Das donnernde «Schreisse!», das im Jahr 1896 durch ein kleines Pariser Avantgarde-Theater im 9. Arrondissement hallte, markierte die Geburt einer folgenreichen literarischen Figur: König Ubu betrat mit diesem Wort zum ersten Mal eine Bühne. Mit ihm hatte der junge Alfred Jarry ein Schreckensbild des bourgeoisen Fin de Siècle geschaffen.
Denn Ubu hatte nichts vom strengen Realismus des naturalistischen Theaters jener Zeit. Ubu ist ein furzender, prügelnder Hanswurst. Er ist dumm, vulgär, gewalttätig, wehleidig, kindisch, feige. Ein fetter, stinkender Macbeth, der – von seiner Frau angestiftet – den König stürzt, das Justizsystem und Steuerwesen aushebelt, seinen halben Staat massakriert und beim kleinsten Wehwehchen in trotzigem Selbstmitleid versinkt. Ubu buckelt ängstlich nach oben und teilt brutal gegen unten aus. Halb opportunistischer Psychopath, halb kindischer Pantoffelheld.
Ubu (Tim Kalhammer-Loew).
Radikaler Nihilismus
Der Skandal war selbstverständlich beabsichtigt und er ist selbstverständlich auch eingetroffen: Das Bürgertum stürmte entsetzt aus dem Theater, die surrealistische Bohème überschlug sich in begeistertem Jubel. Alfred Jarry kam zur genau richtigen Zeit: Mit seinem Stück traf er ins Zentrum der surrealistischen Bewegung, die bald darauf die gesamte europäische Theaterlandschaft erschüttern sollte. Sein König Ubu erteilte eine Absage an das etablierte Theater, an das Kunstverständnis des Bürgertums und überhaupt an alles Logische und Psychologische. Die Alternative hiess Anarchie. Und Ubu wurde zu ihrer Galionsfigur.
Der radikale Nihilismus des Stücks ging dabei über épater le bourgeois hinaus, denn er stellte die bis dahin geltenden Prämissen des Theaters grundsätzlich in Frage. Und das hat Alfred Jarry einen festen Platz im französischen Theaterkanon zwischen Autoren wie Artaud, Ionesco und Genet gesichert.
Meyer, Kalhammer-Loew.
Ubu im Zirkus
Dass wir es mit einem Skandalstück zu tun haben, wird auch in der Inszenierung von Martin Schulze zu Beginn in einem Prolog gleich klargestellt. Aber keine Sorge: Dieser Abend wird harmlos. Der Regisseur setzt auf grelle Komik und inszeniert das Stück zusammen mit dem Kostüm- und Bühnenbildner Ulrich Leitner und dem Musiker Dirk Raulf klamaukig-schunkelnd.
Die Raumbühne erinnert an eine Zirkusmanege: Das Publikum sitzt um eine runde, drehbare Plattform, die den Schauspielerinnen und Schauspielern ermöglicht, in alle Richtungen zu spielen und von drei Seiten auf- und abzugehen. Das bietet beste Voraussetzungen für die folgenden zwei Stunden Hochgeschwindigkeits-Slapstick. Die Figuren stolpern in wunderbar grotesken Kostümen über die Bühne und verheddern sich in ihren Requisiten, während walgesangartige Furzgeräusche eingespielt werden.
Meyer, Losehand, Rhode, Schäfer.
Das ist ein bisschen Volkstheater, ein bisschen Commedia dell’arte und ein bisschen Freakshow. Da streitet dann Ubu (Tim Kalhammer-Loew) schon mal mit der Souffleuse darüber, wie das Stück denn nun weitergehen soll. Seine Frau (Silvia Rhode) schwingt derweilen eine Poolnudel wie ein Zepter und prügelt damit – ganz Punch and Judy – auch gerne auf ihren Mann ein. Hauptmann Bordure (Romeo Meyer), der zusammen mit Ubu ein Attentat auf den König verübt, fährt in einem Glitzerfummel Kickboard, und Prinz Bubeslaus (Wendy Michelle Güntensperger), der seinen Vater rächen soll, scheitert an den Tücken seines ausfahrbaren Schwertes.
Am meisten bieten an diesem Abend aber Oliver Losehand und Marcus Schäfer, die in verschiedensten Nebenrollen in immer neuen Intermezzi ihre komischen Einlagen zum Besten geben und so die ratternde, furzende Klamaukmaschine am Laufen halten.
Schäfer, Losehand.
Wohlfühlspass ohne Unterbruch
Das ist alles superlustig. Und dazu superangenehm, weil es nie abgründig wird. Ubu ist an diesem Abend eine Spasskanone, kein prototypischer Diktator und auch kein Bild für das Abgründige im Menschen. Auch die einstige Radikalität von Jarrys Sprache wirkt heute neben jedem Nachmittagsprogramm im Fernsehen harmlos. Und auch wenn Mutter Ubu im Look von Divine aus dem Film Pink Flamingos erscheint, ist das bloss augenzwinkernde Nostalgie. Die kultige Dragqueen vermochte zwar das Amerika der 1970er Jahren genauso zu schockieren wie Jarry das Frankreich der 1890er, aber heute scheint beides doch sehr weit weg.
Das Problem an diesem harmlosen Wohlfühlspass ist, dass er sich abnutzt. Ohne Brüche und mit kaum Unterbrüchen wird ein Spass nach dem anderen rausgehauen. Diese hohe Frequenz über zwei Stunden wirkt irgendwann bemüht. Jede Handlung ist nur noch mögliche Vorlagen für den nächsten Gag. Die Klamaukmaschine droht leer zu laufen. Und das beginnt mit der Zeit dann doch etwas zu langweilen.
Aber über weite Strecken ist der Abend gutes Unterhaltungstheater. Und auch Alfred Jarry hätte an dem schrillen Spass sicher seine Freude gehabt.
Vorstellungen bis 5. Juni. theatersg.ch
Bilder: Tine Edel
Losehand, Rhode.
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