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Einseifen und Vorteeren

Wie macht man einer skeptischen Bevölkerung den Zu- und Heilsbringer Güterbahnhofanschluss schmackhaft? Richtig: Indem man nicht über ihn, sondern über flankierende Massnahmen diskutieren lässt und «Bömm statt Autos» verspricht. Ein Kommentar zur aktuellen Autobahndebatte in St.Gallen.
Von  Roman Hertler

Unausweichlich steht er da, der unausgesprochene Elefant im Raum respektive in der Aula in des GBS im Riethüsli, ein Raum, der eigentlich würdig und gross genug wäre, um auch mal einen grauen Riesen aufzunehmen. Selbst wenn dieser Riese in ausgebautem Zustand über 1,3 Milliarden Franken auf die Waage bringen soll, heute aber noch weit davon entfernt ist, das Licht am Ende des Tunnels zu erblicken. 2030 soll der zehn Jahre dauernde Geburtsvorgang frühestens eingeleitet werden (Regierungsrätin Susanne Hartmann: «best case»).

Lieber als über den teuren Autobahnzubringer beim Güterbahnhof inklusive Liebeggtunnel, zu dem es offenbar überhaupt keine Alternative gibt, sprechen die Stadt- und Kantonsbehörden, deren Planungswut an jene der 1960er-Jahre erinnert, derzeit über Nebensächlichkeiten, zumindest gemessen am Gesamtvorhaben: die flankierenden Massnahmen an der Teufener- und der Oberstrasse. Ein bisschen mehr Raum für Velo- und Fussverkehr, e paar Bömm, das sind die Zückerli fürs Quartier, wenn man dann auch bereit ist, den fünften Autobahnanschluss mitten in der Stadt zu schlucken.

Mut und Ivestition

«Heute keine Grundsatzdiskussion», lautete die Devise der anwesenden Behördenmitglieder. Zur Debatte wurde ja auch gar nie eingeladen, sondern nur zum Dialog über die flankierenden Massnahmen im Falle eines hypothetischen Tunnelbaus. So kann man dem Volk auf sanfte und natürliche Weise klar machen, dass eigentlich nur ein Autobahnanschluss infrage kommt. Also keine Debatte. Das kam den Verkehrs- und Strassenplanern sehr gelegen, sie mussten – abgesehen von den vielen kritischen Voten in den Gruppen-Workshops – nur gerade eineinhalb Buhrufe einstecken.

Warum Bepflanzungen und Erweiterungen des Raums für Langsamverkehr im Riethüsli oder an der Oberstrasse nicht schon heute möglich sein sollen, auch ohne den Liebeggtunnel, konnte am Montagabend im GBS niemand schlüssig erklären. Die Karren, die die Teufener Strasse zu Stosszeiten verstopfen, stellen sich ja auch heute nicht neben-, sondern hintereinander. Am Dienstag im Stadtparlament signalisierte Baudirektor Buschor dann immerhin: «Wenn Wünsche aus der Bevölkerung zur Aufwertung der Quartierstrassen zu einem früheren Zeitpunkt aufkommen, dann nehme ich diese gerne entgegen.»

«Mut haben und investieren», das sind nicht etwa die Worte der kantonalen Baudirektorin Susanne Hartmann, deren Zwillingsbruder im Riethüsli wohnt und für den Familienbesuch aus Wil auch gerne eine gute Verkehrsanbindung wünscht, sondern jene von Franco Knie, als er 2015 ankündigte, seine Elefanten nicht mehr in der Manege auftreten zu lassen, sondern sie in den Untergrund, heisst: in den schön geräumig ausgebauten Zuchtpark in Rapperswil zu verlegen.

Gleiches wollen die Bürgerlichen von Stadt und Kanton nun mit dem Verkehr machen. Geht es nach ihnen, können Nostalgiker:innen nur noch für kurze Zeit den Autos am Rand der Teufener Strasse nachwinken – wie einst den Elefanten bei Knies letzten Strassenumzügen von den SBB-Wagons zum Spelterini –, bevor sie von der Bildfläche verschwinden. Ab in den Untergrund damit und dann, vielleicht, die Quartiere obendrauf ein bisschen aufhübschen.

Derweil baut der Nationalstrassenzirkus ASTRA fleissig an seiner Drohkulisse weiter, indem er neu errechnete Verkehrszunahmeprognosen publiziert und diese in Tüll verpackt vom herzig-flapsigen Teer-Maskottchen, Buntspecht Fredi Vogl, kommunizieren lässt – neu auch im fresh animierten Cartoon. Damits auch wirklich jedes Kind kapiert, dass es auch im Sinne der Stadtfauna unter dem Strich mehr statt weniger Strassen braucht.

Jetzt aber vorwärts

Die Versprechungen klingen zu verlockend. Dass auf der Teufener Strasse nach Eröffnung des Liebeggtunnels 70 Prozent weniger Verkehr herrschen soll, kommentierte ein Quartieranwohner am Montagabend im GBS allerdings lakonisch: «Träumt weiter.» Denn nur weil man etwas nicht mehr sieht, ist es nicht automatisch auch weg. Stellt man einer eigentlich unerwünschten Person, die sich auch noch auf die bereits besetzte Bank drängen will, nochmals extra eine Bank hin oder schickt man sie lieber weg? Oder ist der prognostizierte Mehrverkehr am Ende doch erwünscht? Reicht die Phantasie zum Erhalt der «Erreichbarkeit» nicht über den Strassenbau hinaus? Was soll an einer solchen Verkehrspolitik bitteschön nachhaltig sein?

Von einer «Strasse zum Leben» fabulieren ausgerechnet jene Politiker:innen, die tendenziell wenig vom «Leben auf der Strasse» wissen. Und nun, nachdem das Stadtparlament mit der Streichung des Autobahnzubringers aus dem städtischen Richtplan den zweiten, zumindest symbolischen Pflock gegen diese rückwärtsgewandte Einseif- und Vorteerpolitik eingeschlagen hat, beginnt das Jammern und Quängeln. Das Parlament habe nur infolge der «derzeitigen» rot-grünen Mehrheit die Engpassbeseitigung aus dem Richtplan gestrichen. Die Rede ist von einem «knappen Entscheid gegen die geschlossenen Fraktionen von FDP, Mitte und SVP». Das stimmt wohl, wenn man bei 57,4 zu 42,6 Prozent von einer «knappen Mehrheit» reden möchte.

«Mit der Engpassbeseitigung jetzt schnell vorwärts machen», fordern sie. Für die Teerfraktion ist es jetzt höchste Zeit, zu mobilisieren, bevor ihnen die Mammutfelle vollends davonschwimmen. Denn wer weiss, ob der Bund je wieder dazu bereit ist, eine ganze Milliarde für ein so ausgefuchstes Strassenbauprojekt in den Osten zu werfen.

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