Monate bevor die Siedlung Waldacker, gelegen neben dem Tröckneturm, am Hang zwischen Fürstenland- und Zürcherstrasse, im Herbst 2021 bezugsbereit war, waren alle 110 Wohnungen vermietet. Und dies, obwohl die beiden, sich schlangenförmig an den Hang schmiegenden Baukörper in vielen Punkten unkonventionell sind.
Am auffälligsten ist wohl die Erschliessung über die Terrassen: Über aussenliegende Treppenhäuser hinter Stahlstäben steigt man auf die eigene Etage und kann direkt oder auch an benachbarten Wohnungstüren und Aussensitzplätzen vorbei, zur eigenen Türe.
Bei einer Führung fanden einige Besucher:innen: «Das wäre nichts für mich.» Wer sich im Waldacker aber für diese Wohnform entschieden hat, dem scheint sie zu gefallen. Fast alle Balkonnischen sind möbliert, teils sorgfältig dekoriert. Hier zeigt man sich den Nachbarn und wohnt nicht anonym nebeneinander. Ob sich das langfristig bewährt?
Es seien keine Laubengang-Erschliessungen, betonen die Architekten, auch wenn sie diesem alten Prinzip sehr nahekommen. Im Waldacker haben nur je zwei Wohnungen ein gemeinsames aussenliegendes Treppenhaus. Man muss also nicht vor den Fenstern und Sitzplätzen der Nachbarn vorbei – aber man kann. Dass deshalb einige Bewohner:innen die Privatsphäre vermissen könnten, war den Architekten klar. Die persönlichen Bereiche auf den Terrassen lassen sich deshalb mit Vorhängen abtrennen.
Variantenreiche Grundrisse
Initiiert hat die Siedlung die Ortsbürgergemeinden St.Gallen (OBG). Ihr gehört dort der Boden. Sie hatte in einem Wettbewerbsverfahren aus 25 Projekten jenes von Oxid Architektur aus Zürich ausgewählt (die damals noch Burkhalter Sumi Architekten hiessen). Ihr Vorschlag waren die 120 Meter langen Zeilen, die alle 40 Meter leicht abknicken. Mit Ausnahme der Kellergeschosse handelt es sich um einen Holzelement-Bau mit Treppenzugängen aus Stahl – weil der Brandschutz Holztreppen nicht bewilligen konnte. Das Holz für die beiden Gebäude stammt zwar nicht aus dem eigenen Forst, doch was hier verbaut wurde, wächst umgerechnet allein in den Wäldern der Ortsbürgergemeinde in viereinhalb Monaten wieder nach.
Die Architekten haben keine uniformen Behausungen geplant: Die insgesamt 110 Wohnungen mit 1,5 bis 5,5 Zimmern gibt es in 75 Varianten, jeweils mit unterschiedlichem Grundriss. Einzelne sind auch zweigeschossig, doch diese «Maisonetten» sind hier nicht – wie sonst immer – die teuersten oben auf dem Dach, sondern die untersten, im Hang platzierten.
Gemeinschaft mit strengen Regeln
Geachtet wurde auch auf möglichst wenig Verkehrsfläche: Hinter der Eingangstüre steht man entweder direkt in der Küche oder in der Stube, Korridore gibt es so gut wie keine. Das reduziert den Flächenverbrauch, ohne dass die Wohnfläche kleiner wird.
Wer einen Bastelraum wünscht, kann ihn dazumieten, für kleinere Anlässe ausserhalb der Wohnung gibts einen Gemeinschaftsraum und im Sommer können die zwei Elektrogrills draussen für Nachbarschaftskontakte sorgen – allerdings verlangt da die Verwaltung in militärischem Ton die Einhaltung strenger Regeln.
Nicht alles kann auf Anhieb gut gehen, ist man versucht zu denken, wenn man diese Grillordnung liest und fragt sich ausserdem: Warum braucht in einer solchen Siedlung jede Wohnung ihren eigenen Wäscheturm? Warum nicht gemeinschaftliche Waschküchen? Und die hässlichen Veloständer im Freien, die sind doch eine Faust aufs Auge der eleganten Architektur. Sie sollen aber demnächst wieder verschwinden.
Ökologischer Pionierbau
Die Überbauung Waldacker ist ein ökologischer Vorzeigebau und hat schon das Platin-Label des «Standards nachhaltiges Bauen Schweiz» erhalten – als erstes Gebäude im Land. Dies, weil beispielsweise die Zahl der Parkplätze deutlich unter der Norm liegt: 80 Plätze für 110 Wohnungen, und auch dies nur für die grösseren Familienwohnungen. In der Garage stehen dafür zwei Mobility-Autos, und selbstverständlich gibt es Steckdosen für E-Autos und E-Bikes. Ein Mobility-Abonnement brauchen die Bewohner:innen übrigens nicht separat zu bezahlen – es ist im Mietpreis bereits inbegriffen.
In jeder Wohnung lässt sich über den Touchscreen die Raumtemperatur regeln, und der Wärmeverbrauch für Heizung und Warmwasser wird angezeigt. Auf dem Bildschirm gibts auch den Fahrplan, einen Familienkalender und aktuelle News aus der Siedlung – eSmart nennt sich die Technologie, die es erlaubt, per Handy auch aus der Ferne die Heizung zu steuern. Geheizt wird mit Fernwärme, den Strom aus den Fotovoltaik-Modulen auf einem Teil der Dächer können die Bewohner:innen direkt nutzen.
Die Ortsbürgergemeinde hat hier nicht selber gebaut. Sie hat aber keinen Boden verkauft, sondern stellt diesen im Baurecht gegen einen Zins von 280‘000 Franken pro Jahr zur Verfügung. Finanziert hat den Bau die Pensionskasse Previs, Privera tritt als Bewirtschafterin auf.
Previs wird auch das nächste grosse Projekt auf Boden der Ortsbürgergemeinde finanzieren, die Überbauung «Stadtsägi» im Linsenbühl in der es einen hohen Anteil von Student:innen-Wohnungen geben wird – ebenfalls in einem Holzbau. Wieder wird die Ortsbürgergemeinden drauf pochen, dass so nachhaltig gebaut wird, wie es das Wettbewerbsprojekt versprach und die Investoren nicht aus Spargründen Abstriche machen. Die Visiere auf dem «Stadtsägi»-Areal stehen schon.
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