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«Ich sitze auf dem Zaun»

Gabrielle Alioth lebt seit 40 Jahren in Irland. Räumliche und zeitliche Distanz haben es ihr erlaubt, ihre eigene Schaffhauser Familiengeschichte im Roman Die Überlebenden aufzuarbeiten. Katharina Brenner hat mit der Autorin gesprochen.
Von  Gastbeitrag

Am Anfang steht August Stutz (1880 – 1969). Autorin Gabrielle Alioth nennt ihn den «familiären Urknall». Sie erzählt in ihrem neuen Buch Die Überlebenden die Geschichte einer Schaffhauser Familie im 20. Jahrhundert, die Geschichte ihrer Familie. Aus Personen sind dabei Figuren geworden. Aus historischen Ereignissen, Briefen, Erinnerungen und Erfundenem ein Roman. Alioth, die dem Ostschweizer Publikum durch ihr letztes Buch über Gallus bekannt sein dürfte, sagt im Gespräch, sie wisse teils selbst nicht mehr, wie viel Familiengeschichte und wie viel Erdichtetes in dem Buch stecke.

Gabrielle Alioth: Die Überlebenden. Lenos Verlag Basel 2021, Fr. 32.-

Die eine Wahrheit, die gibt es nicht. Dass sie Fehler gemacht haben, dass sie sich auf die eine und andere Weise schuldig gemacht haben, das müssen sich aber alle drei Figuren eingestehen, die im Zentrum dieses Romans stehen. Mina, Max und Vera. Wie schon in früheren Büchern erzählt Alioth in Die Überlebenden auf mehreren Ebenen. Sie nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in verschiedene Köpfe, Generationen und Jahrzehnte, in die Backstube und den Vietnamkrieg. Verbindende Elemente dieser Familiengeschichte sind Schweigen, Missbrauch und Unterdrückung. Insbesondere bei Mina, Jahrgang 1906, ist es ihre untergeordnete Rolle als Frau.

Saiten hat mit Gabrielle Alioth über das Exemplarische ihres Buches, das Schreiben und ihren Blick auf die Schweiz gesprochen. Die Autorin lebt seit 1984 in Irland. Eigentlich sitzt sie aber auf einem Zaun. Ein idealer Zustand, wie sie findet.

 

Saiten: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten ihr ganzes Leben darauf gewartet, dieses Buch zu schreiben. Warum gerade jetzt?

Gabrielle Alioth: Ich war irgendwie reif dafür. Es ist sehr lange her, dass ich diese Briefe meiner Tante bekommen habe. Das reicht 30 Jahre zurück. Ich dachte schon damals, das ist ein interessanter Stoff, etwas, worüber ich gerne schreiben würde. Ich habe es dann aber nicht gemacht, weil ich zu nahe dran war. Meine Eltern haben noch gelebt, und es waren noch zu viele betroffen davon. Dann kam diese Maxgeschichte dazu. Die Begegnung mit ihm war ums Jahr 2000. Ich dachte, auch da würde ich gerne mal was drüber machen. Aber erst als ich vor fünf, sechs Jahren begriffen habe, wie all diese Geschichten zusammenhängen, habe ich ernsthaft begonnen, sie aufzuschreiben.

Diese Geschichten handeln von Missbrauch, Unterdrückung und patriarchalen Strukturen. Wie schwer fiel es Ihnen, die Familiengeschichte so schonungslos aufzuschreiben?

Es war eine gewisse Katharsis. Durch die Distanz wurde es leichter, ganz klar. Zeitlich, aber auch geografisch. Ich lebe ja nicht mehr in der Schweiz seit vielen Jahren. Man braucht Distanz zum Thema, über das man schreibt, um den Kontext zu sehen. Das ist ein normaler Prozess beim Schreiben. Ausschlaggebender Punkt war, zu sehen, dass die Geschichten alle auf den Grossvater zurückführen, der wie ein familiärer Urknall am Anfang steht. Ich hatte das Bild vor mir: diese Gewalt, die wie ein Stein ins Wasser fällt und Kreise zieht. Die Kreise werden immer grösser. Sie werden auch schwächer, aber sie hören nicht auf. Grossvater war nicht zufällig so, wie er war. Man hätte das auch psychologisieren können, aber das habe ich ganz spezifisch nicht gemacht.

Warum nicht?  

Diese Gewalt ist wie eine Naturkatastrophe, wenn sie den Betroffenen geschieht. Sie bricht über sie herein, sie sind Kinder oder junge Leute. Es nützt ihnen nichts, das zu psychologisieren, warum ein Mensch so handelt. Mich hat interessiert, wie verschiedene Generationen damit umgehen. Wir wissen ja, dass es keine Wahrheit gibt. Ich denke, es gibt auch keine Wirklichkeit, die wir wirklich mit einem anderen Menschen teilen. Unsere Wirklichkeit ist immer von dem geformt, was wir selber sind.

In Die Überlebenden ist eines der deutlichsten Bilder, das Vera von ihrer Kindheit hat, eines von einem Fliegeralarm, obwohl sie erst zehn Jahre nach dem Krieg geboren wurde. So wie Sie. Haben Sie ähnliche Erinnerungen?

Das ist meine Erinnerung. Ich habe Vera unterfüttert mit meinen Erinnerungen. Sie ist mir sehr nahe in vielerlei Hinsicht. Das ist eine importierte, geliehene Erinnerung, die ich so oft in meinem Kopf durchgespielt habe, dass ich das Gefühl habe, ich bin tatsächlich dort gestanden. Ich habe ganz lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass es gar nicht möglich war. Das war für mich ein klassisches Bild, um auch zu zeigen, wie fragil eigentlich diese vergangene Wirklichkeit ist und wie sehr sie davon abhängt, wie wir sie weitererzählen.

Ob die Erinnerungen stimmen, spielt gar nicht die zentrale Rolle. Wie sie uns prägen, zählt.

Genau. Letztlich ist wichtig, was diese Erfahrung in uns zurücklässt. Und damit müssen wir leben.

Wie viel Ihrer eigenen Familiengeschichte steckt noch in dem Roman, wie viel ist erdichtet?

Das ist schwierig zu beantworten, weil ich es teils selbst nicht mehr weiss. Ich habe ja doch fünf Jahre lang an diesem Buch gearbeitet. Natürlich war das Ausgangsmaterial gegeben. Die Briefe existieren. Die Personen gab es auch, aber im Prozess des Schreibens werden aus Personen Figuren. Aus Ereignissen wird eine Geschichte. Was nun wirklich war und was erfunden ist, das fliesst alles ineinander ein. Es geht ja auch um Familienfolklore.

Gab es innerhalb Ihrer Familie Vorbehalte, dass Sie dieses Buch schreiben?

Inzwischen sind viele Leute gestorben, die in dem Buch vorkommen. Ich habe zwei ältere Schwestern. Denen habe ich das Buch gezeigt. Die eine hat dann auch gewisse Änderungen vorgenommen. Sie ist ohnehin eine meiner Erstleserinnen. Bisher habe ich keine wirklich negativen Reaktionen gehabt. Aber ich habe auch nicht gefragt. Man sagt das einander nicht unbedingt. So funktionieren nun mal auch Schweizer Familien. Man macht dann gute Miene zum bösen Spiel.

Auch wenn es um Ihre Familiengeschichte geht – erzählen Sie mit Die Überlebenden auch exemplarisch die Geschichte einer Schweizer Familie?

Die Geschichte ist nicht einzigartig in der Schweiz. Dass Gewalt in Familien besteht, ist überall in der Welt möglich und denkbar. Aber wie man damit umgeht, vor allem die Strategie der Mina, dieses Sich-Anpassen und Sich-Unterwerfen, das Schweigen, das scheint mir aus der Distanz von 40 Jahren, in denen ich nicht mehr in der Schweiz lebe, etwas sehr Schweizerisches zu sein. Dass man nicht über Dinge spricht. Dass wir Schweizerinnen und Schweizer alles daran setzen, ein sehr harmonisches Familienleben zu präsentieren.

Sie leben seit vielen Jahren in Irland. Was wären die Themen einer irischen Familiengeschichte?

Ich denke, in einer irischen Familie wären die Konflikte stärker ausgetragen und weniger unter den Tisch gewischt worden. In Irland sind Familienstrukturen immer noch sehr viel stärker als in der Schweiz. Es wird sehr viel Rücksicht genommen auf Familie. Die hat eine höhere Wichtigkeit auch in der Identifikation, woher man kommt. Dadurch hat eine gewalttätige Geschichte auch einen stärkeren Nachhall in einer irischen Familie.

Fühlen Sie sich nach all den Jahren als Gast oder zuhause, wenn Sie in die Schweiz zurückkehren?

Ich bin an beiden Orten ein Gast. Es gibt im Englischen den schönen Ausdruck, «sitting on a fence». Ich glaube, das ist das, was ich mache. Ich sitze auf dem Zaun. Und da gibt es ein Feld auf der einen Seite und eines auf der anderen. Als Schriftstellerin ist es ein idealer Zustand, auf einem Zaun zu sitzen, denn Sie sind nicht involviert. Sie können zuschauen, Sie können beide Seiten beobachten. Ich bin nicht Irin geworden, weil ich jetzt 40 Jahre dort lebe, aber ich bin auch nicht mehr Schweizerin, weil ich seit 40 Jahren weg bin. Dieses Hin und Her, das liegt mir.

Gerade sind Sie auf Lesereise in der Schweiz, Sie geben auch Schullesungen. Für heutige Schülerinnen und Schüler liegt der Zweite Weltkrieg sehr weit zurück. Wie reagieren sie auf Ihr Buch?

Sehr unterschiedlich. Es kommt sehr darauf an, welche Klasse das ist. Was ich festgestellt habe: Es gibt ein Interesse am Zweiten Weltkrieg. Manchmal auch, weil das doch noch in der Familie diskutiert wird, oder weil es in der Schule als cool hingestellt wurde, sich damit zu befassen. Vor allem interessiert die jüngere Zeit, die ganze Maxgeschichte. Der kommt sehr gut an. Aus klaren Gründen.

Weil er ausbricht? 

Eine junge Generation kann sich rasch mit ihm identifizieren. Er ist mit 15 abgehauen, durchgebrannt, das macht Eindruck. Es ist verständlich, dass das jemanden anspricht, der sich nicht so für Literatur interessiert. Das ist einfach eine gute Geschichte.

Wissen Sie bereits, worüber Sie als nächstes schreiben?

Woran ich jetzt arbeite, ist ein Sprung für mich. Das Buch wird in der Zukunft spielen.

Können Sie schon Näheres verraten?

Das kann ich. Aber Sie dürfen mich nicht darauf behaften. Ich bin eine sehr chaotische Schreiberin. Und ich weiss nicht, wie’s ausgeht. Was mich im Moment interessiert, sind Inseln. Ich lebe schon sehr lange auf einer Insel. Ich möchte über Inseln schreiben und überlegen, wie eine Insel vielleicht in 50 Jahren aussehen könnte. Also nicht in einer sehr fernen Zukunft. Und es wird mehr als andere Bücher ein Buch sein darüber, wie man ein Buch schreibt. Das ist ein Grundthema: Wie konstruiert man eine Geschichte und welche Perspektive braucht es? Und wie bauen wir aus unseren Erlebnissen und unserem Gefühl etwas, das eine Geschichte ist?

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman Der Narr. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland.

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