Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Du fickst Nutten, ich bin HIV-positiv!»

In ihrem zweiten Spielfilm Vakuum beleuchtet die Schweizer Regisseurin Christine Repond die Krankheit der 80-er und 90-er Jahre: Aids. Leider verzettelt sie sich dabei ein bisschen.
Von  Frédéric Zwicker
Von der totalen Harmonie in die totale Verzweiflung. (Bild: Filmstill)

In der ersten Folge der zwölften Staffel von South Park steckt Eric Cartman seinen Schulkameraden Kyle Broflovski absichtlich mit HIV an, indem er dem schlafenden Kyle sein Blut in den Mund spritzt. Er tut das, weil Kyle nicht anders kann, als über die Ironie des Schicksals zu lachen, das ausgerechnet Eric mit einer HIV-Infektion heimsucht, wo sich dieser über die Jahre doch immer wieder über Aids lustig gemacht hat. Cartman seinerseits wurde bei einer Bluttransfusion während einer Mandel-Operation angesteckt.

In der Folge kämpft Eric für mehr Respekt für HIV-Infizierte. Denn er findet bald raus, dass Aids nicht mehr «in» ist, weil Krebs der Autoimmunerkrankung den Rang abgelaufen hat. Aids sei mehr eine Krankheit der 80er- und 90er-Jahre, kriegt Eric immer wieder zu hören. Einer der grossartigen Witze dieser Folge – mit dem zu besprechenden Film hat er nichts zu tun, trotzdem wäre es schade, ihn nicht zu erwähnen – besteht darin, dass Eric dem vor Wut kochenden Kyle immer wieder sagt, er solle nicht so HIV-negativ sein, er solle versuchen, etwas HIV-positiver zu denken.

Vom Paradies in die Hölle

Aids ist tatsächlich aus vielen Köpfen verschwunden. In jüngerer Vergangenheit war immer mal wieder in der einen oder anderen Zeitungsmeldung zu lesen, die Angst vor Aids habe stark abgenommen, ebenso die Vorsicht in Bezug auf den Schutz beim Geschlechtsverkehr. Diese Entwicklung hat bestimmt auch mit den Medikamenten zu tun, die heute ein weitestgehend uneingeschränktes Leben mit der Infektionskrankheit erlauben.

Die Schweizer Regisseurin Christine Repond widmet sich dem Thema in ihrem zweiten Film Vakuum. Meredith (Barbara Auer, aktuell in einer grossartigen Nebenrolle in Christian Petzolds Transit zu sehen) erfährt nach einer Blutspende, dass sie infiziert ist. Der einzige, der sie angesteckt haben kann, ist ihr Ehemann André (Robert Hunger-Bühler).

Vakuum von
Christine Repond:
Samstag, 9. Juni,
Kino Cameo, Winterthur

Während die zwei Gutsituierten, die das Fest zu ihrem 35. Hochzeitstag planen, vorher eine wahnsinnig harmonische Ehe geführt haben, folgt für Meredith, die in ihrem Familienleben als Ehefrau, Mutter zweier Töchter und zweifache Grossmutter aufgegangen ist, die grosse Krise.

Sie findet heraus, dass André sie regelmässig mit Prostituierten betrogen hat. Jetzt muss sie sich nicht nur mit ihrer Krankheit arrangieren, sondern auch mit ihrem Leben, das komplett aus den Fugen zu geraten droht und das sie sehr bald vermisst, nachdem sie André aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat.

Erinnern Sie sich an Aids?

Mit HIV lässt es sich leben, rein gesundheitlich betrachtet. Das zeigt auch der Film. Er zeigt aber auch, dass die Diagnose nach wie vor weitreichende Folgen für die Betroffenen hat, die insbesondere in einer gesellschaftlichen Ächtung bestehen.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Gefahr, die vom HI-Virus ausgeht, heute mehr und mehr unterschätzt wird, leistet der Film sicher einen wertvollen Beitrag zu einer Diskussion, die seit einiger Zeit ausdiskutiert scheint. Letzteres zeigt Repond beispielsweise, indem sie die eine Tochter mit den zwei Kindern ausrufen lässt, sie müsse diese sofort testen lassen, als sie erfährt, dass die Grosseltern krank sind. Wird da aber nicht etwas gar viel Naivität propagiert?

Man würde annehmen, eine erwachsene Frau wisse, dass die Ansteckungsgefahr nur bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder im Kontakt mit grösseren Mengen Blut hoch ist. Was hingegen viele nicht wissen, ist beispielsweise, dass HIV-Infizierte unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht ansteckend sind. Mehr dazu im Statement der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen.

Etwas viel Aktualitätsbezug

Die Darstellung von Meredith, aber auch von André, verlangt den Schauspielern alles ab. Da ist beispielsweise sehr viel ungeschönte Nacktheit in langen Nahaufnahmen. Überhaupt setzt Repond immer wieder auf lange (langatmige?) Aufnahmen ohne Dialog. Meredith am Cheminée, Meredith mit geöffneten Augen im Bett neben dem schlafenden André, Meredith mit geöffneten Augen im Bett ohne André, Meredith schweigend beim Coiffeur, Meredith beim Musikhören…

Und dann ist da vielleicht das eine oder andere Thema zu viel, das der Film beleuchten will. #Metoo («Es macht mich an, Frauen zu vögeln, und es interessiert mich einen Scheissdreck, wie es ihnen dabei geht»), geheime sexuelle Fantasien in Langzeitbeziehungen («Ist es das, was du hören willst? Dass es geil ist, fremde Frauen in den Arsch zu ficken?»), die starke Frau, die ihre Karriere dem letztlich schwachen Mann opfert («Irgendwie hätte mein Leben ja auch anders verlaufen können. Ich hätte ja auch weiterstudieren können») oder auch die Oberflächlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen in der bourgeoisen Gesellschaft, wo man Tennis spielt und Champagner trinkt, nicht aber über seine HIV-Infektion redet.

Etwas gar schablonenhaft

Dabei will Meredith ehrlich sein, besonders mit ihren Kindern. Im Gespräch mit den Töchtern versagt André allerdings komplett. Meredith springt ein und erklärt, die Infektion rühre (wie bei Eric Cartman) von einer Bluttransfusion bei einer Schulteroperation von André.

Obwohl die Töchter erfahren, dass der Vater und die Mutter infiziert sind, umarmen und trösten sie bloss den Vater. Meredith, die Mutter und starke Frau, sitzt schweigend daneben.

Vakuum erzählt eine interessante und wichtige Geschichte. Besonders Barbara Auers Leistung ist herausragend. Da und dort wirken die Figuren jedoch etwas gar schablonenhaft, um aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen aufgreifen zu können.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42