Für einen Moment steht alles still. Ihre Augen sind auf den Bildschirm geheftet. Sie merkt, wie sich ihr Puls beschleunigt, wie sie schwitzt. Sie konzentriert sich auf die Personen im Fadenkreuz. Das Team gibt die Bestätigung. Sie wartet. Einen Moment wartet sie noch. Dann drückt sie den Knopf – und tausende Kilometer entfernt detoniert ein tödlicher Sprengsatz.
Die junge Pilotin jubelt. Adrenalinschub, High-five. Zum ersten Mal hat sie von Amerika aus per Knopfdruck einen Gegner getötet. Mit einer Drohne. Und uns Zuschauerinnen und Zuschauern wird spätestens mit dieser Szene bewusst, welche Abgründe sich hinter dieser Form der Kriegsführung auftun.
«The eye in the sky»
Über den meisten Kriegsgebieten kreisen heute Drohnen, mit denen der Feind aus der Luft aufgespürt und per Joystick getötet werden kann. Ihre Piloten sitzen dabei an Schreibtischen irgendwo auf einem anderen Kontinent. Töten wie im Videospiel: Der Gegner ist auf ein paar wenige Pixel auf einem Bildschirm reduziert.
Im Stück Am Boden des amerikanischen Dramatikers George Brant steht der Mensch im Zentrum, der diesen High-Tech-Krieg führt. Es geht um eine junge Soldatin (gespielt von Anja Tobler), die schwanger wird und deshalb nicht mehr fliegen darf. Eine Zeit lang führt sie das ruhige Leben einer amerikanischen Kleinfamilie, aber sie will zurück in die Luft. Ein richtiges Flugzeug wird sie aber nicht mehr besteigen. Sie kommt stattdessen zur «Chair Force» und steuert vom Boden aus Drohneneinsätze.
Zum Krieg fahren wie zur Schichtarbeit
Sie bewegt sich nun zwischen zwei Welten: Jeden Morgen weckt sie ihre Tochter, frühstückt mit der Familie und fährt dann in den Krieg. Dieser ist nun nur eine Autofahrtstunde entfernt: Sie kämpft von einem Luftwaffenstützpunkt aus, wo sie in 12-Stunden-Schichten in einen Bildschirm starrt. Sie sucht aus der Vogelperspektive die graue Welt unter ihr ab, jagt den Feind vom Büro aus.
Nächste Vorstellungen: 23., 27. und 29. November theatersg.ch
Mit der Zeit fällt es ihr aber immer schwerer, zwischen ihren Rollen als Soldatin, Mutter und Ehefrau hin und her zu wechseln. Die Bilder von sterbenden Menschen verfolgen sie nach Hause, das Bild ihrer kleinen Tochter verfolgt sie in den Krieg. Realität und Illusion beginnen sich zu vermischen. Und irgendwann taucht plötzlich ihr Kind im Fadenkreuz auf. Der Monolog entfaltet nach und nach das Psychogramm der jungen Frau, die an der Belastung des Jobs zerbricht.
Schauspielerin Anja Tobler, neu im St.Galler Ensemble seit dieser Spielzeit, leistet viel an diesem Abend. Ihre Figur ist eine Einzelkämpferin in einer Männerwelt. So gestaltet Tobler die Figur entlang von Gender-Stereotypen aus, bricht diese jedoch immer wieder geschickt auf: Dann blitzt hinter der Härte, die sie der Pilotin gibt, eine grosse Verletzlichkeit hervor.
Kino-Theater
Der Krieg in diesem Stück findet in Bildern statt, sein Austragungsort ist der Bildschirm. Der Regisseur und Videokünstler Walter Clemens nutzt die Vorlage und arbeitet in seiner Inszenierung viel mit einer visuellen Ebene: Tobler spielt um eine grosse Leinwand herum, auf der immer wieder live-Projektionen und Einspielungen zu sehen sind. Viele Sequenzen werden dabei auf der sonst fast leeren Bühne live von Beat Oswald aufgenommen: Mal werden ganze Szenen projiziert, mal ist während eines Monologs das Gesicht der Schauspielerin in einem Close-Up zu sehen.
Das ergibt starke Bilder, der inhaltliche Mehrwert wird dabei aber nicht immer klar. Wenn die Videoprojektionen aber dazu dienen, die phantasmatische Angst der Pilotin vor überall lauernder Überwachung zu übersetzen, dann eröffnet die mediale Ebene plötzlich auch eine inhaltliche: Die Pilotin beobachtet dann ihre eigene Person, die mehrfach in verschiedenen Winkeln und Dimensionen auf die Bühne projiziert wird. Das sind eindringliche Bilder, die einem bleiben.
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