Die Telefone schrillen im Sekundentakt, Anfragen auf russisch, französisch, italienisch, die halbe Welt reisst sich darum, in St.Gallen investieren zu können. Kein Wunder – die Lage, das Wetter, die Luft, die Tradition, die Innovation, die Stickerei, die Geothermie… St.Gallen steht kurz davor, den achten und letzten noch verbliebenen Platz im Grossstadt-Ranking der Schweiz zu erobern, Hotspot zu werden. Apéro!
Minuten später ist die Blase geplatzt. Jeder Anruf eine Absage, bei jedem Telefon die Angst in den Knochen, das Hotspot-Team ein verschreckter Haufen. Der Hausmeister räumt die Telefone weg, die Visionen werden geschreddert, man sammelt sich zum Depressions-Choral um den Abfallcontainer. St.Gallen kann es nicht, einmal mehr. Warum?
Choral vom «Warum» mit (von links) Peter, Riedl, Ferrari, Dengler, Losehand, Schcäfer, Jacobsen, Pfeuti, Tobler.
Es ist ein rasanter Auftakt, ein Wirbel an dilettantischer Geschäftigkeit rund um den Stadtpräsidenten. Marcus Schäfer beschwört mit kühn aufgeföhnter Haartolle den «Ruck». Nur noch 20’000 Einwohner:innen mehr, ein Pappenstiel, und dann … Dann ruckelt und stottert das Stück vorerst einmal. Mit dem «Warum» tut sich nicht nur die Stadt schwer.
Die Hocker sind das einzige, was rollt
Dabei liessen schon die ersten Werbespots das Schlimmste ahnen. Ein Gallus-Farbstiftset für die ums Kinderfest geprellten Kinder, eine Gallus-Fasnachtsüberraschung vom Zolli-Bolli: Sankt Provinz lässt grüssen.
Auch die Ausstattung (Bühne Michael Köpke, Kostüme Heidi Walter) sieht entschieden mehr nach Möchtegern als nach Metropole aus. Jacketts von der Stange, müde Topfpflanzen, ein Brunnen ohne Gaukler, Theater-Guckkasten, Ikea-Mobiliar. Die Rollhocker sind das einzige, was hier ins Rollen kommt. Eine stiere Stahltreppe im Hintergrund führt dahin, wohin es die Stägestadt seit hundert Jahren gebracht hat: nach «Sankt Irgendwo im Nirgendwo», wie der Untertitel des Stücks sagt.
Warum bloss? Auf Bildschirmen eingespielte Videostatements von Einheimischen suchen nach Gründen. «Krämergeist», ein «Geschnorre und Gejammere» diagnostiziert Théo Buff, Autor von Stadtbüchern. «Chnorze» und «Verpasse» nennt Journalist Marcel Elsener die Gallen-Krankheit. Parlamentarierin Alexandra Akeret sieht die Randlage als Problem. Olma-Direktorin Christine Bolt lobt dagegen das Bodenständige, Kunstmuseums-Direktor Roland Wäspe das viele Grün, Kulturvermittlerin Brigitte Kemmann die Lebensqualität.
Stadtvisionen: Ensemble und Journalist Marcel Elsener (auf dem Screen).
Auf der Bühne immer neue Anläufe gegen den Stadtblues. Herr Winterthurer (Bruno Riedl) soll Tipps geben, auf dass die Schweiz nicht in Winterthur aufhöre. Praktikant Jonathan Ferrari und Assistentin Anja Tobler versuchen es mit Marketing-Gags vom bescheidenen Gallusbrot bis zur einzinkigen Gallusgabel. Der Stadtpräsident träumt mit Bauklötzen. Utopien werden aufgewärmt, das Olympiastadion im Tal der Demut, das Messegelände im Westen, die Citymetro, der See in St.Fiden.
Im Zweifelsfall eine Strategie
Reporterin Lea Marie Jacobsen macht sich nach dem «Absage-Tsunami» todesmutig auf Stadttour, staunt über Stiftsbibliothek und leere Gassen und stolpert in der Mülenenschlucht über den echten Gallus. Oliver Losehand wettert mit Nietzsche-Schnauz über die dünne Decke der Zivilisation und die «Ungläubigen» und bringt die narzisstisch angekränkelte St.Galler Befindlichkeit auf den Punkt: «Der Stolz weicht dem Trotz.»
Also: Trotz-Strategien. Wohnraumstrategie, Durchmischungsstrategie, Mobilitäts- und Sans-Papier-Strategie, Fit 30 plus und Party-Party-Partizipation, Panettonestrategie, Theatergeneralintendanten- und Mittelmasskomplexstrategie. Pascale Pfeuti singt den Strategiesong, die Anspielungen an real existierende Strategiepapiere sind offensichtlich, ihre Wirkungslosigkeit ebenso.
HotSpotOst: Nächste Vorstellungen 21. und 24. September
theatersg.ch
Bleibt am Ende nur die Radikallösung, vom rätselhaften, läppisch kostümierten «Kauz» feinstofflich ins Spiel gebracht: Weg mit Gallus, weg mit dem ganzen Ballast der Tradition. St.Gallen wird gründlich entgallifiziert – wenig überraschend, dass sich Gallus dann doch nicht so leicht aus dem Weg räumen lässt.
Klischees und Schmerzstellen
Autorin Brigitte Schmid-Gugler und Co-Autor Rolf Bossart spielen leichthändig mit den notorischen Klischees über die Gallusstadt. Neue kommen kaum hinzu, ein paar schmerzhafte Stellen werden nur angetippt – die Frömmlerei der Kirchenmänner, die Nazisympathien der Mehrbesseren auf dem Rosenberg oder das Kleben an der Vergangenheit. Text und Regie bremsen, bevor es wehtun würde.
Rosenberg zwangsenteignen und die Villen mit Familien aus der Talsohle füllen? Die «Wohnraumstrategie» tönt revoluzzerisch, bleibt aber folgenlos fürs Bühnengeschehen. Gleiche Rechte für Sans-Papiers? Das migrantische St.Gallen hat im Stück und in den eingespielten Quotes weder ein Gesicht noch eine Stimme. Entgallifizieren? Geschichtspolitik wäre ein weiteres, allerdings vermintes Gelände, auf das das Stück nur kurz einen Fuss setzt.
Regisseur Jonas Knecht und sein Team haben sich auf eine liebevoll-satirische, harmlose Annäherung an die Stadt verständigt. Pointen und Slapstick sind das probate Mittel, die Stadtverwaltung ist witzig überzeichnet, eine Chaostruppe, der im Ernst niemand zutraut, die Stadt aus dem Mittelmass herauszureissen, in dem sie sich eingerichtet hat.
Stadtdepressionen: Praktikant Jonathan Ferrari und Stadtpräsident Marcus Schäfer.
Aber vielleicht ist das gerade die gute Nachricht. Mutmasslich geht es der Stadt und ihrer Bevölkerung hier gar nicht so schlecht – eingemittet zwischen Freudenberg und Rosenberg, zwischen Selbstunterschätzung und Eigenbrötlerei, zwischen Fleisch und Vegi wie die Canapés, die man dem Winterthurer schmackhaft machen will. Die goldenen Eier, die Stapi Schäfer herumbalanciert, brütet hier niemand aus.
Die Visionen in den Videostatements (allerdings einseitig aus der Kultur-Bubble ausgewählt) zielen in ähnliche Richtung: kein Wachstum bloss aus dem Geist des Standortmarketings, aktive Velopolitik, Mut zum Unperfekten, Hügelseilbahn, Kunstpartei, Konzerthalle, Gratis-öV, alle Macht den Schneemännern. Widerspruch entzündet sich nur gerade an einem St.Galler «Heiligtum»: Saiten-Redaktorin Corinne Riedener will die Olma ins Rheintal verbannen, Direktorin Christine Bolt baut naturgemäss ihre Stadthoffnungen auf sie.
Wiedergänger aus dem Theaterfundus
Es kommt, wie es vielleicht kommen musste: Hotspotost dreht sich rasant, lustvoll gespielt und mit Augenzwinkern auf der Stelle. Sogar der Bär taucht wieder auf aus dem Theaterfundus, derselbe wie 2008 in Bruno Pellandinis Bärenjagd und 2015 in Rebecca C. Schnyders Erstickte Träume. Diesmal schlüpft Musiker Andi Peter ins Bärenkostüm.
Ratlos: Helvetia (Diana Dengler) und Gallus (Oliver Losehand).
St.Gallen in Endlosschlaufe: Da können selbst Landesmutter Helvetia und der Stadtheilige Gallus nichts mehr ausrichten. Ausgemustert und sankt müde treffen sich Diana Dengler und Oliver Losehand auf einem Bänkli, schauen hinunter aufs Nirgendwo, kiffen sich mit einem wunderlichen Kazoo-Joint ins Irgendwo, klauen im Hotspot-Büro ein paar Äpfel und zwei Stangen Nespressokapseln und zotteln samt Bär ab. Ein wunderbar absurdes Ende.
Das letzte, natürlich passgenaue Wort hat Kabarettist Manuel Stahlberger. Und ein allerletztes hier: Glücklich eine Stadt, die Zeit und Grösse hat, sich über ihre eigene fehlende Grösse zu amüsieren. Am Ende ist es das, was St.Gallen aus anderen Hotspots heraushebt und einmalig macht: die gelassene Distanz zu sich selber.
Wichtige Bauten der Textilgeschichte sollen künftig einen QR-Code an der Fassade erhalten - und damit zum Touristenmagneten werden. Das ist das Ergebnis eines Gestaltungswettbewerbs.
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Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
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Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
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Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
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