Das «supermächtige Zauberdings der Königin» ist am Schluss der Oper wieder zusammengeklebt. Und oben thront nicht Sarastro, sondern sie, die Königin der Nacht. Mozart würde sich die Augen reiben ob dieser Umkehrung der Machtverhältnisse am Schluss seiner Oper. Die heutige MeToo-gestählte Generation fragt sich eher: Wars das schon?
Sarastro wird entthront
Die Ouvertüre, drei majestätische Akkorde, drei Schläge an das Tor zur Erleuchtung, als Symbol der Initiation von Tamino und Pamina? In St.Gallen geht es profaner los. Und jugendfreundlich – Pantomime und lockere Zeichnungen im Comicstil holen das Geschehen ins Familiär-Alltägliche hinab: Die Königin hat Stress mit ihren Töchtern Pamina und Monostata. Dann wird Pamina entführt, Pfeil trifft Herz, Mutter schwört Rache, Männlein- und Weiblein-Symbole wirbeln durcheinander.
Der Schlüssel, der am Ende der zeichnerisch animierten Ouvertüre ins Schloss passt, ist weiblich.
Das ist das Programm dieser Produktion, an deren Spitze zwei Frauen stehen: die deutsche Regisseurin Guta Rau und die österreichische Dirigentin Katharina Müllner. Sie werfen die Deutungen, die sich in der Aufführungstradition etabliert haben, fröhlich über Bord.
Sarastro, sonst der idealistische Aufklärer, der verzeihende Weise, Vorsteher einer esoterischen Priesterkaste, tritt als finsterer Generalissimo auf. Er macht erstmal aus der Göttin Isis eine Iris, kapiert auch sonst nicht, was die Zeit geschlagen hat, betatscht Pamina und hat seine Priester nicht im Griff: Betet er in den «heiligen Hallen» zu Isis und Osiris, wird hinter seinem Rücken getuschelt und gestritten.
Sarastro (Yorck Felix Speer) und seine finsteren Sonnenpriester.
Aber auch die Königin der Nacht kriegt ihre Ration Genderkritik ab. Ihre schwindelerregenden Koloraturen imitiert Papageno mit einem ironischen Tänzchen; ihr ausladendes Prunkkleid (Kostüme Claudio Pohle, Bühne Marlies Pfeifer) spielt alle anderen, nicht minder üppig kostümierten Personen an die Wand und erstickt den bemitleidenswerten Tamino beinah.
Im Sternenkranz: Antonina Vesenina als Königin der Nacht.
Die Ironie funkt bis in die Arien hinein. Papageno lernt seine Queer-Lektion schnell und textet das «Mädchen» kurzerhand um: «Ein Männchen oder Weibchen wünscht Papageno sich.» Pamina schüttelt über die angeblichen «Pflichten» der Frauen nur den Kopf, und in ihrem Duett mit Papageno geraten «Mann und Weib und Weib und Mann» über Kreuz, als hätte Mozart seine sprühenden musikalischen Einfälle für uns heute gedacht.
Glanzvolle Solist:innen
Musikalisch bleibt die «Zauberflöte», was sie immer bleiben wird: ein unerreichbares Meisterwerk, ein «Zauberdings» von Melodien, Soloarien und Ensembles, vokaler und instrumentaler Raffinesse, Volkstümlichkeit und Komplexität. Dirigentin Katharina Müllner nimmt die Tempi mit dem St.Galler Sinfonieorchester eher geruhsam, das Ergebnis ist sehr sorgfältig, teils etwas behäbig.
Die Soli der Premierenbesetzung sind auf höchstem Niveau: Vuvu Mpofu gibt der Pamina Rebellentum und Tiefe, mit feinsten Pianissimi etwa in der Trauerarie «Ach ich fühls». Pavel Kolgatins Tenor strömt glanzvoll, Äneas Humm ist ein verspielter und stimmgewaltiger Papageno, Yorck Felix Speer ein Sarastro mit schwärzestem Bass, Antonina Vesenina schüttelt die Spitzentöne der Königin der Nacht locker aus ihrer Sternenkrone.
Vor der letzten Prüfung: Vuvu Mpofu, Pavel Kolgatin.
In den weiteren Solopartien sind Riccardo Botta (Monostatos), Christopher Sokolowski und Kristjan Johannesson (Geharnischte), Tatjana Schneider, Jennifer Panara und Sara Jo Benoot (Drei Damen) sowie die begeistert applaudierten Drei Knaben, Liv-Maleen Nagel, Lorin Rütsche und Tessa Güssow zu hören und zu sehen.
Munter wie die drei spielt das ganze Ensemble, zu teils neu geschriebenen Dialogen, die das Geschehen nach St.Gallen und in die Jetztzeit holen. Wie schwer das Deutsche zu singen und zu sprechen ist, merkt man allerdings einmal mehr; die Dialoge und Ensembles bleiben teils schwer verständlich.
Kein Gehör für Spirituelles
Der spirituelle Gehalt der Zauberflöte ist heute weitherum unbestritten (und zum Beispiel vom Ägyptologen Jan Assmann fulminant belegt worden): Sie erzählt einen von Elementen aus Märchen und Volkstheater durchbrochenen Initiationsweg im Geist der Freimaurer, deren Wiener Loge «Zur Wohlthätigkeit» Mozart als Meister angehörte. Und birgt darin zudem Zündstoff gegen die feudalen, anti-aufklärerischen Eliten von Mozarts Zeit.
Diesem tief schürfenden, aber auch männerbündlerischen Gehalt machen Regisseurin Guta und ihr Team den Garaus – konsequent bis zum überraschenden Kostümwechsel des Chors am Schluss.
Die Zauberflöte, Theater St.Gallen, weitere Vorstellungen ab 3. November
theatersg.ch
Die Umwertung aller Werte gelingt der Inszenierung aber nicht ganz. Die Königin der Nacht setzt dem patriarchalen System Sarastro ihrerseits Rache, martialisches Auftreten und Selbstverliebtheit entgegen. Die drei Damen turteln um Tamino antiquiert wie eh und je. Immerhin bekommt Monostatos nach 230 Leidensjahren endlich eine Monostata. Und ein zeitgemässes Frauenbild verkörpert Pamina – aber auch sie unterwirft sich einem Tamino, der in ihr mehr das «bezaubernd schöne» Bildnis anhimmelt als die leibhaftige Person.
Nach der Entmachtung Sarastros.
Eine andere, weibliche Spiritualität hat in der St.Galler Produktion keinen Platz. Die Welt der Königin der Nacht ist nicht weniger hierarchisch als die des entthronten Sarastro. So bleibt es (wie schon bei Julia und Romeo in dieser weiblichen Spielzeit am Theater St.Gallen) bei einer hochstehenden und gewitzten Spielerei mit den Geschlechterkonventionen.
«representation matters»
Mag sein, dass Mozarts Oper – und Oper überhaupt – sich gegen allzu starke Perspektivenwechsel sträubt. So sieht es zumindest der St.Galler Operndirektor Jan Henric Bogen in einem Videobeitrag des Theaters zum World Opera Day, der jeweils am 25. Oktober weltweit begangen wird. Man könne nicht das ganze liebgewordene Repertoire über den Haufen werfen, sagt er – aber zumindest das Bewusstsein für Gender-Aspekte schärfen.
Bogen versucht das in seiner ersten St.Galler Spielzeit, indem er gleich vier Opern-Neuproduktionen von Frauen inszenieren lässt und sogar musikalisch Parität schafft: zwei Dirigentinnen, zwei Dirigenten. Zauberflöten-Dirigentin Katharina Müllner spricht sich jedoch im Video entschieden gegen Quoten aus: Kriterium dürfe einzig allein die Qualität der Arbeit sein. Ziehe eine Frau dabei den Kürzeren, sei das in Ordnung.
Dem pflichtet im Prinzip auch Ensemblemitglied und der Sarastro der Zweitbesetzung, Justin Hopkins bei: Entscheidend soll die Stimme sein, ausser Herkunft oder Hautfarbe stünden in einem Stück mal im Zentrum.
Chancengleichheit sei in ihrer Branche noch nicht da, kritisiert «Pamina» Vuvu Mpofu – aber das ändere sich gerade. Und für Vielfalt ohne Blick auf Herkommen, Geschlecht, Hautfarbe oder Religion plädieren die Ensemblemitglieder Jennifer Panara und Kristjan Johannesson. Denn klar: «representation matters», sagt Jennifer Panara.
Frauen und Kinder an die Macht! Vuvu Mpofu (Pamina) und die drei Knaben in der Zauberflöte.
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