Schon bald kreisen auf dem Vorplatz der Lokremise verspielte Drehereien. Die unübersehbare Holzinstallation des Kollektivs Hochhinaus fehlt auch bei der vierten Ausgabe des Jungspund-Festivals nicht. Doch bereits drei Tage vor deren Vernissage am Sonntagnachmittag beginnt das Festival mit einem inspirierenden Plädoyer für das Experiment. Die Genfer Gruppe Old Masters eröffnet am Donnerstag mit ihrem Stück Das Haus meines Geistes das diesjährige Jungspund-Festival.
Die Geschichte lädt zum Umdenken ein. Jonathan entdeckt darin gemeinsam mit Kim, Klöb und Mauro Gegenstände zum Zweckentfremden. Warum die Dinge, die uns umgeben, nicht einfach mal anders nutzen? «Es geht darum, an die eigene Kreativität zu glauben und Ideen zu vertrauen», sagt Gabi Bernetta, Leiterin und Initiantin des Festivals.
Das Haus meines Geistes wurde vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal in Genf mit dem französischen Titel La Maison de mon esprit aufgeführt. (Bild: Julie Masson)
Ausprobieren lautet die Devise. Dieser soll auch auf dem Kunstwerkplatz im Lattich gefolgt werden. «Dort kann beispielsweise nach einer Vorstellung das Erlebte auf eine kreative Art reflektiert werden», erzählt Bernetta. Sie hat eine langjährige Erfahrung mit Produktionen für junges Publikum. Das Jungspund richte sich aber an alle Generationen, die Altersbeschränkungen seien ja auch nur nach unten und nie nach oben gemeint, betont sie.
Theaterfestival Jungspund: 29. Februar bis 9. März, Lokremise, Figurentheater und Raum für Literatur St.Gallen
Tickets und Programm: jungspund.ch
«Was mich immer freut am jungen Theater, ist, dass Kinder aus allen Bevölkerungsschichten mit dieser Kunstform in Kontakt kommen.» Auch dieses Jahr besuchen viele Schulklassen die Vorstellungen in der Lokremise und im Figurentheater. Reaktionen aus jungem Publikum seien immer unmittelbar, direkt und ehrlich. «Erwachsene halten sich mehr zurück, während bei Kindern und Jugendlichen schnell klar ist, ob es anklingt oder langweilt», so Bernetta.
Neue Rollenbilder entwerfen
Drei der zwölf Produktionen setzen sich mit Männlichkeiten auseinander. Der Schwerpunkt war zwar nicht geplant, doch offenbar ist es ein Thema, das bewegt. Im Stück Sei kein Mann des Berner Kollektivs F hinterfragen drei Tänzer das verkrustete Rollenbild der Männer. Mehr kooperieren, tanzen, zuhören und Gefühle zeigen ist ihre Antwort auf toxische und fragile Männlichkeit.
Die Produktion Stereotypen – from zero to hero des Teatro Lata aus Zürich zeigt, wie eine Überwindung von ebendiesem Rollenbild gelingen kann: Mit Mut, Neugier, Vertrauen – und mit Musik. Das brisante Stück Souhung beleuchtet das Thema poetisch mit einer verhängnisvollen, schwulen Liebesgeschichte. Das Drama basiert auf Martin Franks Kultroman Ter Fögi ische Souhung aus den 1970er-Jahren. In den 90er-Jahren wurde die Geschichte erfolgreich verfilmt. Nun bringt sie Schauspieler Max Gnant auf die Bühne.
Souhung ist ein Drama über die schwierige Beziehung zwischen Benni und Fögi. (Bild: Ludwig Olah)
Am letzten Festivaltag erzählen gleich zwei Produktionen die Geschichten aussergewöhnlicher Mädchen. Da ist zum einen die wilde und wundervoll widerborstige Griselda, die sich gegen die Zwänge adultistischer Strukturen wehrt, zu sehen im Stück Greuliche Griselda des Vorstadttheater Basel. Zum anderen tanzt die Schülerin Lena im Stück Spring doch der Schaffhauser Theatergruppe Kumpane zwischen zwölf Wasserkanistern und Kommentaren von ihren Mitschüler:innen. Die Performance untersucht das Alleinsein und wie darin auch Mut gefunden werden kann.
Diskussionen über KI, Vielsprachigkeit und Richtlöhne
Wie immer finden sich im Programm auch Workshops, Gesprächsreihen oder Konzerte. So findet am 8. März das Symposium «Theater für junges Publikum in einem vielsprachigen Land» statt. Während im Theater für Erwachsene das Touren über Sprachgrenzen hinweg üblicher ist, gilt es im Theater für jüngeres Publikum Möglichkeiten dafür zu entwickeln, denn Übertitelungen ergeben dort wenig Sinn.
Es geht dabei nicht nur um die vier Landessprachen, sondern auch um die vielen anderen gesprochenen Sprachen in der Schweiz. Bernetta freut sich auf spannende Diskussion und mögliche Lösungsansätze: «Aus Arbeitsgruppen mit Menschen aus dem Tessin oder der Romandie höre ich von neuen Umgangsformen in englisch oder davon, dass alle ihre Erstsprache sprechen und man sich trotzdem versteht.»
Neue Wege suchen die Kulturschaffenden auch im Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI) oder mit der Berechnung der Honorierung. Darüber diskutieren die Besuchenden an den beiden Wochenenden im Raum für Literatur.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.