«Manchmal sind leise Stimmen und glänzende Oberflächen viel mehrdeutiger, viel subversiver als lauter Protest», schreibt Bettina Dyttrich in ihrem neuen Buch und fasst damit schon relativ gut zusammen, wohin sich der Schweizer Pop derzeit bewegt.
Die WOZ-Journalistin unternimmt in ihrem Buch eine Reise an die popmusikalischen Ränder, dorthin, wo «Pop» eben nicht einfach als zwangsbespassender Heimatkitsch unter die Massen gejasst wird, sondern wo es auch mal ungemütlich wird und Widersprüche offengelegt, Fragen offengelassen werden und wo nichts ferner liegt, als sich büetzerbubig das Label «CH-Pop» anzuheften.
Immerhin den kritischen oder zumindest ambivalenten Heimatbezug hat sich die etablierte alternative Musikszene der Schweiz aus den 90er-Jahren in dieses Zeitalter hinübergerettet, in dem vermeintlich hinter jeder Ecke ein Diskriminierungsvorwurf lauert und man einander nicht mehr so gerne fundiert auf die Füsse tritt. Was nicht nur schlecht sein muss, auch wenn man sich hie und da auch wieder mal ein bisschen mehr Rotz wünschen würde – natürlich ohne jetzt den unsäglichen Chris von Rohr zitieren zu wollen.
Szene ist vielfältiger geworden
Damals in den 90ern war Dyttrich noch ein Teenager und in der Musikwelt schien eigentlich alles klar: Rebellische Musik war laut und wütend, alles was poppig klang, stand unter Kapitalismusverdacht. Allerdings läuft harte Musik – gewollt oder unbewusst – auch immer wieder Gefahr, tumbes Machogehabe zu reproduzieren. Dyttrich spricht hier gewitzt von «Sackgassen». Was aber nicht heisst, dass sich der kluge Pop in der Schweiz um harte Töne foutiert, wie im Buch etwa das genfer-zürcherische Frauen-Punk-Duo Ester Poly oder Zeal & Ardor aus Basel mit ihrem einzigartigen Genremix aus Black Metal und Gospel belegen.
Zweifellos tut es der Szene in der Schweiz gut, dass sie in den vergangenen Jahren diverser und offener geworden ist. Diese Vielfalt ist ein Hauptantrieb, warum Dyttrich dieses Buchprojekt in Angriff genommen hat.
Bettina Dyttrich: Es hilft, dass ich Leute anschreien darf, Rotpunktverlag Zürich 2022, Fr. 47.90
Natürlich spricht die St.Galler Autorin auch mit Stahlberger, respektive zwei Mitgliedern der Band, Manuel Stahlberger und Marcel Gschwend alias Bit-Tuner. Dabei geht es um die musikalische Entwicklung der Band, wie die Musik sich von Album zu Album immer mehr von der reinen Textbegleitung zum integralen Bestandteil wandelt.
Dyttrichs Einstiegsfrage zielt auf das Heimatgefühl ab, die Antworten mäandern zunächst durch persönliche Befindlichkeiten (um die es offenbar gut bestellt ist), bis man dann doch noch bei der Ostschweizer Melancholie anlangt. Gschwend macht die Grösse St.Gallens, diese Mischung aus Stadt und Dorf immer noch zu schaffen («zu wenig Leute»), weshalb er sein Studio nach wie vor in Zürich hat. Andererseits sei die überschaubare Musik- und Kulturszene auch nicht so separiert wie in grösseren Orten, die Leute seien inhaltlich toleranter. Darum sei in St.Gallen manchmal auch fast mehr möglich als andernorts.
Stahlberger gefällt «das Bockige, das St.Gallen haben kann». Hier habe er jahrelang vor sich hinwursteln können, ohne dass jemand auf die Idee gekommen sei, sich auf demselben Feld zu versuchen. «Wenn du in Zürich drei lustige Abende gemacht hast, wird gleich eine Marke draus.»
Zwischen Kunst und Kommerz
Im Beitrag über die St.Galler Sängerin Priya Ragu verbinden sich Ostschweizer Lokalkolorit und Weltläufigkeit in eigenartiger Weise. Priya Ragu, ehemals Büroangestellte bei der Swiss, die auf Englisch und Tamilisch singt und plötzlich einfach da war, wie Dyttrich schreibt, ohne dass man es hierzulande richtig bemerkt hätte. Ihre ersten Erfolge als Sängerin feierte sie in Indien und in London. Heute tingelt sie zwischen London und Zürich hin und her.
Ein Interview zu bekommen, war auch für die gestandene Journalistin Bettina Dyttrich kein Leichtes. Warner Music taktet das Leben von Priya Ragu, die Managerin beendet das Interview nach exakt 45 Minuten. So richtig kriegt man Priya Ragu auch nach der Lektüre des Buchinterviews nicht zu fassen.
Buchvernisssage mit Lesung, Bildern, Gespräch, Konzert mit Ester Poly und Musik von DJ Kutschenfahrt: 16. Oktober, 16 bis 23 Uhr, Palace St.Gallen
So kehrt man mit Dyttrich dann gerne wieder zurück an die familiären, noch nicht von Grosskonzernen zermanagten Ränder des Schweizer Pop, an die Bad Bonn Kilbi, ins St.Galler Palace, in den Bieler Gaskessel, in die Kaserne Basel, in die Usine in Genf. Dort, wo gerade die leisen Töne subversiv sind und dennoch auch mal gerne geschrien wird. Diese Widersprüche und diese Vielfalt sind es, da kann man Dyttrich durchaus recht geben, die den Schweizer Pop abseits der SRF3-Hitparade derzeit so spannend machen wie nie zuvor.
Nebst den 13 Musiker:innen-Interviews ist das Buch ergänzt um einen Essay über die Bedeutung der Konzertorte und eine Recherche über die Ökonomie des Schweizer Pop. Ausserdem ist es reich illustriert mit Konzert- und Backstage-Fotos von Florian Bachmann und Tatjana Rüegsegger. Absolute Lese- und Anschauempfehlung!
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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