch die öffentliche Meinung im Ausland positiv beeinflusst. Wir sind alle Menschen und werden von dem beeinflusst, was wir hören.
Gibt es etwas, was Sie zum Schluss sagen möchten?
Ich möchte gern die Menschen einladen, am 13. Mai zum Eröffnungsfest zu kommen, das auf der Wiese vor der Moschee stattfinden soll. Ich wünsche mir, dass sie sehen, dass wir hier eine gute Sache aufgebaut haben.
moschee-wil.ch
Dieser Beitrag erschien im Mai-Heft von Saiten.
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