Kategorie
Autor:innen
Jahr

Immer vom Zentrum ausgehend

Zum ersten Mal in ihrer zweiten Heimat ist in der Ziegelhütte eine repräsentative Auswahl von Werken der Aargauer Künstlerin, Heilpraktikerin und Pendlerin Emma Kunz zu sehen. Ihre Werke werden denen von zwölf zeitgenössischen Kunstschaffenden gegenübergestellt. von Richard Butz
Von  Gastbeitrag , 
Patxi Araujo: terra nullius, 2016 | 2019, Audiovisuelle Installation (Loop), Projektor, Lautsprecher, Mediaplayer (Bilder: pd)

Emma Kunz, die sich den Künstlerinnennamen «Penta» (griechisch für die Zahl fünf) zugelegt hatte, lebte in ihren zwölf letzten Lebensjahren in Waldstatt; am Fusse des Säntis, den sie als heiligen Berg betrachtete. Schon früh interessierte sie sich für Telepathie, Prophetie und Radiästhesie. Mit dem Pendel untersuchte sie die Kraftströme der Erde und endeckte in der Folge im Würenloser Gestein eine aus ihrer Sicht heilende Erde, der sie den Namen «AION A» gab.

Inzwischen ist die Emma-Kunz-Grotte im Römersteinbruch von Würenlos zu einem viel besuchten sogenannten Kraftort geworden. In Waldstatt konnte die zurückhaltende Heilpraktikerin aufgrund der geltenden Gesetze ungestört arbeiten. Sie glaubte nicht an Wunder, sondern an die Selbstheilungskräfte der Menschen. Der Waldstatter Emma-Kunz-Pfad dokumentiert ihr Leben und Wirken mit Schautafeln.

Richtkräfte des 21. Jahrunderts

Ihr künstlerisches Schaffen begann die 1892 im aargauischen Brittnau geborene und unverheiratet gebliebene Emma Kunz erst spät, im Alter von 46 Jahren. Mit Hilfe eines Pendels gestaltete sie, immer vom Zentrum ausgehend, auf Millimeterpapierbögen grossformatige Bilder, die sie auch therapeutisch einsetzte. Gleichzeitig befasste sie sich mit dem Wesen der Bildschöpfung und publizierte dazu zwei Bücher.

Emma Kunz, No. 113, o.J, Bleistift, Kreide, Pastell auf Millimeterpapier, 78 × 75 cm, Emma Kunz Zentrum, Würenlos

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde ihre künstlerische Tätigkeit erstmals 1973, zehn Jahre nach ihrem Tod, durch eine Ausstellung im Kunsthaus Aargau vorgestellt. 1999 zeigte das Kunsthaus Zürich unter dem Titel «Richtkräfte für das 21. Jahrhundert» Werke von Joseph Beuys, Rudolf Steiner, Andrej Belyi und Kunz.

20 Jahre später verband das Lenbachhaus in München im Rahmen der Ausstellung «Weltempfänger» Werke von ihr, der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (mehr zu af Klint: hier) und der englischen Spiritistin und Malerin Georgiana Houghton.

Mehrdimensionale Räume

Die Ausstellung in Appenzell ist die erste in ihrer zweiten Heimat und stellt ihr zwölf Gegenwartskünstlerinnen und -künstler gegenüber. Der Baske Patxi Araujo arbeitet mit Algorithmen und schafft damit eine digitale Welt, die irritierend und beklemmend wirkt. Tauba Auerbach, eine Kalifornierin, erarbeitet mit Mathematik und Ornamentik multidimensionale Räume. Mirjam Beerli, in Feldbach lebend, zeichnet mit Bleistift auf grossformatigem Papier, unter Verwendung von Schablonen, zarte, vertrackte und tänzerische Gebilde.

Emma Kunz und Gegenwartskunst-Zahl, Rhythmus, Wandlung: bis 25. Oktober, Ziegelhütte Appenzell

h-gebertka.ch

Mit Übermalungen von gefundenen Gemälden und Objekten will die französische Künstlerin Vidja Gastaldon auf die heilenden Kräfte der Kunst hinweisen, während ihre Landsfrau Agnès Geoffray für ihre Dia-Installation die Zeichensprache als eine Möglichkeit zur Kommunikation darstellt. Den ehemaligen Ringbrennofen der Ziegelhütte verwandelt die in Appenzell lebende Roswitha Gabbo in eine faszinierende Installation mit Klängen der Planeten und der Sonne.

Das Zürcher Künstlerduo huber.huber geht mit seinen Kohlezeichnungen von einem Experiment von Emma Kunz aus. Sie bependelte fünf Ringelblumen und gab ihnen mit lauter Stimme den Auftrag, genau abgezählte Tochterblüten zu entwickeln.

huber.huber: Polarisierte Ringelblumen, 2010/2011, Kohle auf Papier, 190 x 140 cm

Im Erdgeschoss-Saal beeindruckt der in Bern lebende George Steinmann mit einer rund 800-teiligen Mixed-Media-Tischinstallation zu den Themenbereichen Geologie, Mineralwasser, Biodiversität, Pflanzensäfte und Homöopathie. Im gleichen Saal zeigt die in Belgien lebende Künstlerin Laura Viale mittels Frottage-Technik auf grossformatige Papierbögen übertragene Abriebe aus der Emma-Kunz-Grotte.

Die Geschichte des Hochfrequenz-Brokers

Mit Diagrammen und in Blättern in anderen Techniken zeichnet die britische Künstlerin Suzanne Treister die Geschichte des Hochfrequenz-Börsenmaklers Hillel Fischer-Traumberg nach, der sich unter dem Einfluss von psychoaktiven Drogen zu einem «Outsider-Künstler» wandelte.

Suzanne Treister: HFT The Gardener / Outsider artworks / Pandanus, 2014–2015, Digitaldruck nach einer Bleistift- und Aquarellzeichnung

Vom St.Galler Künstler Bernard Tagwerker sind Objekte zu sehen, die, alle aus gleichem Material, nach einem von ihm entwickelten Zufallsprinzip aus einem 3D-Drucker «entsprungen» sind. Abgerundet wird die Ausstellung mit einem etwas langwierigen Video des Genfer Künstlers Gilles Jobin.

Den beiden Ausstellungsmacherinnen, Régine Bonnefoit und Sara Petrucci, ist ein kuratorisches Meisterwerk gelungen, das zu Emma Kunz hin- und wegführt und sie in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149