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Gemeinsam über Zäune klettern

Mehr sexy, weniger prekär: Das wünscht sich die Kinder- und Jugendtheater-Szene. Im Rahmen des St.Galler Theaterfestivals Jungspund trafen an einem Symposium Visionen auf die Realität. Viviane Sonderegger über Debatten und den Einbruch der Politik in das Theater.
Von  Gastbeitrag
Das «Loichtgehoier» der Festival-Ausgabe 2022 vor der St.Galler Lokremise. (Bilder: Tine Edel)

Ein Theater für alle schaffen – oder das Label Kinder- und Jugendtheater abschaffen? Warum fehlen noch immer Räume in der CH-Szene, obwohl sie in den letzten Jahren wieder neuen Aufschwung erlebt? Und wie kommt es, dass in der Schweiz, einer der herausragenden Kinder- und Jugendtheaterlandschaften in Europa, Geld und Kunst noch immer gegensätzliche Begriffe zu sein scheinen, die erst einmal geklärt werden müssen?

Neben vielen Fragen gab es am Symposium im Rahmen des St.Galler Jungspund-Festivals auch Antworten. So sind immerhin die Adressaten klar: Kinder und Jugendliche, beziehungsweise letztlich alle, die sich noch jung fühlen. Und ob Marionettentheater, romantisches Ballett oder doch das Weihnachtsmärchen: Theater von oder für die jüngste Generation hat eine lange Tradition. Die Probleme waren jedoch schon immer generationenübergreifend. Für Bühnenmagie braucht es eben viel Vorarbeit. Dies hat die Praxis ebenso im Blickpunkt wie die Wissenschaft.

Kindertheater und Kulturpolitik

Am Symposium, organisiert von der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur und vom Institut für Theaterwissenschaft der Uni Bern, ging es mehrheitlich um existenzielle Fragen, mal lustvoll, mal spielerisch, mal pädagogisch sinnvoll, mal didaktisch so lala. Eine Erkenntnis lautete: Theaterästhetiken für ein junges Publikum sollen nicht abschreckend sein, vielmehr infektiös. Ein eigentlich alt-theaterfeindlicher Vorwurf, der sich aus Quellen des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ermitteln lässt: Theater sei infektiös, in dem es die Sinnlichkeit bei Kindern viel zu früh wecke. Dies treibe sie direkt in die Prostitution…

Dieses starke Wirkungspotential der Ansteckung wird gegenwärtig von Theaterschaffenden verfolgt, natürlich aber mit einer anderen Absicht. Schliesslich sollen die kleinen Racker auch noch nach der Pubertät gerne Theater besuchen.

Diskussionsrunde am Jungspund-Festival.

Es gilt also: fördern, was gefragt ist. Ernst wurde es nur, wenn sich die Erwachsenen auch einmal so direkt positionierten, wie es Kinder eben auch tun. Stichwort Kulturpolitik: Für Ronja Rinderknecht, Produktionsleiterin des Vorstadttheaters Basel, zählen besonders Reputation und gesellschaftliche Anerkennung zu den zwei besonders grossen Herausforderungen für das Kinder- und Jugendtheater heutzutage. Dies habe wiederum Einfluss auf die Unterstützung durch das Erziehungsdepartement.

St. Gallen sei diesbezüglich aber ein dankbarer Fleck. Logisch: Immerhin wurde hier 1903 das erste Marionettentheater der Schweiz gegründet.

Rollator neben Rollschuhen

Der Blick in die theatergeschichtliche Vergangenheit durch die Berner Professorin Beate Hochholdiner-Reiterer liess erkennen, dass separiertes Theaterpublikum nicht immer Realität war. Geforscht wird darüber noch nicht lange, aber das ändert jetzt: Die Uni Bern etabliert einen Forschungsschwerpunkt für Kinder- und Jugendtheater.

Erstaunt hat, dass Stoffe und Sujets von zeitgenössischen Theaterschaffenden anders angedacht werden, wenn sie die ganze Familie ansprechen sollen. Vielleicht liegt’s am Kunstanspruch für grössere Diversität, vielleicht am Vermittlungsgedanken durch eine andere Erzählweise, vielleicht am Anspruch, «weniger geschwollen» zu spielen. Aber mal nix zu verstehen, müsse nicht unbedingt ein Problem sein; umso mehr bleibe Platz für Fantasie und Imagination für jung und alt.

Frauke Jacoby und die Puppen in Romeo und Julia am St.Galler Figurentheater. (Bild: Regina Jäger)

Rollator neben Rollschuhen: Das birgt Potential, welches noch unterschätzt wird, hiess es am Symposium. Denn dass Eltern ihre Kinder am Eingang abgeben, ist nicht der Sinn. Leider sei Puppenspiel noch immer vorurteilsbehaftet, meinte Frauke Jacobi, die Leiterin des Figurentheaters St. Gallen, im Künstler:innengespräch mit Björn Reifler. Dass Figuren keine Gage brauchen, wäre schliesslich sogar förderungstechnisch reizvoll. Über diese Altersschranke müsste also einfach mal geklettert werden. Vielleicht kann der geplante St.Galler «Figurenrat» dazu beitragen.

Das beste Publikum der Welt

Absurde Konzepte funktionieren durchaus. Nach der Etablierung der Freien Theaterszene in den späten 60er-Jahren wurde auf dem Gebiet schon viel geackert. Das «Theater Spilkischte» gehörte zu den Pionieren und zeigt es uns exemplarisch.

Doch nicht nur Theaterformen sollen noch immer diverser werden, sondern auch das Publikum. Um Zugänge zu schaffen gibt es also viele Chancen, Kindheitsvorstellungen, im zweideutigen Sinne, durch Assoziationen zu wecken oder umgekehrt. Ob da Altersbegrenzung überhaupt Sinn mache, ist fraglich. Dennoch auf der Welle des Publikums zu reiten, das sei mit und durch Kinder und Jugendliche ein unglaubliches Erlebnis: Dieser Funke, der springt, so unmittelbar!

All das erfuhr man in lebhaften Praxisberichten einer bunten Frauenrunde, bestehend aus der Mitbegründerin des heutigen Vorstadttheaters Basel, der Produktionsleiterin desselben Hauses und der Leiterin des Theaterfestivals Jungspund. Wann und wo Amors Pfeil die drei Frauen am Theater traf, unterscheidet sich. Während bei Ruth Oswalt der gute alte Stellenanzeiger half, wuchs Ronja Rinderknecht einfach damit auf, und bei Gabi Bernetta begann alles im Stadttheater.

Theater als Stadt-Rundgang: Matthias Grupp unterwegs mit den Märchen von Michael Köhlmeier, dem Festival-Gastspiel des Vorstadttheaters Basel.

So hat jede ihre eigene Geschichte, die sie ewig mit dem Theater verbinden wird. Und oftmals noch die gleichen Herausforderungen, bloss kamen neue dazu. Wenigstens gehen Schulen heute ins Theater. Das sei früher nicht so gewesen, erinnert sich Ruth Oswalt. Viel davon, was man sich indes vor der Pandemie erarbeitete, wird jetzt auf die harte Probe gestellt. Die Devise «Weg-von-klassisch-strengen-Formen» ist nichts Neues mehr. Mobile Stücke oder outdoor-kompatible Inszenierungen könnten unter anderem zurück zur Normalität führen und junges Publikum von Netflix wegholen.

Produktives Scheitern im Kollektiv

Es funktioniert immer wieder nicht: Diese Erkenntnis gewann man aus den Ideenwerkstätten am Nachmittag des Symposiums – die eine über Kunst, die andere über Geld. Erstere, von Gabi Mojzes moderiert, bestritten die Choreografin und Tänzerin Tina Beyeler, Charlotte Huldi, künstlerische Leiterin von «La Grenouille», Frauke Jacobi und Laura Leupi vom Kollektiv Tempofoif.

Leupi, die jüngste in der Runde, hat sich für junges Publikum in Projekten und an Theaterfestivals bereits so stark eingesetzt, um genau zu wissen, was es bräuchte: neue Räume, besonders für Nachwuchsdarstellende. Dort soll es zweite Chancen geben, wenn der erste Versuch in die Hosen ging. Räume, in denen Kinder ihre eigenen Geschichten zeigen und reflektieren könnten, steckten noch in Kinderschuhen. Man stosse immer noch auf Grenzzäune, es öffne sich aber auch schon viel.

Um Theater neu zu formen, brauche es ein gewisses Mass an Vertrauen, dass auch genug Kind in einem ist, um junges Publikum abzuholen, insistiert Tina Beyeler. Die Basis einer Produktion seien der Dialog und das Nachdenken im Kollektiv. Viel Integration, viel Demokratie.

Für Werkstatt-Arbeit fehlt das Geld

Neue Vermittlungsstrukturen und Zusammenarbeit zwischen Theatergruppen, Schulen, Förderinstitutionen, Kulturkommissionen, der Theaterpädagogik und der Wissenschaft: Auf der anderen Seite des Röstigrabens ist vieles schon selbstverständlich. Die Romandie ist ein starker Protagonist innerhalb der Kinder- und Jugendtheaterszene. Bei zig unterschiedlichen Systemen quer durch 26 Kantone fällt auf: Noch immer ist Theater so einsprachig.

Mit nun auch Männern in der Runde ging es bei der zweiten Ideenwerkstatt ums Budget: Mathias Bremgartner von Migros Kulturprozent und Matthias Grupp, Co-Leiter des Vorstadttheaters Basel, leuchteten Erfahrungen beider Seiten aus und stellten fest, wie unsexy sich Produktions- und Förderungsprozesse in der Schweiz noch gegenseitig ausspielen. Es herrsche ein grosser Mangel an Werkstatt- und Entwicklungsbeiträgen ausgerechnet in einem Bereich, wo der Grundstein für diverses Publikum gelegt werden kann.

Esther Hungerbühler, Theaterpädagogin aus der freien Szene Schweiz, erlebte zwar nicht ganz so starke Geringschätzung gegenüber dem jungen Theater, dennoch ist sie mit prekären Unterstützungsverhältnissen vertraut. Auch die Figurenspielerin Priska Praxmarer konnte ein Lied davon singen, welch hohen Preis sie für ihre Tätigkeit zahlt.

Eveline Ratering balancierte die Runde geschickt durch den «Schmuddelecken»-Parcours, doch am Ende war ein bisschen Chaos unvermeidbar. Abdriften, von einem Thema zum anderen, Never-Ending-Visionen, jetzt auch über Zäune hinaus, all das passiert, wenn viele viel zu sagen haben. Ein wichtiges Fazit war: Theaterpädagogik ist ein fester Bestandteil künstlerischer Prozesse. Und es braucht mehr Dialog, um Transparenz und Sensibilisierung für die einzelnen Berufsfelder zu schaffen.

Körperliche Botschafter:innen gesucht!

Zum Glück liebt die Wissenschaft Chaos. Oder doch eher die Praxis? Wenn Quellenmaterial nur mangelhaft existiert, wie es beim Kinder- und Jugendtheater der Fall ist, muss in den Archivregalen erst noch gestöbert werden, wie es Frauke Jacobi in der aktuellen Produktion Romeo und Julia am St.Galler Figurentheater vorspielt. Die am Symposium anwesenden Studierenden der Theaterwissenschaft an der Universität Bern können sich in diesem Feld also zur Genüge austoben.

Letztendlich sei der ganze Diskurs dann aber doch etwas städtisch, wurde kritisiert. Die Integration von Schulklassen vom Lande sei gerade so wichtig, denn: Schulklassen sind mega attraktiv, weil divers. Politisches Statement: Der Ort muss cool sein. Eine Instagram-Story oder ein monatlicher Newsletter reichen für eine langfristige Mobilisierung nicht mehr. Gesucht werden «körperliche Botschafter:innen», die Kinder und Jugendliche für die Theaterbühne begeistern.

Zum Schluss etwas zu bestialisch, sogar für Erwachsene

Für die rauchenden Köpfe hätte das Live-Theater am Ende des langen Symposiums-Tags ein Spiegel dessen sein können, was tagsüber debattiert wurde. Jedoch mit beklemmendem Ende. Das Bieler Theater La Grenouille zeigte in der Regie von Julien Schmutz den preisgekrönten Theatertext Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute. Altersbegrenzung: ab 10 Jahren.

Szene aus dem Stück des Theaters La Grenouille. (Bild: Guy Perrenoud)

Schnell stellt sich heraus, dass die gestreiften Wesen am anderen Ende des Zauns keine Zebras sind. Die «Gestiefelten» schossen also nicht auf ausgebüxte Vierbeiner. Anspielungen und Metaphern erinnern an den Zweiten Weltkrieg, und die Zootiere befanden sich zwischen den Fronten. Ein Happy End war’s nur teils. Durch die Inszenierung wurde umso deutlicher sichtbar, wie kritisch das Konzept «Theater für alle» sein kann.

Fesselnd war’s auf jeden Fall. Witzig? Nur am Anfang. Berührend? Durch Mark und Bein. Dass die Bomben am Ende des Stücks über den Zoo fielen, war für viele im Publikum ein zu grosser Schlag. Die Geräuschkulisse und der Handlungsstrang wurden ohne Vorwarnung und unangepasst an die Gegenwart vorgespielt. Der Angriff auf die Ukraine am gleichen Tag überdeckte die vielleicht intendierte Wirkung und Starkmachung des Stücks für Unrecht und Zivilcourage. Für viele im Publikum war es ein gutes Stück, doch gerade einfach zum falschen Zeitpunkt.

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

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Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

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Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

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Bachtage ki und musik 1

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Arthur Stobete nah