Kategorie
Autor:innen
Jahr

Julia stirbt emanzipiert

Das Theater St.Gallen spielt Julia und Romeo. Für einmal steht Julia an erster Stelle. Das junge Ensemble mit Tabea Buser und Julius Schröder in den Hauptrollen ist brillant – aber die feministische Neubesichtigung des Klassikers bleibt auf halbem Weg stehen.
Von  Peter Surber
Julia (Tabea Buser) und der tote Romeo (Julius Schröder). (Bilder: Tanja Dorendorf)

Das fängt ja gut an – gleich in der ersten Szene steht in roter Leuchtschrift über dem Kopf von Julia geschrieben: THE END. Stimmt natürlich, die ganze Welt weiss, wie die berühmteste Liebesgeschichte der Welt endet. Aber der Anfangsmonolog macht Hoffnung, dass The End hier anders sein könnte.

Es fängt wirklich gut an. Tabea Buser kommt halb unwillig auf die Bühne, schiebt erstmal die Balkonattrappe zur Seite, redet Klartext zum Publikum: Julia hat keinen Bock auf Anhimmeleien. Schluss mit den Rollenklischees. Liebe, diese Erfindung der Romantik, hat uns dermassen in den Schlamassel geführt – was sie will, ist eine Beziehung auf Augenhöhe.

Starker Start: Tabea Buser und Musikerin Réka Csiszér.

Das Publikum hat sie so rasch im Sack. Und auch Romeo ist nicht von gestern. Julius Schröder, mit Turnhose, Teeniefigur und Liebesdepressionen eher der Antiheld, ist zwar rettungslos verknallt in diese Julia, aber begreift rasch: Einen Balkon mag sie nicht, Anbetung schon gar nicht. Und bei der letzten Liebesnacht ist auch über Wichtigeres zu reden als über Nachtigall und Lerche.

Es sind starke, genderkluge Eingriffe in das Original, die Mirja Biel bei ihrer ersten Regiearbeit am Theater St.Gallen vornimmt – übrigens mehr als ein Jahr nach dem Openair-Klamauk um Romeo und Julia, den das Ensemble damals im Sommer 2020 nach dem ersten Lockdown im Stadtpark spielte, noch von der Pandemie gezeichnet. Jetzt ist im Provisoriums-Umbau wieder beinah normales Theater möglich – an der Premiere blieben allerdings noch etliche Sitze frei.

Hingehen lohnt sich aber. Denn der alte Stoff ist erfrischend heutig. Die Figuren fallen aus ihrer Rolle, schalten vom 16. ins 21. Jahrhundert und wieder zurück; ganze Passagen, so etwa die Wirren um die zwei Briefe an Romeo, werden kurzerhand, hier von Paris, nacherzählt. GetAbstract mit Romeo&Juliet, der Klassiker wird, wie sich dies heute kaum noch anders denken lässt, dekonstruiert – zumindest in Ansätzen.

Tobias Graupner als Paris.

Dennoch bleibt viel Shakespeare übrig. Mehr als üblich sogar: Immer wieder bricht der englische Text den Fluss der Dialoge, wichtige Stellen kommen so doppelt auf die Bühne, der unübertreffliche Versklang des Originals ist ein Genuss. Und zugleich umgeht die Regie so die Pathosfalle; wirds zu gefühlig, reisst der Textfaden. Auch die überdrehten Kostüme von Katrin Wolfermann und die nackten Scheinwerfergestänge auf Matthias Nebels idylle-freier Bühne tragen ihr Teil zur Distanzierung bei.

Kein Gift gegen die Tradition

Das Personal ist, ohne dass die Story gröbere Lücken bekommt, geschickt reduziert und passgenau besetzt. Fabian Müller trumpft auf als Mercutio, der das Stück vorantreibt. Tobias Graupner wirbt als Romeos blasierter Gegenspieler Paris chancenlos um Julia. Christian Hettkamp übernimmt als Julias besorgte Amme noch ein paar Jobs mehr als im Original. Und Birgit Bücker repräsentiert mit der extrovertierten Lady Capulet gleich die ganze gnadenlosen Väterwelt.

Romeo (Julius Schröder) wird verbannt, rechts Mercutio (Fabian Müller) und Amme (Christian Hettkamp).

Diese Alten und ihre tödliche Hasslogik aber behalten auch in der anfangs feministisch unterwanderten St.Galler Inszenierung die Oberhand. Gegen Lady Capulet und ihre schneidende Fürsorge ist kein Kraut gewachsen, nicht einmal in der Apotheke im Innerrhodischen, wo sich Romeo in einer witzigen Filmeinblendung sein Gift holt, als ihn in der Verbannung die Nachricht vom Tod Julias erreicht.

Und auch die Liebe ist die Liebe ist die Liebe. Amors Pfeil trifft wie seit über 400 Jahren – zwar nicht direkt in das Herz der Liebenden, sondern ironisch in den Bühnenhimmel, von dem circa 99 silbrige Luftballons zu Boden schweben, ein Fest fürs Auge. Wie eh und je streckt Amor auch diese Julia und diesen Romeo nieder, so unverständlich wie unaufhaltsam. Wieder gibt es nur den Einen und nur die Einzige – und keinen anderen Weg als den ins Liebesverderben.

Fast wie Kino: Romeo in Grossprojektion.

Wir schliessen sie rasch ins Herz, diese zwei ungeschickt Liebenden, wir sind ihnen nah wie im Kino, wenn ihre Küsse und Flüstereien in Grossprojektion übertragen werden auf die Leinwand – bevor diese unvermittelt als Leichentuch über Julia niederfällt. Musikerin Réka Csiszér legt unter das Stück einen Live-Soundtrack mit Cello, Synthesizer und imposanter Stimme, der die Emotionen allzu oft allerdings überdröhnt.

Der letzte Schritt fehlt

Am Ende flackert die Leuchtschrift nochmal auf: THE END. Es endet, wie es enden muss. Aber man hätte zu gern erfahren, wie dieses Ende aussähe, wenn die Inszenierung auf ihrer Anfangsbehauptung beharrt und dem System Verona definitiv «Farewell» gesagt hätte. Gelegenheit dazu wäre spätestens dann, als Romeo tot daliegt und sich Julia wieder berappelt. Zwar würde man auch dem jungen Mann eine geschlechtersolidarische Weiterexistenz gönnen. Aber selbst mit einem toten Romeo wäre noch ein Stück Emanzipation denkbar.

Nächste Vorstellungen: 1., 3., 25. und 31. Oktober, Theater St.Gallen

theatersg.ch

Julia und Romeo ist ein Triumph starker schauspielerischer Leistungen, allen voran der beiden Haupdarsteller:innen, und einer inspirierten Dramaturgie. Doch der letzte Schritt fehlt – die Antwort, wie eine toughe junge Frau des 21. Jahrhunderts das Hasssystem à la Verona, das Muster von Mord und Totschlag, von Heimlichliebe und Zwangsverheiratung unterlaufen könnte. Ohne am Schluss die Pistole an die eigene Schläfe drücken zu müssen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4