Die Kleinfamilie als heile Gegenwelt zum brutalen Berufsalltag – das war schon vor Corona eine böse Überforderung. Jetzt, wo der Kleinfamilienhaushalt auch noch Homeoffice und Freizeitarena geworden ist, also alle Bedürfnisse auf einmal erfüllen soll, lässt sich diese Trennung nicht mehr aufrechterhalten. Was Feminist*innen eigentlich freuen sollte: Der Haushalt wird damit noch stärker zur Produktionsstätte, die er immer schon war; die Trennung in Heim (privat) und Wirtschaft (in der Fabrik oder im Büro, jedenfalls woanders), die sich seit der Industrialisierung etabliert hat, noch fragwürdiger.
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Doch die Diskussion darüber findet nicht statt, im Gegenteil. Aufs Land ziehen, ein Haus kaufen – mit einem zusätzlichen Zimmer fürs Homeoffice: Die Idealisierung des Kleinfamilienhaushalts hat sich noch verstärkt.
Auch den Alltag zu vergessen, muss man jetzt zu Hause schaffen, denn draussen wird man umso heftiger an Masken, Abstände und Desinfektionsmittel erinnert. Und wer noch keine Familie gründen konnte oder das gar nicht will, hat es auch nicht besser: Viele, die allein oder zu zweit im Lockdown oder in Quarantäne waren, erlebten das als sehr beklemmend.
Es klingt vielleicht vermessen, in Zeiten von «Treffen Sie so wenige Menschen wie möglich» ein Gegenmodell zu diesen verschiedenen Kleinhaushaltsmodellen zu fordern. Ich tue es trotzdem. Ich habe den Lockdown in einem Grosshaushalt mit zwölf Erwachsenen, fünf Kindern und einem Jugendlichen verbracht, und es war gut.
Manches mussten wir gar nicht ändern: Von Montag bis Freitag ist jeden Tag eine andere Person für alle Kinder zuständig. Das bewährte sich, auch als alle zu Hause lernten. Wir Erwachsenen spielten Pingpong, machten Yoga, organisierten Disco- und Filmabende, luden einander aufs Zimmer ein, um Lieblingsplatten vorzuspielen, lernten Lieder, malten Transparente für Distanzdemos. Der Schwatz beim abendlichen Türfallendesinfizieren wurde zum Ritual, und klar, das ewige Hoch, die immer längeren strahlenden Tage halfen auch. Das wird jetzt im Frühwinter etwas schwieriger.
llustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Wir hatten bisher keine Corona-Fälle – vielleicht sähe meine Bilanz sonst anders aus. Vielleicht würden wir uns alle anstecken, zumindest müssten wohl alle in Quarantäne. Aber auch davor habe ich weniger Angst als vor der Isolation in einer Einpersonenwohnung oder einer Kleinfamilie. Kinder sind keine Versicherung gegen Einsamkeit: Kein Kind ist verpflichtet, später mit seinen Eltern befreundet zu sein. In grösseren Zusammenhängen wohnen ist hingegen eine aktive Strategie – nicht nur weil wir mehr Kontakte haben, sondern auch weil wir ständig gezwungen sind, uns mit unseren Mitbewohner*innen und uns selbst auseinanderzusetzen.
Platzbedarf, Ordnung, Essen: Immer wieder prallen Bedürfnisse aufeinander. Wir hinterfragen uns, gehen uns furchtbar auf die Nerven, fühlen uns missverstanden, handeln aus, was wir brauchen – zusammenwohnen kann sehr schmerzhaft sein, aber auch extrem lehrreich. Ich hoffe, dass ich dabei so offen, beweglich und empathisch werden kann, dass ich mich vor Einsamkeit nicht fürchten muss. Auch nicht in kommenden Pandemien oder im Alter.
Bettina Dyttrich, 1979, ist Redaktorin der WOZ.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.