Nach Kunst-Fehde: Kriegsbeil begraben

Per Mail hat der in Trogen lebende Künstler Mark Staff Brandl zum Jahreswechsel einen alten Konflikt für beendet erklärt. In der Sache aber gelte seine Kritik weiter: Der Kunstbetrieb sei von «Spekulanten und Bürokraten» dominiert.
Von  Peter Surber
Mark Staff Brandl im Comic-Selbstporträt.

Sein Vater Earl, sagt Mark Staff Brandl, habe jeweils gesagt: «Wenn du keine Feinde hast, hast du dich nie klar genug ausgedrückt.» Er selber hat das offensichtlich beherzigt – andernfalls wäre es jetzt nicht nötig, «öffentlich eine Fehde zur Beendigung zu bringen». Unter diesem Titel hat sich der in Trogen lebende schweizerisch-amerikanische Künstler zur Jahreswende per Mail zu Wort gemeldet – aber von vorne.

Kritik an kuratierten Ausstellungen

Der Konflikt geht auf das Heimspiel 2006 zurück, die alle drei Jahre stattfindende Schau des Ostschweizer Kunstschaffens. Mark Staff Brandl hatte  damals im «St.Galler Tagblatt» unter dem Titel «Auswärts-Spiel» kritisiert, dass die Ausstellung Künstler favorisiere, die kaum hier tätig, aber international «trendy» seien – das Heimspiel funtioniere damit als ein «elitäres Sozialprogramm zur Entwicklung von Kuratorenkarrieren». Die tatsächlich hier lebenden und tätigen Kunstschaffenden kämen dagegen zu kurz.

Die Debatte ging mit Voten von Matthias Kuhn und Alex Meszmer weiter, und in der Zeitschrift «Schweizer Kunst», dem Organ des Dachverbands visarte, nahm Brandl 2013 die Kritik noch einmal grundsätzlich auf und forderte von den Kunstschaffenden mehr Konfrontation statt Konsens. Bei den Angegriffenen, dem früheren Kunsthallen-Leiter Gianni Jetzer und Koni Bitterli vom Kunstmuseum St.Gallen, sei sein «Einspruch» damals schlecht angekommen. Jetzer verwahrte sich ebenfalls im «Tagblatt» gegen den Vorwurf, die Lokalen zu wenig gefördert zu haben; er habe im Gegenteil «gerackert» für sie.

Seither gebe es eine «ziemlich alberne Fehde», schreibt Brandl jetzt in seinem illustrierten Mail (Bild unten). Neulich habe sich Koni Bitterli jedoch versöhnlich geäussert – für  Brandl seinerseits Anlass «to bury the hatchet» (das Kriegsbeil zu begraben), nach neun Jahren. «Denn eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Ich wurde als Künstler von vielen wunderbaren Kuratorinnen und Kuratoren, Museumsdirektoren und Museumsdirektorinnen unterstützt.»

«Doppelköpfiges Monster»

Zu seiner Kritik stehe er aber weiterhin, sagt Mark Staff Brandl auf Anfrage. Vielleicht habe er sich damals aber nicht klar genug ausgedrückt. Ihm sei es weniger um den konkreten St.Galler Heimspiel-Fall gegangen als um eine generelle Systemkritik.

Die Kritik betrifft die Dominatoren des postmodernen Kunstbetriebs – aus Brandls Sicht ein doppelköpfiges Monster, bestehend aus «Spekulanten und Bürokraten». Dieses System, ein Kind der Postmoderne seit circa den 1980er-Jahren, mache einzelne Künstler zu Superstars, an denen die paar Grossgalerien (wie Gagosian, David Zwirner, Pace oder Hauser&Wirth) sich bereicherten. Die solcherart gehypte Stilrichtung ironisiert Brandl in der Zeitschrift «Schweizer Kunst» als «Spät-Minimalismus-Neo-Konzeptkunst».

Auf der anderen Seite und Hand in Hand mit ihnen sieht er die Kuratoren, die «Apparatschiks» des weltweiten Netzes von Kunsthallen, zu denen auch viele Kunstmuseen zählten. Diese Kuratorengarde mit Namen wie Hans-Ulrich Obrist an der Spitze habe «die Position der Künstler an sich gerissen und die Ausstellung zum Kunstwerk gemacht»; die Künstler selber hätten «die Kontrolle über die hyperspekulative Hälfte der Kunstwelt verloren» – und die Frage sei: Wollen wir das?

Höre auf, Speichel zu lecken

Brandl will nicht. Er hat ein paar Vorschläge aufgelistet, wie sich diese Situation ändern liesse. Von Seiten der Kunstschaffenden heisst Massnahme Nummer eins: «Mache Kunst von extrem hoher Qualität.» Und Nummer zwei: «Übe offene Kritik an der Situation. Tritt Leuten auf die Füsse. Höre auf, Speichel zu lecken.» Oder Nummer fünf: «Vernetze dich positiv, auch international.» Auf Kuratorenseite fängt der Massnahmenkatalog ebenfalls mit der Qualität der Ausstellungen an, weiter heisst es: «Nutzt eure Macht zum Guten» oder «Seid Individualisten». Schliesslich: «Lasst uns Künstlern die Stellung als Kreative.»

Mark Staff Brandl: Painted Acted Artists, Jedlitschka Galerie Zürich, bis 15. Januar

Heimspiel in St.Gallen und Vaduz: bis 21. Februar Infos: heimspiel.tv

Auch der andere Kritik-Punkt gelte für ihn weiterhin: Mit einer «Weihnachtsausstellung» sei nicht genug getan für das regionale Kunstschaffen. «Man muss den Mix finden zwischen dem Lokalen und dem Internationalen.» Damit dies gelinge, brauche es keine internationalen Jet-Setter, sondern «eine lokale Szene und unsere lokalen Kuratorinnen und Kuratoren», schreibt Brandl.

Zugleich betont Mark Staff Brandl noch einmal: Er ziele damit nicht in erster Linie auf «unsere Leute hier», sondern auf das internationale System. Dieses zu kritisieren getraue sich kaum jemand – es herrsche ein Schonklima, in das er selber mit seiner amerikanisch direkten Art nicht ganz hineinpasse. «Darum habe ich vielleicht den Ton verfehlt.»

«Dichtes Netz für die Regionalen»

Koni Bitterli seinerseits hat die «Fehde» nie also solche empfunden, wie er auf Anfrage sagt. Die Kritik, das Museum leiste zu wenig für die hiesigen Kunstschaffenden, entspreche zudem «nicht den Fakten». Es gebe klare Plattformen im Programm des Museums und eine aus seiner Sicht richtige Mischung zwischen international und regional – eine allzu starke Ausrichtung aufs Lokale würde das Kunstmuseum als Ort der Auseinandersetzung gerade auch für die Künstler aus der Region unattraktiv machen, ist Bitterli überzeugt. Zudem sei das Netz von Ausstellungsräumen und Förderplattformen für zeitgenössische Kunst in der Ostschweiz überaus dicht. «Aber natürlich kann man es nicht allen recht machen» – das gelte für das jurierte Heimspiel ebenso wie für das kuratierte Museumsprogramm.

2015 scheint man es dennoch (fast) allen recht gemacht zu haben – eine Debatte zum Heimspiel blieb jedenfalls bis jetzt aus, anders als 2006.

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