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Du bist ein Cowboy

Die Regisseurin Chloé Zhao hat den besten Cowboy-Film gedreht. In «The Rider» spielt Brady Jandreau sich selbst, wie er versucht, nach einer beinahe tödlichen Kopfverletzung den Weg zurück in den Rodeo-Sport zu finden. Dass das uninteressant klingt, ist das einzige, was an diesem Film nicht brillant ist.
Von  Frédéric Zwicker

Rodeo? Kennt man hier vom elektrisch bockenden Plastikbullen an der Kilbi oder aus US-amerikanischen Filmen als dümmlichen Hillbilly-Sport. Vielleicht erinnert man sich auch an die Szene aus Sacha Baron Cohens Film Borat, wo dieser als kasachischer Gast die US-Nationalhymne singen soll. Zuvor will er aber eine kurze Ansprache halten, in der er den Krieg gegen den Terrorismus sowie die Jungs drüben in Irak und ihren gerechten Kampf unter tosendem Applaus preist. «Möge George Bush das Blut von jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind im Irak trinken!», brüllt er, und ein Teil der Menge applaudiert nach wie vor.

Was aber, wenn eine chinesische Regisseurin (Chloé Zhao) einen Film dreht, in dem ein ehemaliger Rodeo-Star, der nach einem lebensbedrohlichen Arbeitsunfall den Weg zurück ins Rodeo und ins Leben sucht, sein dem Alkoholüberkonsum frönender Vater und die Schwester mit Asperger-Syndrom sich selber, ihre eigene Geschichte spielen? Im Fall von The Rider resultiert daraus ein atemberaubendes Filmerlebnis.

Metapher in der Metapher

Denn Zhao richtet einen so gefühlvollen, unvoreingenommenen und neugierigen Blick auf das Rodeo und die Menschen, die bockende Pferde oder Bullen reiten und versuchen, sich von diesen nicht abwerfen zu lassen, dass man beim Zuschauen selber nicht so recht weiss, wie einem gerade geschieht. Man wundert sich ob der empfundenen Gefühle, während man dem jungen 22-jährigen Pferdeversteher Brady (Brady Jandreau) und seiner Familie dabei zuschaut, wie sie ihr ärmliches Leben rund um Pferde, Spielautomaten, Bars mit abgehalfterten Säufer-Gesichtern, Tattoos und endlose Prärielandschaften bestreiten.

The Rider von Chloé Zhao:
ab 5. Juli im Kinok St.Gallen
kinok.ch

Es ist natürlich naheliegend, das Rodeo als Metapher fürs Leben zu sehen. Man versucht, im Sattel zu bleiben, auch wenn es einmal etwas ruppiger zu- und hergeht. Aber in The Rider ist der Cowboy-Sport bloss eine Metapher in der Metapher. Denn die eigentliche Metapher – und das ist eines von mehreren eindrücklichen Verdiensten der Regisseurin – besteht darin, dass sich du und ich mit dem jungen Brady identifizieren können und wollen, der sich nach der beinahe tödlichen Kopfverletzung zurückkämpfen will. Auch wenn ihn das sein Leben kosten könnte.

Es ist nicht nur das, was er liebt, es ist auch das, was als männlich gilt. Den Schmerz unterdrücken, sich aufrappeln, in den Sattel steigen und bockenden Jungpferden und Bullen den Meister zeigen. Wer würde schon erwarten, sich in einem Südstaaten-Cowboy wiederzuerkennen, der als Freizeitbeschäftigung mit seinen Rodeo-Freunden Bier trinkt und übers Feuer springt? In einer Gegend notabene, wo der menschliche Fussabdruck als verschwindend kleiner Punkt von einer unermesslich weiten Natur verschlungen zu werden droht?

Ich bin ein Pferd

Wenn nach einer halben Stunde die erste Rodeo-Szene gezeigt wird, regt sich in der Magengegend eine brodelnde Euphorie, die man im Zusammenhang mit dem Sport nicht für möglich gehalten hätte. Überhaupt gelingt es dem Film ununterbrochen, einen mit unerwarteten Wendungen positiv zu überraschen. Immer wenn man denkt, man hätte eine Absicht der Regisseurin erkannt, man könne den weiteren Verlauf vorhersehen, wird man anhand einer besseren Geschichte eines Besseren belehrt.

Und dann die Pferde, denen sich die Kamera so nähert, dass auch sie zu Protagonisten der Geschichte werden. Selbst in ihnen kann man sich wiedererkennen, und das, obwohl oder gerade weil sie in ihrer Animalität gezeigt und nicht im Geringsten vermenschlicht werden. Wie Brady, dessen Schwester, seinen Vater und Bradys Freunde (allen voran Lane Scott, ebenfalls ein ehemaliger Rodeo-Reiter, der nach einem Unfall schwerstbehindert ist und sich selber spielt) erkennt man die Pferde in ihrem intimsten Inneren, das ohne irgendeine Aufdringlichkeit sichtbar gemacht wird.

Revolver, Pferde, Boloties, Halstücher, Sättel, Barschlägereien, Kautabak, Cowboyhüte, Cowboystiefel, Cowboygehabe, und bei alledem kein einziges Klischee: Die chinesische Regisseurin Chloé Zhao hat mit The Rider den besten Cowboy-Film aller Zeiten gedreht.

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