Ein Ritual. Ich nenne es das meditative Motor-Anschauen. «Du musst es mit den Augen machen, mit den Ohren, mit der Nase. Ob ein Motor rund läuft siehst du, du hörst es, und du riechst es.» Sagt Patrick, ein Aficionado alter Eisen aller Art, flüchtig getroffen. Und es stimmt. Ein Automotor macht auf Probleme aufmerksam, mal direkt und heftig, mal leise und unauffällig, wie ein Mensch. Heute fahre ich ohne Musik mit offenem Fenster, höre dem Motor und Fahrwerk zu, ich spüre durch Hände und Körper, ob etwas ruckelt, und manchmal lehne ich den Kopf zurück in den Passagierraum, um zu riechen, ob ein Schweif Öl oder Benzin zu viel in der Luft hängt.
Dinge nicht einfach zu nutzen, zu verbrauchen, zu konsumieren, tut gut. Wenn ein Gegenstand Seele bekommt, Verständnis verlangt. Nicht nur das Fahrzeug, auch der Respekt davor stammt aus einer vergangenen Zeit. All mein Wissen über Motoren habe ich geerbt. Von Giusi, dem meccanico mit Allwissen und Hau-Drauf-Attitüde im Zürcher Kreis 3: Vergaser synchronisieren, Kolbenringe ersetzen, Ventile läppen. Von Denis, dem fülligen American working class-Typen in den rollenden Hügeln Ojais, über exzessives Ölfressen oder Zündungstiming. Und im Internet, in unzähligen Büchern, alten Shop-Manuals und Vintage-Magazinen. Auf dieses Erbe bin ich angewiesen. In manchen Ländern muss man nicht mal mehr selber tanken. Auf dem legendären Alaska-Canada Highway verlottern die Road Houses, weil niemand mehr Pause macht. Das Auto als mechanisches Wesen ist komplett verdrängt. Die Durchschnittsgarage rümpft die Nase. Man steckt Stecker und Laptops an, ersetzt grundsätzlich grossflächig alles. Mein Auto hat keinen Stecker. Die Ersatzteile suche ich an wenigen Adressen rund um den Erdball.
Während sich mein Strassen-Logbuch mit Erinnerungen füllt, lerne ich, dass sie längst alle da sind. 2CVs, VW T2s, Käfer: Die ganze Familie erzählt bisher ausradierte Geschichten. Sie mussten manchmal mit dem Hammer drunterliegen, um dem Gang nachzuhelfen. Schweissten Rost am Rahmen und wechselten das Öl selber. In diesen Gefährten stecken Erinnerungen, Abenteuer und Wissen. In ihren heutigen Autos funkelnde Lichter, Pannen und Geld.
Ankunft im Golf von Biskaya. Kurz hat ein Radlager geklopft. Nichts riecht komisch. Die tausend Kilometer dauerten drei Tage. Der luftgekühlte Motor braucht Pausen, wie ein gutmütiges Pferd. Und immer wieder: meditatives Motor-Anschauen. Nicht das Ankommen, die Reise ist es wert.
«The best [roads] always connect nowhere with nowhere», schrieb Robert M. Pirsig. Falls es wieder rumpelt und rattert – auf viele Fragen kenne ich die Antwort nicht. Ich werde sie auf dem Weg erben.
Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten. Andi Rohrer ist Moderator bei SRF 3 Sounds!.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.