«Es tut weh und es macht müde.» Das ist die bittere Bilanz einer Bosnierin aus dem Publikum in der Offenen Kirche am Freitagabend. Sie hat es satt, dass sie als Muslimin ständig unter Pauschalverdacht steht, sich rechtfertigen muss, zur Fremden gemacht wird.
So wie ihr geht es vielen Muslim:innen. Das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern eine diskursive Realität, die sich in der Öffentlichkeit – und im Fall der Schweiz – nicht zuletzt auch in Gesetzestexten manifestiert hat, siehe Minarett- und Burkaverbot. Die Basis dafür haben politische Kampagnen gelegt, unter anderem mit brachialen, rassistischen Plakaten, die auch über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt haben.
Antimuslimischer Rassismus muss benannt werden. Gerade auch in diesen Tagen, wo die Solidarität mit den ukrainischen, meist christlichen Geflüchteten so löblich und gross ist, sollte man darüber reden, auch wenn es unangenehm ist und manchen deplatziert erscheinen mag. Umso besser, dass das Kollektiv «We Talk» die Diskussion in der Offenen Kirche schon länger geplant und organisiert hat.
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Muslimaniac – die Karriere eines Feindbildes. Edition Körber, Hamburg 2021.
Zu Gast sind der Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç und die Publizistin und Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji. Tarek Naguib vom «We Talk»-Kollektiv führt durch den Abend. Der Aufhänger ist Keskinkılıçs Buch Muslimaniac – die Karriere eines Feindbildes. Darin beschreibt er aus historischer und persönlicher Perspektive, auch mit einer Prise Sarkasmus, wie «die Muslime zum Problem erfunden worden sind» – und wie wir aus dieser Negativspirale wieder herausfinden.
Hier ein Auszug aus der Einleitung:
Die Figur des Muslimaniac steht für eine strukturelle Paradoxie: Musliminnen und Muslime sollen Loyalität unter Beweis stellen, sich integrieren und anpassen, sich zu Rechtstaat, Demokratie und Ordnung bekennen, den Schritt aus der Tradition in die Moderne machen und sich «nach westlichem Vorbild» weiterentwickeln. Die Liste an Forderungen ist lang, doch das Versprechen auf Gleichheit und Gerechtigkeit löst sich nicht ein. Es besitzt nur eine Alibifunktion. Das Idealbild eines «guten», «integrierten» Muslims dient dazu, «böse» Muslime ins Visier zu nehmen. Doch wer «gut» und wer «böse» ist, das liegt in der Hand der mehrheitsdeutschen Autorität.
Ozan Zakariya Keskinkılıç
In der Offenen Kirche schildert Keskinkılıç, wie er seine Schulzeit und das gesellschaftliche Klima damals erlebt hat, wie aus den anfangs migrantischen Zuschreibungen plötzlich religiöse wurden; wie aus Türken, Algeriern oder Iranern generell «die Muslime» wurden und wie mit diesem Begriff gewisse Eigenschaften, Charakterzüge und Verhaltensweisen assoziiert werden, ähnlich wie bei dem eher jungen Begriff «Nafri», der sich im Nachgang des Silvesters 2016 in Köln etabliert habe.
«Und darin findet man sich dann wieder», sagt Keskinkılıç. «Da ist plötzlich eine Selbsterkennung durch die Augen anderer Menschen. Und du schaust in den Spiegel und du erkennst dich selbst gar nicht mehr. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Kann ich mich selbst sehen, wenn es andauernd diese Wörter, Begriffe und Debatten gibt, die auf mich geworfen werden? Man ringt unter dieser Last der Bilder.»
Amira Hafner-Al Jabaji, eine halbe Generation älter, hat erst im Erwachsenenalter mit dieser «Last der Bilder» zu kämpfen. Sie ist in den 80ern aufgewachsen, «mit einem stolzen Vater, der immer einen positiven Ansatz vermittelt hat bezüglich seiner arabisch-orientalischen Herkunft.» Er habe viel von den kulturellen Errungenschaften, von den Geschichten, der Kunst und Kultur berichtet, erinnert sie sich. Während ihrer Schulzeit habe es kaum Zuschreibungen über ihre Herkunft gegeben, weder positive noch negative.
Amira Hafner-Al Jabaji
Ab den 90er-Jahren habe sich das Bild dann gewandelt, sagt sie, auch aufgrund von politischen Ereignissen und terroristischen Anschlägen, aber nicht zuletzt auch durch kulturelle Zutaten. Betty Mahmoodys Buch Nicht ohne meine Tochter beispielsweise, ein riesen Bestseller, der auch verfilmt wurde, sei verheerend und ungemein prägend gewesen für die Wahrnehmung der islamischen Welt. «Die iranische Familie darin wurde als dreckig, habgierig etc. beschrieben. Praktisch alle negativen Eigenschaften, die Menschen haben können, wurden dieser Familie zugeordnet.»
Dieser antimuslimische Rassismus ist nicht neu, auch wenn er heute klarer benannt wird. In seinem Buch und auch in der Offenen Kirche zeigt Keskinkılıç die jahrhundertelange Entwicklung anhand vieler Beispiele auf, von den Kreuzzügen und der Reconquista in Spanien über die Kolonialgeschichte bis in die Gegenwart. Aus religiösen Kämpfen wurden kulturelle Identitäten wurden biologistische Logiken. Früher dienten die rassistischen Muster der Expansion Europas, heute werden sie gegen die «Überfremdung» oder die «Islamisierung» des Kontinents ins Feld geführt.
Ob damals oder heute: Muslimisch gelesen zu werden, sei immer auch eng verknüpft mit der Frage nach der Loyalität, halten Keskinkılıç, Hafner-Al Jabaji und Naguib fest. Bekennt man sich im Zweifel früher zum Christentum und heute zum Rechtstaat, zu freiheitlich-demokratischen Werten? Ist man bereit, auch wenn einen die Frage als Person überhaupt nicht tangiert, sich von «dem Islam» zu distanzieren, sich zu allen möglichen vermeintlich «muslimischen Themen» zu äussern? Immer schwingt der Generalverdacht mit.
Tarek Naguib
Das ist ermüdend. Es hemmt das Selbstbewusstsein, die Vielstimmigkeit und auch die Konfliktfreude innerhalb der eigenen Communities, sofern es diese denn überhaupt gibt, darin sind sich alle einig. Wie also ausbrechen? Wie schafft man es, «nicht über jedes Stöckchen zu springen», sich nicht auf das muslimisch-Sein zu reduzieren bzw. reduzieren zu lassen und die eigene Stimme zu stärken?
Hafner-Al Jabaji und Keskinkılıç setzen auf Allianzen. Einerseits in «der Kultur»: In der Verbindung von Kunst und Aktivismus liege eine grosse Kraft. Das betreffe alle Sparten, aber gerade im Comedybereich gebe es einige erfolgreiche Beispiele dafür, etwa die Datteltäter, Jilet Ayse oder Kanak Attak, wobei letztere die Deutsche «Leitkultur» schon seit den frühen Nullerjahren herausfordern.
Andererseits in den politischen Kämpfen: Hafner-Al Jabaji und Keskinkılıç plädieren stark für Intersektionalität, für die Verbindung der politischen Kämpfe. Beim Klima, bei der Geschlechtergerechtigkeit, beim Kampf gegen die soziale Ungleichheit oder eben gegen Rassismus – überall brauche es Allianzen, um vorwärts zu kommen und einen Schritt über den Kampf hinaus zu machen.
Diese Gleichzeitigkeit der Kämpfe sei nicht einfach zu stemmen und bedinge eine gewisse Ambiguitätstoleranz, sagt Keskinkılıç zum Schluss. «Aber nur so schaffen wir eine produktive Veränderung, eine neue Solidarität.» Das gelte im übrigen auch für die politische Linke, die sich Intersektionalität schon länger auf die Fahnen schreibe, sich aber dennoch zu wenig kritisch hinterfrage. «Rassismus ist nicht nur ein Problem der Rechten, Rassismus gibt es auch bei den Linken.»
Der Videomitschnitt des Gesprächs ist nach der Postproduction auf we-talk.ch abrufbar.
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