Wir sassen auf dem Balkon. Ich und meine beste Freundin, wir waren 17 und wir sprachen über Dinge, über die man nur auf einem Balkon sprechen kann. Aus dem grossen weissen Windows-98-Computer in der Wohnung brüllte Bon Jovi. Und wir hatten Kirschen. Was kann besser sein als Kirschen im Sommer?
Wir sprachen leise, während alle Rock-Hits von der CD im Winamp abgespielt wurden (weiss noch jemand, was das ist?).
Diese Mädchengespräche fanden am Vorabend meines Geburtstags statt. Wir scherzten, dass mein Geburtstag wie ein Festival sei, das einen Monat lang gefeiert wird, bis ich alle Freunde getroffen habe. Und wir trafen uns absichtlich nacheinander: Für ein Picknick, für Kuchen, weil es eben einen Anlass gab. Was für eine geile Tradition das war!
Nun wurde ich 35, ganz allein. Ich kannte kaum jemanden in St. Gallen und es war richtig mies, zu dieser Zeit in einer völlig fremden Umgebung allein zu sein, während alle meine Freunde und Verwandten über die ganze Welt verstreut sind.
Dann erfuhr ich, dass es in der Schweiz allgemein nicht üblich ist, den Geburtstag gross zu feiern. Es gibt spezielle Angebote, um etwas zu unternehmen, man kann sich einen Tag freinehmen, aber es ist nicht wirklich etwas Besonderes. Aber wisst ihr, ich habe gesehen, wie die Augen meiner Schweizer Freund:innen aufleuchteten, als ich mal zu ihrer Geburtstagsfeier Schokolade mitbrachte. Und wie man sich über eine einfache selbst gemalte Karte freute. Es geht um die Wärme.
Seit dem Krieg habe ich so traurige Zeiten durchgemacht wie nie zuvor. Daher habe ich mir dieses Jahr vorgenommen zu feiern. Ich wollte meinen schönsten Mantel anziehen und alles tun, was ich mag. Denn so klingt das Leben. It’s now or never.
Das Leben, das alles überwindet – Schmerz, Verzweiflung, Verluste. Den Berg bezwingt der Gehende. In diesem Jahr hat sich mir etwas Metaphysisches eröffnet: Zum ersten Mal habe ich buchstäblich gespürt, dass sich Menschen freuen, dass es mich gibt. So viele Menschen haben geschrieben, gratuliert, angerufen, von überall her. So einfach es auch scheinen mag, mir wurde klar: Es ist nicht alles umsonst gewesen. Das zählt.
… Dieses Jahr feiert auch Saiten seinen 30. Geburtstag. Ich freue mich, dass ich das Glück habe, Teil von etwas Grossem, richtig Coolem zu sein. Teil einer ganzen Gemeinschaft, einer so kreativen, intellektuellen und freundlichen, die eine so wichtige Arbeit für Jahre und kommende Generationen leistet. Seitdem ich hier schreibe, habe ich tolles Feedback von so vielen verschiedenen Menschen zu diesem Magazin bekommen. Lehrer:innen, Musiker:innen, Student:innen, Ärzt:innen – alle sind so ehrlich begeistert von dem, was das Team des Magazins seit über drei Jahrzehnten leistet. Wie schön, dass es so etwas in St. Gallen gibt.
Lasst uns gemeinsam feiern. Alles Gute zum Geburtstag, Saiten – und alles Gute zum Geburtstag mir! 🙂
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Wie es sich anfühlt, nach der Flucht endlich ein neues, eigenes Zuhause beziehen zu können und was das mit dem Film «Die Verurteilten» zu tun hat, schreibt Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv im Sommerheft.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus