Emma Kunz, die sich den Künstlerinnennamen «Penta» (griechisch für die Zahl fünf) zugelegt hatte, lebte in ihren zwölf letzten Lebensjahren in Waldstatt; am Fusse des Säntis, den sie als heiligen Berg betrachtete. Schon früh interessierte sie sich für Telepathie, Prophetie und Radiästhesie. Mit dem Pendel untersuchte sie die Kraftströme der Erde und endeckte in der Folge im Würenloser Gestein eine aus ihrer Sicht heilende Erde, der sie den Namen «AION A» gab.
Inzwischen ist die Emma-Kunz-Grotte im Römersteinbruch von Würenlos zu einem viel besuchten sogenannten Kraftort geworden. In Waldstatt konnte die zurückhaltende Heilpraktikerin aufgrund der geltenden Gesetze ungestört arbeiten. Sie glaubte nicht an Wunder, sondern an die Selbstheilungskräfte der Menschen. Der Waldstatter Emma-Kunz-Pfad dokumentiert ihr Leben und Wirken mit Schautafeln.
Richtkräfte des 21. Jahrunderts
Ihr künstlerisches Schaffen begann die 1892 im aargauischen Brittnau geborene und unverheiratet gebliebene Emma Kunz erst spät, im Alter von 46 Jahren. Mit Hilfe eines Pendels gestaltete sie, immer vom Zentrum ausgehend, auf Millimeterpapierbögen grossformatige Bilder, die sie auch therapeutisch einsetzte. Gleichzeitig befasste sie sich mit dem Wesen der Bildschöpfung und publizierte dazu zwei Bücher.
Emma Kunz, No. 113, o.J, Bleistift, Kreide, Pastell auf Millimeterpapier, 78 × 75 cm, Emma Kunz Zentrum, Würenlos
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde ihre künstlerische Tätigkeit erstmals 1973, zehn Jahre nach ihrem Tod, durch eine Ausstellung im Kunsthaus Aargau vorgestellt. 1999 zeigte das Kunsthaus Zürich unter dem Titel «Richtkräfte für das 21. Jahrhundert» Werke von Joseph Beuys, Rudolf Steiner, Andrej Belyi und Kunz.
20 Jahre später verband das Lenbachhaus in München im Rahmen der Ausstellung «Weltempfänger» Werke von ihr, der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (mehr zu af Klint: hier) und der englischen Spiritistin und Malerin Georgiana Houghton.
Mehrdimensionale Räume
Die Ausstellung in Appenzell ist die erste in ihrer zweiten Heimat und stellt ihr zwölf Gegenwartskünstlerinnen und -künstler gegenüber. Der Baske Patxi Araujo arbeitet mit Algorithmen und schafft damit eine digitale Welt, die irritierend und beklemmend wirkt. Tauba Auerbach, eine Kalifornierin, erarbeitet mit Mathematik und Ornamentik multidimensionale Räume. Mirjam Beerli, in Feldbach lebend, zeichnet mit Bleistift auf grossformatigem Papier, unter Verwendung von Schablonen, zarte, vertrackte und tänzerische Gebilde.
Emma Kunz und Gegenwartskunst-Zahl, Rhythmus, Wandlung: bis 25. Oktober, Ziegelhütte Appenzell
h-gebertka.ch
Mit Übermalungen von gefundenen Gemälden und Objekten will die französische Künstlerin Vidja Gastaldon auf die heilenden Kräfte der Kunst hinweisen, während ihre Landsfrau Agnès Geoffray für ihre Dia-Installation die Zeichensprache als eine Möglichkeit zur Kommunikation darstellt. Den ehemaligen Ringbrennofen der Ziegelhütte verwandelt die in Appenzell lebende Roswitha Gabbo in eine faszinierende Installation mit Klängen der Planeten und der Sonne.
Das Zürcher Künstlerduo huber.huber geht mit seinen Kohlezeichnungen von einem Experiment von Emma Kunz aus. Sie bependelte fünf Ringelblumen und gab ihnen mit lauter Stimme den Auftrag, genau abgezählte Tochterblüten zu entwickeln.
huber.huber: Polarisierte Ringelblumen, 2010/2011, Kohle auf Papier, 190 x 140 cm
Im Erdgeschoss-Saal beeindruckt der in Bern lebende George Steinmann mit einer rund 800-teiligen Mixed-Media-Tischinstallation zu den Themenbereichen Geologie, Mineralwasser, Biodiversität, Pflanzensäfte und Homöopathie. Im gleichen Saal zeigt die in Belgien lebende Künstlerin Laura Viale mittels Frottage-Technik auf grossformatige Papierbögen übertragene Abriebe aus der Emma-Kunz-Grotte.
Die Geschichte des Hochfrequenz-Brokers
Mit Diagrammen und in Blättern in anderen Techniken zeichnet die britische Künstlerin Suzanne Treister die Geschichte des Hochfrequenz-Börsenmaklers Hillel Fischer-Traumberg nach, der sich unter dem Einfluss von psychoaktiven Drogen zu einem «Outsider-Künstler» wandelte.
Suzanne Treister: HFT The Gardener / Outsider artworks / Pandanus, 2014–2015, Digitaldruck nach einer Bleistift- und Aquarellzeichnung
Vom St.Galler Künstler Bernard Tagwerker sind Objekte zu sehen, die, alle aus gleichem Material, nach einem von ihm entwickelten Zufallsprinzip aus einem 3D-Drucker «entsprungen» sind. Abgerundet wird die Ausstellung mit einem etwas langwierigen Video des Genfer Künstlers Gilles Jobin.
Den beiden Ausstellungsmacherinnen, Régine Bonnefoit und Sara Petrucci, ist ein kuratorisches Meisterwerk gelungen, das zu Emma Kunz hin- und wegführt und sie in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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