«Everyday I wanna be somebody else»

Wenns mir schlecht geht, höre ich Crimer. Und live ist er eh eine Wucht. Aus dem Rheintal kommt eben doch hin und wieder auch was Gutes. Kein kritisches Portrait.
Von  Corinne Riedener
Artwork: Mindaugas Matulis, in Zusammenarbeit mit Rumeshdilan.

Nix gegen Marius Baer, aber wenn ein cryender Boy aus der Ostschweiz an den Eurovision Songcontest gehört, dann ist es Alexander Frei alias Crimer. «Cry me, cry me a river. You don’t need no reason baby. Boys are crying all the time», singt er schon in Bois cry (2019). Oder im Song Coward (2018): «What is hope, what is money? When you got no tears. When you hide your tears.» Es gäbe noch mehr Beispiele.

Im Ernst, liebes Publikum und liebe Fachjury, auch ohne Tränen würde das Crimer-Gesamtpaket bestens in den ESC-Zirkus passen: Seine Fake Nails, sein Synth-Sound, seine zappligen Dance Moves und nicht zuletzt seine Nähe zur queeren Community, die jedes Jahr zahlreich mitfiebert, würden der Schweiz sicher mehr als nur Sympathiepunkte einbringen. Und: Er liefert ab live.

Alles ein bisschen Jane Fonda

Frauenfeld Ende Juli, Crimer spielt am letzten Abend des Out in the Green Garden. Der sonntägliche Festivalbesuch scheint für viele die sympathische Alternative zu all den heimatseligen 1. August-Feiern in der Provinz zu sein. Vor der Bühne warten zwar nicht tausende Leute wie zwei Wochen zuvor, als Crimer am Gurten gespielt hat. Trotzdem ist das Gejohle gross, als er endlich loslegt, flankiert von Moritz Schädler an der Gitarre und Tim Wettstein am Keyboard, alle in gepflegter 80er-Kluft.

Alexander Frei alias Crimer ist in Balgach aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Früher war er im Kirchenchor, in diversen Bandformationen und solo als Batman Band unterwegs. Bekannt wurde Crimer 2017, damals noch mit Boyband-Memorial-Mittelscheitel, mit der Single Brotherlove, das Video dazu hat er mit Drag Queen Milky Diamond aufgenommen.

Crimer live: 16. September, Weihern Openair in St.Gallen

Vorne singen viele mit. Drei Songs, dann hat Crimer auch die Hintersten abgeholt. Mittlerweile erhellen nur noch die Bühnenlichter den Murg-Auen-Park, und man wird förmlich in dieses Wurmloch hineingesogen, hinein in die pulsierende Welt der Synthesizer, Schulterpolster und Vokuhilas, wo alles ein bisschen unkomplizierter ist, ein bisschen leichtfüssiger, ein bisschen Jane Fonda. Dabei besteht diese Welt keineswegs nur aus Zuckerwatte und Federboas. Oft schwingt in Freis Stimme eine gewisse Wehmut mit, Selbstzweifel und fehlende Authentizität sind wiederkehrende Motive in seinen Texten, siehe bzw. höre David – ein Song, der ihm sehr viel bedeutet –, Falling Apart, My Demons oder Badface.

Es hätte mehr Publikum haben können in Frauenfeld, aber er ist zufrieden. «Total lüübi Stimmig isch xsi!», sagt Frei in schönstem Balgacherisch, als wir uns einige Tage später in Zürich treffen, wo er mittlerweile wohnt. Und zu seiner Performance: «Wenn ich tags darauf Muskelkater vom Tanzen habe, war es ein gutes Konzert. Und das war definitiv der Fall.»

Prägend: die Zeit im Bandunterricht

Wir sitzen im Café des Amis, Chreis sächs, und Frei erzählt von seinen musikalischen Anfängen. Nicht von jener Zeit, als er als Batman Band noch solo in der verqualmten St.Galler Millionaire’s Bar stand, sondern von ganz früher, von seiner Schülerband im Rheintal, als er The Rasmus und die Strokes gut fand, und wie sie am Szene Openair in Lustenau nach ihrem ersten grossen Konzert aus dem Backstage geworfen wurden. «Seither war ich nur noch als Gast da», sagt er und lacht. Wie sehr ihn diese Zeit im Bandunterricht geprägt hat, habe er erst mit der Zeit realisiert.

Mittlerweile kann Frei von seiner Musik leben, beschäftigt ein Freelance-Team von rund acht Leuten. Musikalische Bildung im klassischen Sinn hat er keine. «Ich hatte mal ein halbes Jahr Gitarrenunterricht, danach hatte ich das Gefühl, ich kann alles», erklärt der 32-Jährige grinsend. «Dasselbe gilt für den Gesangsunterricht. Aktuell vertiefe ich mich in der Musiktheorie, damit ich endlich mal weiss, was ich da genau mache, wenn ich abends an meinen Synthesizern herumspiele und an neuen Songs tüftle – das wird vermutlich wieder ähnlich enden.»

Es ist heiss, die Laune ist gut, am Wochenende besuchte Frei wie fast jedes Jahr das Szene Openair, heute hat er Papitag. Die Kleine weilt während unserem Gespräch beim Schwager in spe – «einer wichtigen und sehr inspirierenden Bezugsperson». Wir reden über Freis Entscheid, ab 2018 ganz auf die Musik zu setzen («Meine Eltern waren anfangs nicht sehr begeistert davon, und auch ich selber ertappe mich regelmässig im Bünzli-Modus»), über den Druck als Künstler («Hält sich ehrlich gesagt in Grenzen. Ich mache einfach, was mir gefällt und rücke mit neuen Songs erst heraus, wenn ich das Gefühl habe, dass sie fertig sind») und natürlich über seine Krallen, die an diesem Tag Tribal-verziert in Schwarz und Gold leuchten («Mittlerweile habe ich mich an die schrägen Blicke gewöhnt»).

Wenn er mit Drag Queens auftrete oder sich die Nägel machen lasse, stecke dahinter keine politische Agenda, sagt Frei. «Diese Dinge haben sich einfach ergeben, ich hatte eben Lust drauf.» Neugier sei ein grosser Antrieb in seinem Leben. Und der ständige Drang nach Veränderung. «Oft stehe ich vor dem Spiegel und überlege, welchen Style ich noch ausprobieren könnte. Ich bewundere zum Beispiel Leute, die immer die gleiche Frisur haben und total okay damit sind», sagt er lachend. «Aber natürlich freue ich mich, wenn ich Aufmerksamkeit für die Drag-Kultur kreieren und einen Teil zu deren Normalisierung beitragen kann. Oder wenn der Sohn einer Bekannten ‹auch so coole Nägel wie Crimer› haben will.»

Von allem ein bisschen zu viel – und das ist gut so

Oft habe ich mich gefragt, was mich an Crimer so fasziniert. Die Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln? Der Resonanzraum, den er für meine verschüttete kitschige Seite auftut? Die leise Melancholie, die sich unter dem ganzen Glamour verbirgt? Oder sind es schlicht die Synths und Hooks, die so hübsch knallen? Vermutlich eine Mischung von allem. Und sicher spielt auch die Tatsache mit, dass er so wohltuend unsanktgallerisch ist.

Stahlberger, Dachs, Knöppel. Ostschweizer Musikexporte punkten meist mit Dialekt und lyrischem Lokalkolorit. Ihr Quasi-USP ist, dass sie aus dem brötigen Osten kommen und entsprechend auch selber einigermassen verschroben sind, bewusst glanzlos. Das ist im Einzelfall sympathisch, in der Summe aber ermüdend. Anders bei Crimer. Seiner Musik hört man nicht an, dass er aus Balgach stammt. Er könnte auch in Basel oder Brighton aufgewachsen sein, strahlt ein für Ostschweizer Verhältnisse übertriebenes, fast schon anmassendes Selbstvertrauen aus. Von allem ein bisschen zu viel, könnte man sagen, aber genau dieser Überschwang macht seine Performance aus.

Man kann ihm natürlich vorwerfen, dass er zu radiotauglich, zu poppig ist. Mag sein, ist Ansichtssache, aber wer «Pop» als Schimpfwort verwendet, hat ohnehin ein Klassenproblem. Natürlich gibt es auch schlechte Popmusik, aber nur weil etwas die Masse berührt, muss es noch lange nicht unterkomplex sein. Und: Glamouröses Selbstbewusstsein mit einem Schuss Retro, das zieht, wie auch die italienische Rockband Måneskin vor zwei Jahren bewiesen hat.

Womit wir wieder bei meiner Forderung wären: Crimer an den ESC! «Mal sehen», sagt er selber zu diesem Thema. «Ich weiss noch nicht, ob ich mich dieses Jahr bewerbe.»

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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