Wie es sich anfühlt, nach der Flucht endlich ein neues, eigenes Zuhause beziehen zu können und was das mit dem Film «Die Verurteilten» zu tun hat, schreibt Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv im Sommerheft.
Habt ihr jemals darüber nachgedacht, wie es ist, sein Zuhause zu verlieren? Ich meine nicht einfach irgendwohin umzuziehen, in einer anderen Stadt zu arbeiten oder wegen einer Scheidung das Eigentum zu teilen, sondern eines Tages auf den Kühlschrank, auf den lila Wäschekorb zu schauen und in der Nacht ins Unbekannte aufbrechen zu müssen. Mit einem Rucksack, der zehn Jahre Wanderungen über- standen hat, und einem kleinen Handgepäckkoffer für sieben Kilo, falls man fliegen muss. Weil das der Lieblingskoffer ist.
Einfach weil jemand beschlossen hat, Raketen auf den Flughafen, in dessen Nähe du wohnst, abzufeuern. Und du wolltest so sehr in der Nähe des Flughafens wohnen um bequem reisen zu können. Und in der Nähe der Eisenbahn. Genau dieses Gebiet, das nun terroristisch bedroht wird.
… Zwei Jahre sind seither vergangen. Ich sitze in der Migros und schaue in den Regen. Er fällt, wie er in St. Gallen immer fällt. Ich halte einen kleinen Schlüssel in der Hand. Ich drücke ihn so fest, dass ich denke, ich würde nachts damit schlafen. Ich feiere: Vor mir auf dem Tisch steht ein Kaffee zum Aktionspreis von 5 Franken 45 mit zwei kleinen Törtchen. Ich schreibe ein paar lieben Menschen – ich habe jetzt einen Ort zum Leben!
Bis zu dem Zeitpunkt gab es alles Mögliche an Unterkünften. Auch das Leben mit einer Familie an einem ruhigen und blühenden Ort. So wunderbar dieses Haus auch war, es fühlte sich nicht an wie «mein Zuhause». Es war ein Experiment, das diese Familie und ich grossartig durchführten und für das ich immer dankbar sein werde. Wie Schulferien. Es gab auch eine schwierige Phase in einer Sozialwohnung. Dort habe ich ständig gelernt. Es war wirklich, als wäre ich 20 Jahre zurückversetzt worden. Und ich suchte weiter.
In jener Nacht, als ich mein Zuhause zum letzten Mal sah, das nun nicht mehr sicher war, konnte ich mir nicht vorstellen, was Krieg heisst. Und dass es weder wegen einer Reise noch einer Konferenz noch eines Urlaubs sein würde, dass ich meine Wohnung verliesse. Ich wollte einfach nur schlafen. Ich habe fast zwei Monate nicht geschlafen. Und die fast zwei Jahre danach auch kaum.
Ja, ich hatte einen Schlafplatz, aber kein Zuhause. Diesen Ort, an dem ich meinen Schlafanzug anziehe und meinen Lieblingstee trinke. Ich vermisste das so sehr, und immer dachte ich, es sei selbstverständlich.
… Und da stehe ich nun an der Haltestelle, und ein Mädchen aus einer Student:innen-WG übergibt mir ihr Zimmer, wir haben gerade ihre Sachen nach unten zum Bus gebracht. Das ist jetzt deins, sagt sie. Wir umarmen uns, und ich schaue auf das Haus, vor dem Rosen wachsen. Es regnet, und ich fühle mich wie Tim Robbins in Die Verurteilten, als er den Tunnel in die Freiheit gegraben hat.
Ich bin nicht mehr die Schnecke mit dem Haus auf dem Rücken.
Die alte Haustür quietscht, und ich liebe diese Tür bereits jetzt. Drinnen riecht es unglaublich gemütlich. Die Lampe und der Wasserhahn funktionieren nicht, aber es scheint, als hätte ich die beste Aussicht der Welt aus dem Fenster. Das ist mein Bett, sage ich zu mir, und ich hätte nie gedacht, dass man weinen kann, weil der Boden in deinem Zimmer so schön ist. Wenn man das wiederfindet, was man verloren hat, fühlt man sich wieder lebendig.
P.S. Mit Stand 1. Juni 2024 steht der Film Die Verurteilten auf Platz eins der IMDb-Liste der 250 besten Filme.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Wie es sich anfühlt, nach der Flucht endlich ein neues, eigenes Zuhause beziehen zu können und was das mit dem Film «Die Verurteilten» zu tun hat, schreibt Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv im Sommerheft.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.