In der ersten Folge der zwölften Staffel von South Park steckt Eric Cartman seinen Schulkameraden Kyle Broflovski absichtlich mit HIV an, indem er dem schlafenden Kyle sein Blut in den Mund spritzt. Er tut das, weil Kyle nicht anders kann, als über die Ironie des Schicksals zu lachen, das ausgerechnet Eric mit einer HIV-Infektion heimsucht, wo sich dieser über die Jahre doch immer wieder über Aids lustig gemacht hat. Cartman seinerseits wurde bei einer Bluttransfusion während einer Mandel-Operation angesteckt.
In der Folge kämpft Eric für mehr Respekt für HIV-Infizierte. Denn er findet bald raus, dass Aids nicht mehr «in» ist, weil Krebs der Autoimmunerkrankung den Rang abgelaufen hat. Aids sei mehr eine Krankheit der 80er- und 90er-Jahre, kriegt Eric immer wieder zu hören. Einer der grossartigen Witze dieser Folge – mit dem zu besprechenden Film hat er nichts zu tun, trotzdem wäre es schade, ihn nicht zu erwähnen – besteht darin, dass Eric dem vor Wut kochenden Kyle immer wieder sagt, er solle nicht so HIV-negativ sein, er solle versuchen, etwas HIV-positiver zu denken.
Vom Paradies in die Hölle
Aids ist tatsächlich aus vielen Köpfen verschwunden. In jüngerer Vergangenheit war immer mal wieder in der einen oder anderen Zeitungsmeldung zu lesen, die Angst vor Aids habe stark abgenommen, ebenso die Vorsicht in Bezug auf den Schutz beim Geschlechtsverkehr. Diese Entwicklung hat bestimmt auch mit den Medikamenten zu tun, die heute ein weitestgehend uneingeschränktes Leben mit der Infektionskrankheit erlauben.
Die Schweizer Regisseurin Christine Repond widmet sich dem Thema in ihrem zweiten Film Vakuum. Meredith (Barbara Auer, aktuell in einer grossartigen Nebenrolle in Christian Petzolds Transit zu sehen) erfährt nach einer Blutspende, dass sie infiziert ist. Der einzige, der sie angesteckt haben kann, ist ihr Ehemann André (Robert Hunger-Bühler).
Vakuum von Christine Repond: Samstag, 9. Juni, Kino Cameo, Winterthur
Während die zwei Gutsituierten, die das Fest zu ihrem 35. Hochzeitstag planen, vorher eine wahnsinnig harmonische Ehe geführt haben, folgt für Meredith, die in ihrem Familienleben als Ehefrau, Mutter zweier Töchter und zweifache Grossmutter aufgegangen ist, die grosse Krise.
Sie findet heraus, dass André sie regelmässig mit Prostituierten betrogen hat. Jetzt muss sie sich nicht nur mit ihrer Krankheit arrangieren, sondern auch mit ihrem Leben, das komplett aus den Fugen zu geraten droht und das sie sehr bald vermisst, nachdem sie André aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat.
Erinnern Sie sich an Aids?
Mit HIV lässt es sich leben, rein gesundheitlich betrachtet. Das zeigt auch der Film. Er zeigt aber auch, dass die Diagnose nach wie vor weitreichende Folgen für die Betroffenen hat, die insbesondere in einer gesellschaftlichen Ächtung bestehen.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Gefahr, die vom HI-Virus ausgeht, heute mehr und mehr unterschätzt wird, leistet der Film sicher einen wertvollen Beitrag zu einer Diskussion, die seit einiger Zeit ausdiskutiert scheint. Letzteres zeigt Repond beispielsweise, indem sie die eine Tochter mit den zwei Kindern ausrufen lässt, sie müsse diese sofort testen lassen, als sie erfährt, dass die Grosseltern krank sind. Wird da aber nicht etwas gar viel Naivität propagiert?
Man würde annehmen, eine erwachsene Frau wisse, dass die Ansteckungsgefahr nur bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder im Kontakt mit grösseren Mengen Blut hoch ist. Was hingegen viele nicht wissen, ist beispielsweise, dass HIV-Infizierte unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht ansteckend sind. Mehr dazu im Statement der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen.
Etwas viel Aktualitätsbezug
Die Darstellung von Meredith, aber auch von André, verlangt den Schauspielern alles ab. Da ist beispielsweise sehr viel ungeschönte Nacktheit in langen Nahaufnahmen. Überhaupt setzt Repond immer wieder auf lange (langatmige?) Aufnahmen ohne Dialog. Meredith am Cheminée, Meredith mit geöffneten Augen im Bett neben dem schlafenden André, Meredith mit geöffneten Augen im Bett ohne André, Meredith schweigend beim Coiffeur, Meredith beim Musikhören…
Und dann ist da vielleicht das eine oder andere Thema zu viel, das der Film beleuchten will. #Metoo («Es macht mich an, Frauen zu vögeln, und es interessiert mich einen Scheissdreck, wie es ihnen dabei geht»), geheime sexuelle Fantasien in Langzeitbeziehungen («Ist es das, was du hören willst? Dass es geil ist, fremde Frauen in den Arsch zu ficken?»), die starke Frau, die ihre Karriere dem letztlich schwachen Mann opfert («Irgendwie hätte mein Leben ja auch anders verlaufen können. Ich hätte ja auch weiterstudieren können») oder auch die Oberflächlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen in der bourgeoisen Gesellschaft, wo man Tennis spielt und Champagner trinkt, nicht aber über seine HIV-Infektion redet.
Etwas gar schablonenhaft
Dabei will Meredith ehrlich sein, besonders mit ihren Kindern. Im Gespräch mit den Töchtern versagt André allerdings komplett. Meredith springt ein und erklärt, die Infektion rühre (wie bei Eric Cartman) von einer Bluttransfusion bei einer Schulteroperation von André.
Obwohl die Töchter erfahren, dass der Vater und die Mutter infiziert sind, umarmen und trösten sie bloss den Vater. Meredith, die Mutter und starke Frau, sitzt schweigend daneben.
Vakuum erzählt eine interessante und wichtige Geschichte. Besonders Barbara Auers Leistung ist herausragend. Da und dort wirken die Figuren jedoch etwas gar schablonenhaft, um aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen aufgreifen zu können.
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