Ein warmer Herbsttag am letzten Sonntag im Oktober. Der Blick von Schloss Dottenwil bei Wittenbach lässt sich weit schweifen über die Hügellandschaft der Bodenseeregion, die Blätter der Rebberge am Abhang des Anwesens stehen im gelben Ableben. Hier sind bis Anfang Dezember die Werke von vier jungen Kunstschaffenden ausgestellt: Anna Menzi, Hanna Raschle, Adrian Rast und Thomas Zuberbühler. Mit den Jahrgängen zwischen 1988 bis 1997 steht die Ausstellung ganz im Zeichen junger Kunst.
Wann beginnt Dringlichkeit?
Im ersten Raum liegen neun Skizzenbücher, an der Wand dahinter Graphitmalereien. Manche Buchseiten werden von Kartonstreifen zusammengehalten, verbergen dadurch weitere Notizen von Thomas Zuberbühler. Den Künstler treibt vieles um, wie er in seinem Ausstellungstext sagt: «Das Wissen um eine Ausstellung verändert viel. Es drängten sich Fragen auf, die herausfordernd waren. Denen ich mich am liebsten gar nicht stellen wollte. Was gibt einer Zeichnung den Wert? Wie entsteht die Berechtigung etwas zu zeigen? Wann beginnt Dringlichkeit?»
Die Auseinandersetzung wirkt sehr authentisch und steht konträr zur in manchen bekannten Kunstinstitutionen zelebrierten Deutungshoheit darüber, wie ein Werk betrachtet zu werden hat. Zuberbühlers Skizzen weisen oft eine bemerkenswerte Tiefe auf. Da ist ein Gesicht, es schaut nach unten in einem Ausdruck der Verbitterung, vielleicht gar Verzweiflung. Manche Bilder spielen mit Texten zusammen, zwei Menschen sitzen auf einer Bank. «Sie lügen alle ein wenig» steht daneben. Die Bücher sind ein Fundus, den alle für sich selbst entdecken müssen.
Hannah Raschles grösste Werke sind zwei auf braunes Einpackpapier gezeichnete Hotelzimmer. Ihr Hintergrund als Illustratorin schwingt in vielen Bildern mit, sie zeigt Formen verschiedenster Art, wellenartige Linien, schwarze Tuschstriche, aber auch knallige Farben. Neben ihren Bildern legt Raschle auch Comic-Zines aus, die durch einen ausgeprägt eigensinnigen Zeichnungsstil überzeugen und das Auge flüssig durch die achtsam gestalteten Szenerien lenken, in welchen beispielsweise eine Katzenbande einen Schweine-Gangsterboss krimiartig zur Strecke bringt.
Ein Mädchen berührt eine Gipsplatte im Untergeschoss. «Duesch nöd aalange, bitte», sagt die Mutter. «Aber da isch so schön!» Die Gipsplatten stammen von Adrian Rast, der diese selbst gegossen und bemalt hat. Seine Kunstwerke lassen viel Spielraum für Interpretation. Einmal scheinen es Landschaften auf brüchiger Oberfläche zu sein, dann wieder bleiben es kolorierte Flächen.
Im Erdgeschoss legte Rast einen Teil eines Raumes mit Gipsplatten aus, die erst durch die Besucherinnen und Besucher in die nun sichtbaren Formen zersprangen. Spannend hierbei: Einen Tag nach der Vernissage geht das anwesende Publikum beinahe ehrfürchtig an den Platten vorbei, das Werk verändert sich dadurch nicht mehr weiter.
Selbstbewusste und mitunter politisch pointierte Werke zeigt Anna Menzi. Da sind zwei wuchtige Selbstportraits, die durch ihre Komposition und ihren Ausdruck den Blick auf sich ziehen und halten. Tiere prägen viele Zeichnungen der jungen Künstlerin, gesellschaftliche Verhaltensweisen spiegeln sich durch vermenschlichte Geschöpfe: küssende Dachse oder ein Fuchs mit Backpfeife im Mund.
Facts of women and men
Besonders interessant: «facts about men and women. or women and men», ein dickes Zeichnungsbuch im A4-Format, das scharfäugig gesellschaftliche Verhältnisse zwischen den Geschlechtern abbildet. Die Beobachtungen sind teils überraschend, manchmal überspitzt, oft subtil. Etwa dann, wenn drei auf dem Boden sitzende Typen die Szenerie betretende Frauen mit «Hey Ladies» begrüssen und sich die Situation eine Seite weiter zu einer Jamsession entwickelt. Dreimal darf geraten werden, welches Geschlecht die Instrumente in Händen hält und den Raum für sich beansprucht.
Zeichnerei: bis 8. Dezember, Schloss Dottenwil Wittenbach. Öffnungszeiten: Sa 14 bis 20 Uhr und So 10 bis 18 Uhr.
dottenwil.ch
Auf einer anderen Seite die Geburt einer Frau: «Düend Sie s’glernte Schnufe ahwende!», schreit jemand, gleichzeitig fragt eine Stimme aus dem Off, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Die Themenpalette reicht von Misogynie über Körperbehaarung bis zur Identitätssuche junger Menschen in einer Welt voller Widersprüche. Menzis mit verschiedensten Techniken gestalteter Band steckt voller Entdeckungen, zeichnet viele Symptome eines patriarchalen Systems. Und reiht sich damit ein in den fortwährenden Kampf feministischer Bewegungen gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.
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