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Erbstück: Die Vintage-Karosse

Ob materiell oder immateriell, individuell oder kollektiv, ausgeschlagen, vergessen, verdrängt oder freudig akzeptiert. Erbstücke haben ihre eigene Geschichte. Diese hier riecht nach Motorenöl und Erfahrungswissen. von Andi Rohrer
Von  Gastbeitrag

Ein Ritual. Ich nenne es das meditative Motor-Anschauen. «Du musst es mit den Augen machen, mit den Ohren, mit der Nase. Ob ein Motor rund läuft siehst du, du hörst es, und du riechst es.» Sagt Patrick, ein Aficionado alter Eisen aller Art, flüchtig getroffen. Und es stimmt. Ein Automotor macht auf Probleme aufmerksam, mal direkt und heftig, mal leise und unauffällig, wie ein Mensch. Heute fahre ich ohne Musik mit offenem Fenster, höre dem Motor und Fahrwerk zu, ich spüre durch Hände und Körper, ob etwas ruckelt, und manchmal lehne ich den Kopf zurück in den Passagierraum, um zu riechen, ob ein Schweif Öl oder Benzin zu viel in der Luft hängt.

Dinge nicht einfach zu nutzen, zu verbrauchen, zu konsumieren, tut gut. Wenn ein Gegenstand Seele bekommt, Verständnis verlangt. Nicht nur das Fahrzeug, auch der Respekt davor stammt aus einer vergangenen Zeit. All mein Wissen über Motoren habe ich geerbt. Von Giusi, dem meccanico mit Allwissen und Hau-Drauf-Attitüde im Zürcher Kreis 3: Vergaser synchronisieren, Kolbenringe ersetzen, Ventile läppen. Von Denis, dem fülligen American working class-Typen in den rollenden Hügeln Ojais, über exzessives Ölfressen oder Zündungstiming. Und im Internet, in unzähligen Büchern, alten Shop-Manuals und Vintage-Magazinen. Auf dieses Erbe bin ich angewiesen. In manchen Ländern muss man nicht mal mehr selber tanken. Auf dem legendären Alaska-Canada Highway verlottern die Road Houses, weil niemand mehr Pause macht. Das Auto als mechanisches Wesen ist komplett verdrängt. Die Durchschnittsgarage rümpft die Nase. Man steckt Stecker und Laptops an, ersetzt grundsätzlich grossflächig alles. Mein Auto hat keinen Stecker. Die Ersatzteile suche ich an wenigen Adressen rund um den Erdball.

Während sich mein Strassen-Logbuch mit Erinnerungen füllt, lerne ich, dass sie längst alle da sind. 2CVs, VW T2s, Käfer: Die ganze Familie erzählt bisher ausradierte Geschichten. Sie mussten manchmal mit dem Hammer drunterliegen, um dem Gang nachzuhelfen. Schweissten Rost am Rahmen und wechselten das Öl selber. In diesen Gefährten stecken Erinnerungen, Abenteuer und Wissen. In ihren heutigen Autos funkelnde Lichter, Pannen und Geld.

Ankunft im Golf von Biskaya. Kurz hat ein Radlager geklopft. Nichts riecht komisch. Die tausend Kilometer dauerten drei Tage. Der luftgekühlte Motor braucht Pausen, wie ein gutmütiges Pferd. Und immer wieder: meditatives Motor-Anschauen. Nicht das Ankommen, die Reise ist es wert.

«The best [roads] always connect nowhere with nowhere», schrieb Robert M. Pirsig. Falls es wieder rumpelt und rattert – auf viele Fragen kenne ich die Antwort nicht. Ich werde sie auf dem Weg erben.

Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten.
Andi Rohrer ist Moderator bei SRF 3 Sounds!.

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