Die Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen und das neu formierte Leitungsteam geben im ersten eigenen Tanzstück Einblick in den kreativen Prozess einer Theaterproduktion. «Fordlandia» lebt von sphärischer Musik, ausdrucksstarken Tänzer:innen und technischen Effekten.
Der visionäre Tanzabend im Grossen Haus des Theaters St.Gallen trägt die Handschrift der beiden Choreografen Frank Fannar Pedersen (künstlicher Leiter der Sparte Tanz) und Javier Rodríguez Cobos. Der Isländer und der Spanier arbeiteten schon oft zusammen, in den vergangenen Jahren hat sich diese choreografische Liaison intensiviert.
Fordlandia steht schon länger auf der To-do-Liste der beiden ehemaligen Tänzer. Sie hatten die Idee, den Pioniergeist von Henry Ford in ihrer tänzerischen Sprache auf die Bühne zu bringen.
Geisterstadt statt Musterstadt
Der US-amerikanische Autokönig konnte für seine Automobile in Detroit alle Materialien selbst produzieren – ausser Gummi. Deshalb stampfte er vor rund einhundert Jahren mitten im Dschungel eine Kautschukplantage samt Arbeitersiedlung aus dem Boden.
In «Fordlandia» wollte er den Brasilianer:innen die amerikanische Kleinstadt-Idylle näherbringen. Rauchen, Alkohol und Bordelle waren verboten. Die Vision endete in einem Fiasko. Die Umerziehungsversuche des Autobauers führten zum Aufstand. Aus der Musterstadt wurde eine Geisterstadt. Die Werkhallen wurden 1945 aufgegeben, seither verfallen sie.
Der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson widmete dem Zeitzeugnis menschlichen Scheiterns 2008 das Opus Fordlandia. Der 2018 verstorbene Musiker schaffte es, klassische Musik, alles andere als klassisch klingen zu lassen. Es war das zweite Werk seiner Trilogie Mythos-Mensch-Maschine. Fordlandia projiziert den Hörer:innen phantastische Bilder in den Kopf.
Fordlandia ist bis am 5. Juni am Theater St.Gallen zu sehen.
konzertundtheater.ch
Vom kühlen Norden …
Auch das Premierenpublikum begibt sich mit der St.Galler Tanzkompagnie auf eine abenteuerliche Reise. Im ersten Teil geht es in den kühlen Norden. Die Bühne wird einzig durch ein mit einer Rettungsdecke überspanntes Seil unterteilt. Die 16 Tänzer:innen schlüpfen nach und nach aus dem silbernen Zelt. In ihren eisblauen Overalls gleiten und springen sie wie spielende Delfine über das Tanzparkett, das mitunter wie ein zugefrorener See wirkt.
Pedersen und Cobos nutzen die Geschichte von «Fordlandia» als Schablone für die Suche nach der Utopie. «In jeder Utopie steckt Bewegung – und zwar in eine Richtung, die vorwärts geht», heisst es im Programmheft. «Ich fing an zu tanzen, weil ich nicht sprechen konnte», sagt Adamantia Papakyriaki unter anderem über ihren «First Dance».
Auch Beschreibungen der Strapazen bei den knallharten Auditions und die überspannten Erwartungen der Eltern bekommen viel Raum. Swane Küppers Interview mit zwei zufällig gewählten Personen im Publikum wirkt etwas langfädig. Die Stimmen kommen aus dem Off, eingesprochen von Schauspieler:innen. Vielleicht ein Einfall zu viel im Gemeinschaftswerk, dem der roten Faden etwas abhanden kommt.
… in den heissen Süden
In Fordlandia kommt die ganze Bühnenwelt zusammen: Die Kompagnie agiert als Bühnenarbeiter:innen, Ballett-Repetitor:innen oder Regiseur:innen. Emma Thesin schlüpft in die Rolle der Choreografin und gibt den Tänzer:innen Anweisungen. Nicht nur in Arvo Pärts Stück Spiegel im Spiegel entsteht ein Dialog, auch die Tänzer:innen treffen im Spiegel-Karussell aufeinander. Plexiglas Elemente werden geschickt wie Puzzleteile eingesetzt, die sich Stück für Stück aneinanderreihen.
Im zweiten Teil werden die Farben wärmer, die Kostüme bunter, die Tanzeinlagen inniger und die Sprünge kraftvoller. Man wähnt sich in einem Film von Pedro Almodóvar und glaubt, die Herzen der Tänzer:innen pochen zu hören und ihren Schweiss riechen zu können. Besonders intensiv ist das Duett von Emma Thesing und Luis Martinez Gea.
Spiel mit Licht, Ton und Emotionen
Bühne (Tina Tzoka), Licht (Lukas Marian) und Ton (Nicolai Gütter-Graf) reizen die Möglichkeiten des frisch renovierten Theaters aus. Es wird mit der grossen Technikkelle angerichtet. Die 40 neuen Mikrofone geben den Klang im ganzen Raum wieder. Das neue Soundsystem hilft auch den Tänzer:innen, die immer wieder im Orchestergraben verschwinden, sich klanglich zurecht zu finden. Für den riesigen Vorhang wurde über 7 Kilometer Seil verarbeitet.
Das Spiel mit Spiegelungen, Reflexen und Materialien wird auf die Spitze getrieben: Désirée Müller und Florentino Mori (Kostüme) haben fürs Finale ein mysteriöses Spiegelwesen (Baptiste Berrin) erschaffen, dass einem zuzurufen scheint: «Das ist der Moment, in dem alle Teile zusammenkommen und etwas Neues entsteht.»
Das preisgekrönte Kult-Musical «Rent» von Jonathan Larson verpackt sozialkritische Themen in drei Liebesgeschichten und eine rockige Show. Am Samstag feierte die Inszenierung von Regisseur Matthew Wild mit einem überzeugenden Cast Premiere am Theater St.Gallen.
Die St.Galler Tanzkompagnie folgt dem Leitmotiv «Identitäten» und bringt in dieser Spielzeit Künstler:innen mit ganz unterschiedlichen Handschriften in die Ostschweiz. Den Anfang macht der Doppelabend Inger/Shechter in der Lokremise. Zwei Stücke von international gefeierten Star-Choreografen, die das Publikum atemlos zurücklassen.
Wie klingt eine Gesellschaft? Wie sieht es aus, wenn Menschen versuchen, zusammenzuleben? Solche und andere ethische Fragen stellt das neue Tanzstück «Matthäus 22:37-39» in der St.Galler Lokremise. Der norwegische Choreograf Jo Strømgren schickt dabei eine Klostergemeinschaft auf einen Spielplatz voller Symbolik.
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
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