Kategorie
Autor:innen
Jahr

Nicht ohne meine Allianz

Antimuslimischer Rassismus war am Freitagabend das Thema in der Offenen Kirche St.Gallen. Wie man ihn überwindet, was ein Bestseller und lästige Loyalitätsfragen damit zu tun haben.
Von  Corinne Riedener , 
V. l. n. r.: Moderator Tarek Naguib, die Publizistin und Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji und der Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç. (Bilder: Raumsinn, Dani Fels)

«Es tut weh und es macht müde.» Das ist die bittere Bilanz einer Bosnierin aus dem Publikum in der Offenen Kirche am Freitagabend. Sie hat es satt, dass sie als Muslimin ständig unter Pauschalverdacht steht, sich rechtfertigen muss, zur Fremden gemacht wird.

So wie ihr geht es vielen Muslim:innen. Das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern eine diskursive Realität, die sich in der Öffentlichkeit – und im Fall der Schweiz – nicht zuletzt auch in Gesetzestexten manifestiert hat, siehe Minarett- und Burkaverbot. Die Basis dafür haben politische Kampagnen gelegt, unter anderem mit brachialen, rassistischen Plakaten, die auch über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt haben.

Antimuslimischer Rassismus muss benannt werden. Gerade auch in diesen Tagen, wo die Solidarität mit den ukrainischen, meist christlichen Geflüchteten so löblich und gross ist, sollte man darüber reden, auch wenn es unangenehm ist und manchen deplatziert erscheinen mag. Umso besser, dass das Kollektiv «We Talk» die Diskussion in der Offenen Kirche schon länger geplant und organisiert hat.

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Muslimaniac – die Karriere eines Feindbildes. Edition Körber, Hamburg 2021.

Zu Gast sind der Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç und die Publizistin und Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji. Tarek Naguib vom «We Talk»-Kollektiv führt durch den Abend. Der Aufhänger ist Keskinkılıçs Buch Muslimaniac – die Karriere eines Feindbildes. Darin beschreibt er aus historischer und persönlicher Perspektive, auch mit einer Prise Sarkasmus, wie «die Muslime zum Problem erfunden worden sind» – und wie wir aus dieser Negativspirale wieder herausfinden.

Hier ein Auszug aus der Einleitung:

Die Figur des Muslimaniac steht für eine strukturelle Paradoxie: Musliminnen und Muslime sollen Loyalität unter Beweis stellen, sich integrieren und anpassen, sich zu Rechtstaat, Demokratie und Ordnung bekennen, den Schritt aus der Tradition in die Moderne machen und sich «nach westlichem Vorbild» weiterentwickeln. Die Liste an Forderungen ist lang, doch das Versprechen auf Gleichheit und Gerechtigkeit löst sich nicht ein. Es besitzt nur eine Alibifunktion. Das Idealbild eines «guten», «integrierten» Muslims dient dazu, «böse» Muslime ins Visier zu nehmen. Doch wer «gut» und wer «böse» ist, das liegt in der Hand der mehrheitsdeutschen Autorität.

Ozan Zakariya Keskinkılıç

In der Offenen Kirche schildert Keskinkılıç, wie er seine Schulzeit und das gesellschaftliche Klima damals erlebt hat, wie aus den anfangs migrantischen Zuschreibungen plötzlich religiöse wurden; wie aus Türken, Algeriern oder Iranern generell «die Muslime» wurden und wie mit diesem Begriff gewisse Eigenschaften, Charakterzüge und Verhaltensweisen assoziiert werden, ähnlich wie bei dem eher jungen Begriff «Nafri», der sich im Nachgang des Silvesters 2016 in Köln etabliert habe.

«Und darin findet man sich dann wieder», sagt Keskinkılıç. «Da ist plötzlich eine Selbsterkennung durch die Augen anderer Menschen. Und du schaust in den Spiegel und du erkennst dich selbst gar nicht mehr. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Kann ich mich selbst sehen, wenn es andauernd diese Wörter, Begriffe und Debatten gibt, die auf mich geworfen werden? Man ringt unter dieser Last der Bilder.»

Amira Hafner-Al Jabaji, eine halbe Generation älter, hat erst im Erwachsenenalter mit dieser «Last der Bilder» zu kämpfen. Sie ist in den 80ern aufgewachsen, «mit einem stolzen Vater, der immer einen positiven Ansatz vermittelt hat bezüglich seiner arabisch-orientalischen Herkunft.» Er habe viel von den kulturellen Errungenschaften, von den Geschichten, der Kunst und Kultur berichtet, erinnert sie sich. Während ihrer Schulzeit habe es kaum Zuschreibungen über ihre Herkunft gegeben, weder positive noch negative.

Amira Hafner-Al Jabaji

Ab den 90er-Jahren habe sich das Bild dann gewandelt, sagt sie, auch aufgrund von politischen Ereignissen und terroristischen Anschlägen, aber nicht zuletzt auch durch kulturelle Zutaten. Betty Mahmoodys Buch Nicht ohne meine Tochter beispielsweise, ein riesen Bestseller, der auch verfilmt wurde, sei verheerend und ungemein prägend gewesen für die Wahrnehmung der islamischen Welt. «Die iranische Familie darin wurde als dreckig, habgierig etc. beschrieben. Praktisch alle negativen Eigenschaften, die Menschen haben können, wurden dieser Familie zugeordnet.»

Dieser antimuslimische Rassismus ist nicht neu, auch wenn er heute klarer benannt wird. In seinem Buch und auch in der Offenen Kirche zeigt Keskinkılıç die jahrhundertelange Entwicklung anhand vieler Beispiele auf, von den Kreuzzügen und der Reconquista in Spanien über die Kolonialgeschichte bis in die Gegenwart. Aus religiösen Kämpfen wurden kulturelle Identitäten wurden biologistische Logiken. Früher dienten die rassistischen Muster der Expansion Europas, heute werden sie gegen die «Überfremdung» oder die «Islamisierung» des Kontinents ins Feld geführt.

Ob damals oder heute: Muslimisch gelesen zu werden, sei immer auch eng verknüpft mit der Frage nach der Loyalität, halten Keskinkılıç, Hafner-Al Jabaji und Naguib fest. Bekennt man sich im Zweifel früher zum Christentum und heute zum Rechtstaat, zu freiheitlich-demokratischen Werten? Ist man bereit, auch wenn einen die Frage als Person überhaupt nicht tangiert, sich von «dem Islam» zu distanzieren, sich zu allen möglichen vermeintlich «muslimischen Themen» zu äussern? Immer schwingt der Generalverdacht mit.

Tarek Naguib

Das ist ermüdend. Es hemmt das Selbstbewusstsein, die Vielstimmigkeit und auch die Konfliktfreude innerhalb der eigenen Communities, sofern es diese denn überhaupt gibt, darin sind sich alle einig. Wie also ausbrechen? Wie schafft man es, «nicht über jedes Stöckchen zu springen», sich nicht auf das muslimisch-Sein zu reduzieren bzw. reduzieren zu lassen und die eigene Stimme zu stärken?

Hafner-Al Jabaji und Keskinkılıç setzen auf Allianzen. Einerseits in «der Kultur»: In der Verbindung von Kunst und Aktivismus liege eine grosse Kraft. Das betreffe alle Sparten, aber gerade im Comedybereich gebe es einige erfolgreiche Beispiele dafür, etwa die Datteltäter, Jilet Ayse oder Kanak Attak, wobei letztere die Deutsche «Leitkultur» schon seit den frühen Nullerjahren herausfordern.

Andererseits in den politischen Kämpfen: Hafner-Al Jabaji und Keskinkılıç plädieren stark für Intersektionalität, für die Verbindung der politischen Kämpfe. Beim Klima, bei der Geschlechtergerechtigkeit, beim Kampf gegen die soziale Ungleichheit oder eben gegen Rassismus – überall brauche es Allianzen, um vorwärts zu kommen und einen Schritt über den Kampf hinaus zu machen.

Diese Gleichzeitigkeit der Kämpfe sei nicht einfach zu stemmen und bedinge eine gewisse Ambiguitätstoleranz, sagt Keskinkılıç zum Schluss. «Aber nur so schaffen wir eine produktive Veränderung, eine neue Solidarität.» Das gelte im übrigen auch für die politische Linke, die sich Intersektionalität schon länger auf die Fahnen schreibe, sich aber dennoch zu wenig kritisch hinterfrage. «Rassismus ist nicht nur ein Problem der Rechten, Rassismus gibt es auch bei den Linken.»

Der Videomitschnitt des Gesprächs ist nach der Postproduction auf we-talk.ch abrufbar.

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149